Dieses Büchlein ist mir gerade wieder eingefallen, habe es
damals gleich nach Erscheinen gelesen......und damit begann eigentlich mein
Interesse für Irland.........
Es ist illustriert von Eduard Prüssen... Dieses neue, 2000
erschienene Büchlein sieht vermutlich anders aus, hat aber den gleichen
Inhalt........
Irisches
Tagebuch
Inhalt
Ankunft I
Ankunft II
Bete für die Seele des Michael O'Neill
Mayo - God help us
Skelett einer menschlichen Siedlung
Ambulanter
politischer Zahnarzt
Porträt einer irischen Stadt
Limerick am Morgen
Limerick am Abend
Als Gott die Zeit machte
Betrachtungen über
den irischen Regen
Die schönsten Füße der Welt
Der tote Indianer in der
Duke Street
Blick ins Feuer
Wenn Seamus einen trinken will
Das
neunte Kind der Mrs. D.
Kleiner Beitrag zur abendländischen Mythologie
Kein Schwan war zu sehen
Redensarten
Abschied
>>Dreizehn Jahre später. Ein Essay von Heinrich Böll<<
Leseprobe
Irisches Tagebuch
13 Wenn Seamus einen trinken
will ...
Wenn Seamus (sprich Schämes) einen
trinken will, muß er sich wohl überlegen, für wann er sich seinen Durst
bestellt: solange die Fremden im Ort sind (und es sind deren nicht in allen
Orten), kann er seinem Durst einige Freiheit lassen, denn die Fremden dürfen
trinken, wann immer ihnen Durst kommt, und so kann auch der Einheimische sich
getrost zwischen sie an die Theke stellen, zumal er ja ein folkloristisches, den
Fremdenverkehr förderndes Element ist. Nach dem 1. September aber muß Seamus
seinen Durst regulieren. Die Polizeistunde ist werktags um 22Uhr, das ist schon
bitter genug, denn an warmen, trockenen Septembertagen arbeitet Seamus oft bis
halb zehn, manchmal länger. Sonntags aber muß er sich zwingen, entweder bis
nachmittags zwei Uhr oder zwischen sechs und acht Uhr abends durstig zu sein.
Hat das Mittagessen lange gedauert, kommt der Durst erst nach zwei Uhr, so wird
Seamus seine Stammkneipe geschlossen finden, den Wirt, auch wenn es ihm gelingt,
ihn herauszuklopfen, sehr sorry finden und nicht im geringsten geneigt, für ein
Glas Bier oder einen Whiskey fünf Pfund Geldstrafe, eine Fahrt in die
Provinzhauptstadt, einen verlorenen Arbeitstag zu riskieren. Sonntags zwischen
zwei und sechs haben die Kneipen zu schließen, und des Ortspolizisten ist man
nie ganz sicher; es gibt ja Leute, die sonntags nach einem schweren Mittagessen
Anfälle von Korrektheit bekommen und sich an Gesetzestreue besaufen. Aber auch
Seamus hat ein schweres Mittagessen gehabt, und seine Sehnsucht nach einem Glas
Bier ist keineswegs unverständlich, noch weniger sündhaft.
So steht Seamus fünf Minuten
nach zwei auf dem Dorfplatz und überlegt. Das verbotene Bier schmeckt in der
Erinnerung seiner durstigen Kehle natürlich besser, als leicht erhältliches Bier
schmecken würde. Seamus denkt nach: es gibt einen Ausweg, er könnte sein Fahrrad
aus dem Schuppen holen, die sechs Meilen zum Nachbardorf strampeln, denn der
Wirt im Nachbardorf muß ihm geben, was ihm der heimatliche Wirt verweigern muß:
sein Bier. Dieses abstruse Trinkgesetz hat die zusätzliche Floskel, daß dem
Reisenden, der mindestens drei Meilen von seinem Heimatdorf entfernt ist, der
kühle Trunk nicht zu verweigern sei. Seamus überlegt immer noch: die
geographische Situation ist für ihn ungünstig - man kann sich den Ort, an dem
man geboren wird, leider nicht aussuchen -, und Seamus hat das Pech, daß die
nächste Kneipe nicht genau drei, sondern sechs Meilen weg ist - ein für einen
Iren außergewöhnliches Pech, denn sechs Meilen ohne Kneipe sind eine Seltenheit.
