Henning Boetius
Die blaue Galeere

boetius_die_blaue_galeere

Inhalt
Der Maler Jan Massys, der Protagonist, wird Mitte des 16. Jahrhunderts von der Inquisition aus seiner Heimat, Antwerpen, verbannt. Seine Familie, seine Frau und seine vier Kinder, muss er zurücklassen. Eine Rückkehr gibt es für ihn nicht, die würde sein sicherer Tod bedeuten.

Er kommt 1550 in Genua an, einer mittelalterlichen Hafenstadt mit einem Labyrinth von kleinen Gassen. Nach relativ kurzer Zeit macht er die Bekanntschaft des ‚Principe', ein sehr reicher Mann, sein Name: Andrea Doria, ehemaliger Korsar, jetzt ist er Admiral des Kaisers und der Herrscher Genuas. Jan soll Andrea Doria malen. Ein völlig neuer Lebensabschnitt Jans beginnt jetzt.

Leseprobe:
"Er wusste genau, wie das Meer aussah, obwohl er tief verborgen in einer dunklen Mauernische stand, regungslos, ein steinerner Schatten im Schatten der Steine, von keinem Passanten bemerkt, nur von einer kleinen, räudigen Katze, die seine Stiefelspitze leckte. Wind war aufgekommen, auch wenn man hier in den Gassen nichts von ihm spürte. Doch er fühlte ihn mit dem ganzen Körper, ein unsichtbares Tuch, das ein ungeduldiger Gott mit großer Gewalt über die Dächer der Superba zerrte, dieser Stadt, die einen gefangen nahm mit der düsteren Schönheit ihrer allzu engen Gassen. Ein kurzer Gedanke durchfuhr ihn an die Zeit, die hinter ihm lag, und das reichte, um die Haltung des Mannes zu verändern. Er straffte sich, ballte unwillkürlich die Faust unter dem Mantel. Dann bückte er sich nach der Katze, packte sie und steckte sie in seine Manteltasche. Er schloss die Augen, um den Hafen hinter diesen Mauern um so deutlicher zu sehen. Das Wasser in seinem Becken zuckte und kräuselte sich in der Seebrise, und die kleinen Wellenkronen darauf glänzten perlmuttfarben wie Schuppen eines frisch gefangenen Fisches. Jetzt roch er auch das Meer. Der Geruch des Wassers war stärker als der des Kots der Menschen und Tiere um ihn herum, als die Essensdünste, die aus den Fensterhöhlen über ihm drangen."

Er wird zunächst bei dem 80-jährigen Principe angemeldet, er muss bei ihm vorsprechen. Er wird im Palast empfangen, die erste Verabredung wird getroffen. Er soll immer auf Order warten, dann soll er kommen.
Während dieser zahlreichen Sitzungen erfährt er einiges vom Leben Andrea Dorias, vor allem auch, was dieser von ihm erwartet. Das Bild will er aber erst sehen, wenn es fertig gestellt ist.

Die Beschaffung der Tafel, worauf das Bild dann entstehen soll, wird genau geschildert, es wird nur bestimmtes Holz verwendet, kunstvoll bearbeitet, geschliffen, bis es endlich Jans Anforderungen entspricht. Zunächst macht er nur Skizzen auf Papier, zeichnet die wichtigsten Merkmale usw. -

Zur damaligen Zeit fanden auch Schlachten auf See statt, wo christliche Mannschaften gegen muslimische Mannschaften kämpften, es ging um Landbesitz, Macht, Geld. -
Auf einer dieser Seeschlachten soll Jan de Principe begleiten, als so genannter Schlachtenmaler. Vorausgegangen war, dass sich Jan in eine junge Frau, Flora Genosi, eine Schauspielerin, verliebt hatte, die einem sehr reichen und einflussreichen Mann versprochen war. - Diese Liaison könnte für Jan hochgefährlich werden, und der Principe, der natürlich immer alles weiß, hat diesen Schachzug geplant, Jan ist so monatelang auf dem Schiff, also nicht in Gefahr.

Jetzt folgen sehr ausführliche Schilderungen von Seeschlachten, Begegnungen, grausamen Einzelheiten auf dem Meer.
Jan begleitet den Principe auf allen Seeschlachten der folgenden sechs Jahre, auch zu der gegen den türkischen Korsar Dragut, ein gefürchteter Gegner auf dem Meer.
Jan trifft auch mehrmals Flora, sie wird seine große Liebe. Seine eigene Frau ist fern, unerreichbar im Moment für ihn, und wie lange, weiß er nicht.
Ob er je wieder in seine Heimat zurückkehren kann??

