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Heinrich Böll
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Heinrich Bölls Sympathie
gehört denen, die mit ihrem Husten die Harmonie stören, den ehrlichen
Außenseitern unserer Gesellschaft wie dem Helden der Titelgeschichte, der trotz
drohenden Berufsverbots weiterhin Exil-Chilenen besucht und ihnen in
selbstverständlicher Weise hilft. »Böll nimmt in dieser Geschichte die
parteiliche Haltung des Sympathisanten mit den modernen Parias unserer
Gesellschaft, den Vertriebenen, den Flüchtlingen, den politisch Unangepaßten,
ein, eine Haltung, die ihn sehr oft ins Feld von Ärgernissen und
Mißverständnissen gebracht hat. |
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Was es mit Heidelberg und
dem zu oft Dahinfahren wirklich auf sich hat, bleibt so vage, wie ein
denunziatorisches Gerücht sein muß, um tatsächlich schaden zu
können.« Robert Stauffer, Saarländischer Rundfunk
»Bölls Parteilichkeit
ist die Parteilichkeit mit den Unterdrückten, mit den kleinen Leuten, den
Verfolgten, den zu Unrecht Verdächtigten, den Zukurzgekommenen.« Sylvia
Backhaus |
ich habe dieses Büchlein schon seit 1979, war
damals im Verlag Lamuv erschienen, und ist handsigniert von
Böll.
Leseprobe:
Für
Klaus Staeck, der weiß, daß die Geschichte von Anfang bis Ende erfunden ist
und doch zutrifft.
Abends, als er im
Schlafanzug auf der Bettkante saß, auf die Zwölf-Uhr-Nachrichten wartete und
noch eine Zigarette rauchte, versuchte er im Rückblick den Punkt zu finden, an
dem ihm dieser schöne Sonntag weggerutscht war. Der Morgen war sonnig gewesen,
frisch, maikühl noch im Juni, und doch war die Wärme, die gegen Mittag kommen
würde, schon spürbar: Licht und Temperatur erinnerten an vergangene
Trainingstage, an denen er zwischen sechs und acht, vor der Arbeit, trainiert
hatte. Eineinhalb Stunden lang war er radgefahren am Morgen, auf Nebenwegen
zwischen den Vororten, zwischen Schrebergärten und Industriegelände, an grünen
Feldern, Lauben, Gärten, am großen Friedhof vorbei bis zu den Waldrändern hin,
die schon weit jenseits der Stadtgrenze lagen; auf asphaltierten Strecken hatte
er Tempo gegeben, Beschleunigung, Geschwindigkeit getestet, Spurts eingelegt und
gefunden, daß er immer noch gut in Form war und vielleicht doch wieder einen
Start bei den Amateuren riskieren konnte; in den Beinen die Freude übers
bestandene Examen und der Vorsatz, wieder regelmäßig zu trainieren. Beruf,
Abendgymnasium, Geldverdienen, Studium - er hatte wenig dran tun können in den
vergangenen drei Jahren; er würde nur einen neuen Schlitten brauchen; kein
Problem, wenn er morgen mit Kronsorgeler zurechtkam, und es bestand kein
Zweifel, daß er mit Kronsorgeler zurechtkommen würde. Nach dem Training
Gymnastik auf dem Teppichboden in seiner Bude, Dusche, frische Wäsche, und dann
war er mit dem Auto zum Frühstück zu den Eltern hinausgefahren: Kaffee und
Toast, Butter, frische Eier und Honig auf der Terrasse, die Vater ans Häuschen
angebaut hatte; die hübsche Jalousie - ein Geschenk von Karl, und im wärmer
werdenden Morgen der beruhigende, stereotype Spruch der Eltern: »Nun hast du's
ja fast geschafft; nun hast du's ja bald geschafft.« Die Mutter hatte »bald«,
der Vater »fast« gesagt, und immer wieder der wohlige Rückgriff auf die Angst
der vergangenen Jahre, die sie einander nicht vorgeworfen, die sie miteinander
geteilt hatten: über den Amateurbezirksmeister und Elektriker zum gestern
bestandenen Examen, überstandene Angst, die anfing, Veteranenstolz zu werden;
und immer wieder wollten sie von ihm wissen, was dies oder jenes auf spanisch
hieß: Mohrrübe oder Auto, Himmelskönigin, Biene und Fleiß, Frühstück, Abendbrot
und Abendrot, und wie glücklich sie waren, als er auch zum Essen blieb und sie
zur Examensfeier am Dienstag in seine Bude einlud: Vater fuhr weg, um zum
Nachtisch Eis zu holen, und er nahm auch noch den Kaffee, obwohl er eine Stunde
später bei Carolas Eltern wieder würde Kaffee trinken müssen; sogar einen Kirsch
nahm er und plauderte mit ihnen über seinen Bruder Karl, die Schwägerin Hilda,
Elke und Klaus, die beiden Kinder, von denen sie einmütig glaubten, sie würden
verwöhnt - mit all dem Hosen- und Fransen- und Rekorderkram, und immer wieder
dazwischen die wohligen Seufzer »Nun hast du's ja bald, nun hast du's ja fast
geschafft.« Diese »fast«, diese »bald« hatten ihn unruhig gemacht. Er hatte es
geschafft! Blieb nur noch die Unterredung mit Kronsorgeler, der ihm von Anfang
an freundlich gesonnen gewesen war. Er hatte doch an der Volkshochschule mit
seinen Spanisch-, am spanischen Abendgymnasium mit seinen Deutschkursen Erfolg
gehabt. Später half er dem Vater beim Autowaschen, der Mutter beim
Unkrautjäten, und als er sich verabschiedete, holte sie noch Mohrrüben,
Blattspinat und einen Beutel Kirschen in Frischhaltepackungen aus ihrem
Tiefkühler, packte es ihm in eine Kühltasche und zwang ihn, zu warten, bis sie
für Carolas Mutter Tulpen aus dem Garten geholt hatte; inzwischen prüfte der
Vater die Bereifung, ließ sich den laufenden Motor vorführen, horchte ihn
mißtrauisch ab, trat dann näher ans heruntergekurbelte Fenster und fragte:
»Fährst du immer noch so oft nach Heidelberg - und über die Autobahn?« Das
sollte so klingen, als gelte die Frage der Leistungsfähigkeit seines alten,
ziemlich klapprigen Autos, das zweimal, manchmal dreimal in der Woche diese
insgesamt achtzig Kilometer schaffen mußte. »Heidelberg? Ja, da fahr ich noch
zwei-, dreimal die Woche hin - es wird noch eine Weile dauern, bis ich mir einen
Mercedes leisten kann.« »Ach, ja, Mercedes«, sagte der Vater, »da ist doch
dieser Mensch von der Regierung, Kultur, glaube ich, der hat mir gestern wieder
seinen Mercedes zur Inspektion gebracht. Will nur von mir bedient werden. Wie
heißt er doch noch?« »Kronsorgeler?« »Ja, der. Ein sehr netter Mensch -
ich würde ihn sogar ohne Ironie vornehm nennen.« Dann kam die Mutter mit dem
Blumenstrauß und sagte: »Grüß Carola von uns, und die Herrschaften natürlich.