Sechs Meilen hin, sechs Meilen zurück -zwölf Meilen, mehr als achtzehn Kilometer
für ein Glas Bier, und außerdem geht es noch ein Stück bergauf. Seamus ist kein
Säufer, sonst würde er gar nicht so lange überlegen, sondern längst auf dem
Fahrrad sitzen und lustig mit den Schillingmünzen in seiner Tasche klimpern. Er
will ja nur ein Bier trinken: der Schinken war so scharf gesalzen, so pfefferig
der Kohl - und steht es etwa einem Manne an, seinen Durst mit Brunnenwasser oder
Buttermilch zu löschen? Er betrachtet das Plakat, das über der Stammkneipe
hängt: ein riesiges, naturalistisch gemaltes Glas Bier, lakritzig dunkel und so
frisch der bittere Trank und darüber der weiße, schneeweiße Schaum, der von
einem durstigen Seehund aufgeleckt wird. A lovely day for a Guinness! O
Tantalus! Soviel Salz im Schinken, soviel Pfeffer im Kohl.
Fluchend geht
Seamus ins Haus zurück, holt das Fahrrad aus dem Schuppen, trampelt zornig
drauflos. O Tantalus -und die Wirkung geschickter Reklame! Es ist heiß, sehr
heiß, der Berg ist steil, Seamus muß absteigen, das Fahrrad schieben, er
schwitzt und flucht: seine Flüche bewegen sich nicht in der sexuellen Sphäre wie
die Flüche weintrinkender Völker, seine Flüche sind Spirituosentrinkerflüche,
gotteslästerlicher und geistiger als die sexuellen Flüche, denn immerhin: in
Spirituosen steckt spiritus: er flucht auf die Regierung, flucht wahrscheinlich
auch auf den Klerus, der dieses unverständliche Gesetz hartnäckig hält (wie der
Klerus in Irland auch bei der Vergebung von Kneipenlizenzen, bei der Festlegung
der Polizeistunde, bei Tanzvergnügen das entscheidende Wort spricht), dieser
schwitzende durstige Seamus, der vor wenigen Stunden so ergeben und
offensichtlich fromm in der Kirche gestanden und das Sonntagsevangelium gehört
hat.
Endlich erreicht er die Höhe des Berges: hier spielt nun der
Sketch, den ich gerne schreiben möchte, denn hier begegnet Seamus seinem Vetter
Dermot aus dem Nachbardorf. Dermot hat auch gesalzenen Schinken, gepfefferten
Kohl gegessen, auch Dermot ist kein Trinker, nur ein Glas Bier will er gegen
seinen Durst; auch er hat -im Nachbardorf - vor dem Plakat mit dem
naturalistisch gemalten Glas Bier, dem genießerischen Seehund gestanden, auch er
hat überlegt, hat schließlich das Fahrrad aus dem Schuppen geholt, es den Berg
hinaufgeschoben, geflucht, geschwitzt - nun begegnet er Seamus: ihr Dialog ist
knapp, aber gotteslästerlich - dann saust Seamus den Berg hinunter auf Dermots
Stammkneipe, Dermot auf Seamus' Stammkneipe zu, und sie werden beide tun, was
sie nicht vorhatten: sie werden sich sinnlos besaufen, denn für ein Glas Bier,
für einen Whiskey diesen Weg zu machen, das würde sich nicht lohnen. Irgendwann
an diesem Sonntag werden sie taumelnd und singend ihre Fahrräder den Berg wieder
hinaufschieben, werden in halsbrecherischer Kühnheit den Berg hinuntersausen.
Sie, die gar keine Säufer sind - oder sollten sie doch welche sein? -, werden
Säufer sein, bevor es Abend geworden ist.