 

 

 

 

Der Autor

 

Henning Boetius, geboren 1939, studierte Germanistik und promovierte über Hans Henny Jahnn.

Sein Werk umfasst zahlreiche Romane, Essays, Theaterstücke, Gedichte und Kurzgeschichten.

Sein größter Erfolg war der Roman "Phönix aus Asche" (2000) um den Unglückflug des Luftschiffes "Hindenburg"; es wurde in über 10 Sprachen übersetzt. Heute lebt Henning Boetius in Berlin.

 

 

 

Das Buch hat 416 Seiten, erschien im Juli 2006 im Verlag Btb in deutscher Sprache, ISBN-10:3-442-73488-6/ EAN:9783442734887

 

 

Abschließende Meinung
Ein sehr schön zu lesender Roman, mit einer sehr spannenden, hochinteressanten Handlung. In literarisch hochwertiger Sprache umgesetzt. Die Geschichte von Jan ist Hauptthema, und sehr interessant. Wer sich für Malerei interessiert, wird hier bestens bedient. Es wird akribisch die Herstellung einer Tafel, worauf ein Bild entstehen soll, beschrieben. - So was nimmt einige Wochen in Anspruch. Auch wie er seine Farben mischt, damals gab's keine fertigen Farben, jede einzelne musste selbst hergestellt werden, aus Pflanzen usw. - Auch was in einem Bild in Erscheinung treten kann, soll, muss, wird wunderbar beschrieben. Im Gegensatz zur Fotografie, die es damals noch nicht gab, lag es alleine beim Maler, wie das Modell letztendlich auf dem Bild erscheint. Wie diffizil das alles damals war, wird hervorragend und genau aufgezeigt.

Eine andere Sache, auf die ebenso genau eingegangen wird, ist die Herstellung eines Schiffs. Wie, warum aus welchen Materialien. Von einem ‚Leonardo' ist häufig die Rede, von ihm gibt es Zeichnungen, die genaue Berechnungen enthalten über die Machart und dessen Auswirkungen auf den Schiffsbau. Mit Leonardo kann nur da Vinci gemeint sein. Als Leser wird man von hunderten von Fachausdrücken der einzelnen Teile eines Schiffs erschlagen - - - . Da gibt's Ausdrücke, Bezeichnungen, die kaum jemand je gehört hat.

Ein weiteres Thema ist die Kriegsführung damals. Hochinteressant, es wird erklärt warum wer gegen wen Krieg führt, um was es geht usw. - Die Schlachten werden sehr genau geschildert….und was darum herum auf den Schiffen geschieht. Was es auf sich hat mit diesen armen Menschen, die angekettet auf den Ruderbänken rudern mussten, immer die Peitsche des Antreibers auf dem Rücken; wurden sie angegriffen oder das Schiff sank, waren sie die ersten die umkamen. Und wie diese Galeerensklaven rekrutiert wurden, ist auch Thema. - Da werden Beauftragte der Schiffseigner und Kriegsführer ausgeschickt, die in Kneipen oder den Armenvierteln einfach Menschen schnappen, sie fesseln und auf das betreffende Schiff bringen….. Sie haben keine Chance, jemals wieder zu entkommen.

Eine kleine Katze, die Jan anfangs in Genua zuläuft, und die er mitnimmt, wieder verliert, an ganz anderen Orten plötzlich wieder trifft, auf geheimnisvolle Weise immer wieder seinen Weg kreuzt. - Auch auf dem Schiff, wo Jan dann ist, ist sie dabei, hat dann mit der Katze des Andrea Doria einen schweren Kampf, verliert ein Bein. - Tja, und wie Jan dann eben seine Katze zum Schiffs-Doc bringt, der ihr ein Holzbein verpasst. - Naja, das scheint doch eher Seemannsgarn zu sein.

Ein sehr umfangreiches Buch, mit vielen Geschichten, vielen Themen, sehr schön zu lesen. - Allerdings muss der Leser die Längen ertragen, wo z.B. das Malen von Bildern Thema ist, oder auch die Schilderung von Seekriegen.

Das kann allerdings die Qualität des Buchs nicht wesentlich schmälern, alles in allem ist es sehr spannend, hochinteressant und in einer sehr schönen, anspruchsvollen Sprache geschrieben.