Wir sehen uns ja am Dienstag.« Der Vater trat, kurz bevor er startete, noch
einmal näher und sagte: »Fahr nicht zu oft nach Heidelberg - mit dieser
Karre!«
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Carola war noch
nicht da, als er zu Schulte-Bebrungs kam. Sie hatte angerufen und ließ
ausrichten, daß sie mit ihren Berichten noch nicht fertig war, sich aber beeilen
würde; man sollte mit dem Kaffee schon anfangen. Die Terrasse war größer, die
Jalousie, wenn auch verblaßt, großzügiger, eleganter das Ganze, und sogar in der
kaum merklichen Verkommenheit der Gartenmöbel, dem Gras, das zwischen den Fugen
der roten Fliesen wuchs, war etwas, das ihn ebenso reizte wie manches Gerede bei
Studentendemonstrationen; solches und Kleidung, das waren ärgerliche Gegenstände
zwischen Carola und ihm, die ihm immer vorwarf, zu korrekt, zu bürgerlich
gekleidet zu sein. Er sprach mit Carolas Mutter über Gemüsegärten, mit ihrem
Vater über Radsport, fand den Kaffee schlechter als zu Hause und versuchte,
seine Nervosität nicht zu Gereiztheit werden zu lassen. Es waren doch wirklich
nette, progressive Leute, die ihn völlig vorurteilslos, sogar offiziell, per
Verlobungsanzeige akzeptiert hatten; inzwischen mochte er sie regelrecht, auch
Carolas Mutter, deren häufiges »entzückend« ihm anfangs auf die Nerven gegangen
war. Schließlich bat ihn Dr. Schulte-Bebrung - ein bißchen verlegen, wie ihm
schien - in die Garage und führte ihm sein neu erworbenes Fahrrad vor, mit dem
er morgens regelmäßig ein »paar Runden« drehte, um den Park, den Alten Friedhof
herum; ein Prachtschlitten von einem Rad; er lobte es begeistert, ganz ohne
Neid, bestieg es zu einer Probefahrt rund um den Garten, erklärte
Schulte-Bebrung die Beinmuskelarbeit (er erinnerte sich, daß die alten Herren im
Verein immer Krämpfe bekommen hatten!), und als er wieder abgestiegen war und
das Rad in der Garage an die Wand lehnte, fragte Schulte-Bebrung ihn: »Was
denkst du, wie lange würde ich mit diesem Prachtschlitten, wie du ihn nennst,
brauchen, um von hier nach - sagen wir Heidelberg zu fahren?« Es klang wie
zufällig, harmlos, zumal Schulte-Bebrung fortfuhr: »Ich habe nämlich in
Heidelberg studiert, hab auch damals ein Rad gehabt, und von dort bis hier habe
ich damals - noch bei jugendlichen Kräften - zweieinhalb Stunden gebraucht.« Er
lächelte wirklich ohne Hintergedanken, sprach von Ampeln, Stauungen, dem
Autoverkehr, den es damals so nicht gegeben habe; mit dem Auto, das habe er
schon ausprobiert, brauche er ins Büro fünfunddreißig, mit dem Rad nur dreißig
Minuten. »Und wie lange brauchst du mit dem Auto nach Heidelberg?« »Eine halbe
Stunde.« Daß er das Auto erwähnte, nahm der Nennung Heidelbergs ein bißchen
das Zufällige, aber dann kam gerade Carola, und sie war nett wie immer, hübsch
wie immer, ein bißchen zerzaust, und man sah ihr an, daß sie tatsächlich todmüde
war, und er wußte eben nicht, als er jetzt auf der Bettkante saß, eine zweite
Zigarette noch unangezündet in der Hand, er wußte eben nicht, ob seine
Nervosität schon Gereiztheit gewesen.......
Ein schönes
Büchlein von Böll, und sogar spannend zu lesen. Und: man kann es immer wieder
lesen, hinter einfacher Handlung ist tiefer
Sinn. | |
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