Vielleicht aber entschließt sich
Seamus, der nach zwei Uhr durstig auf dem Dorfplatz steht und den schleckenden
Seehund betrachtet, zu warten, das Fahrrad nicht aus dem Schuppen zu holen;
vielleicht entschließt er sich, seinen Durst - o welche Erniedrigung für einen
rechten Mann! -mit Wasser oder Buttermilch zu löschen, sich mit der
Sonntagszeitung aufs Bett zu hauen. In der drückenden Nachmittagshitze und
Stille wird er eindösen, wird plötzlich erwachen, auf die Uhr blicken und voller
Entsetzen - als sei der Teufel hinter ihm her - in die Kneipe gegenüber stürzen,
denn es ist Viertel vor acht geworden, und sein Durst hat nur noch eine
Viertelstunde Zeit. Schon hat der Wirt angefangen, stereotyp zur rufen: »Ready
now, please! Ready now, please! - Schluß jetzt, bitte! Schluß jetzt, bitte!«
Hastig und zornig, immer mit dem Blick auf die Uhr, wird Seamus drei, vier, fünf
Glas Bier hinunterstürzen, etliche Whiskeys hinterherkippen, denn der Uhrzeiger
rutscht immer näher auf die Acht zu, und schon hat der Posten, der draußen vor
der Tür steht, berichtet, daß der Dorfpolizist langsam heranschlendert: es gibt
ja so Leute, die sonntags nachmittags Anfälle von schlechter Laune und
Gesetzestreue haben.
Wer sonntags kurz vor acht in einer Kneipe
plötzlich vom »Schluß jetzt, bitte!« des Wirts überrascht wird, der kann sie
alle hereinstürzen sehen, alle, die keine Säufer sind, denen aber plötzlich
eingefallen ist, daß die Kneipe bald schließt und daß sie noch gar nicht getan
haben, wozu sie möglicherweise gar keine Lust hätten, wenn es diese verrückte
Bestimmung nicht gäbe: daß sie sich noch nicht betrunken haben. Fünf Minuten vor
acht wird der Andrang dann enorm: alle saufen gegen den Durst, der vielleicht um
zehn, um elf noch kommen kann, vielleicht aber auch nicht. Außerdem fühlt man
sich verpflichtet, ein bißchen zu spendieren: da ruft der Wirt verzweifelt seine
Frau, seine Nichten, Enkel, Großmutter, Urahne und Tante zur Hilfe herbei, weil
er drei Minuten vor acht noch sieben Lokalrunden verzapfen muß: sechzig halbe
Liter Bier, ebenso viele Whiskeys müssen noch ausgeschenkt, müssen noch
getrunken werden. Diese Trinkfreudigkeit, diese Spendierfreudigkeit hat etwas
Kindisches, hat etwas vom heimlichen Zigarettenrauchen derer, die sich ebenso
heimlich, wie sie rauchen, erbrechen - und das Ende, wenn der Polizist Punkt
acht an der Tür sichtbar wird, das Ende ist reine Barbarei: da stehen blasse,
verbitterte Siebzehnjährige versteckt irgendwo im Kuhstall und schütten Bier und
Whiskey in sich hinein, erfüllen die sinnlosen Spielregeln des Männerbundes, und
der Wirt, der Wirt kassiert: Haufen von Pfundscheinen, klimperndes Silber, Geld,
Geld - das Gesetz aber ist erfüllt.
Der Sonntag ist jedoch noch lange nicht
zu Ende: es ist Punkt acht - früh noch, und der Sketch, der nachmittags um zwei
mit Seamus und Dermot gespielt wurde, kann jetzt mit beliebig großer Besetzung
wiederholt werden: abends gegen Viertel nach acht, oben auf dem Berg: zwei
Gruppen Betrunkener begegnen sich:
um das Gesetz mit der
Drei-Meilen-Bestimmung zu erfüllen, wechseln sie nur die Dörfer, nur die
Kneipen. Viele Flüche steigen am Sonntag zum Himmel in diesem frommen Land, das
zwar katholisch ist, aber nie von einem römischen Söldner betreten wurde: ein
Stück katholisches Europa außerhalb der Grenzen des römischen
Reiches.