Mirko Bonné
Wie wir verschwinden

Inhalt
Vorangestellt ist ein Zitat von Albert Camus:

"Schwarzes Pferd, weißes Pferd, eine einzelne Menschenhand zügelt das Rasen beider. Wie heiter die Fahrt mit halsbrecherischem Tempo. Wahrheit lügt, Offenheit verhehlt. Verbirg dich im Licht."

Raymond ist grade aus dem Krankenhaus entlassen worden, er hatte Herzprobleme, aber er ist auf dem Weg der Besserung.
Als er dann einen Brief bekommt, ohne Absender, von seinem Jugendfreund Maurice, bekommt sein Leben plötzlich eine ganz besondere Wendung.
Er ist Witwer, seine beiden erwachsenen Töchter kümmern sich um ihn, wohnen aber nicht im gleichen Haus, sondern kommen abwechselnd, um ihm behilflich zu sein….

Die Geschichte wechselt jetzt ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Gedanken und Realem.
Da ist diese eine Geschichte, die ihm einfällt, das mit der Raisine, so hatten er und Maurice, damals 14-jährige Jungen, ihre selbstgebaute Maschine genannt, eine Maschine, mit der sie verschwinden können….

Auszug: "…….Einer gab das Kommando. Dann rannten wir los und tauchten hinterm Pausenkiosk in die Büsche, kauerten uns auf den Boden und verschnauften. Dann weiter an einem Graben lang, Stöcker, Büchsen und Gummistiefel ragten aus dem Schlamm, Fliege schwirrten einem um den Schädel, bis wir zu der Stelle kamen, wo wir sprangen. Wir konnten es gar nicht abwaten. In der Sekunde in der Luft verwandelten wir uns. Sobald wir auf der anderen Grabenseite landeten, waren wir die Erbauer der Maschine des großen Verschwindens."
Sie hatten vor, diese auf die stillgelegte Schiene in der Nähe zu bringen, um damit zu fahren.

Es folgen nun - immer wieder als Rückblick, Schilderungen dieser Clique damals, zu der u.a. auch die beiden Mädchen gehörten, die später dann Raymond und Maurice geheiratet hatten. - Maurice war derjenige, der zuerst Veronique als Freundin hatte, die dann die Frau von Raymond wurde…. Interessant, wie Raymond beim Lesen dieses Briefes, bzw. dessen Anhang, die Rückblicke erlebt. Sonderbar und sehr merkwürdig auch, dass dort teilweise Schilderungen sind, die Raymond geträumt hatte….
Auch Probleme mit seinen Töchtern fließen in die Geschichte ein, Jeanne und Penepole, beide führen ihr Leben, im Moment bereitet Jeanne ihm Probleme. Sie hatte sich grade von ihrem Mann getrennt, auch hier immer wieder Rückblicke, mehr philosophischer Art, und Raymonds Verhältnis zu seinen beiden Töchtern bekommt später Gewicht, als er feststellt, dass sie um Kontakte zwischen ihrer Mutter, also der verstorbenen Frau von Raymond, und Maurice, wussten….
Ein Auszug, wo er über das Verhältnis seiner Tochter zu ihrem Mann, nachdenkt, es geht um Nähe…. und auch über sein Verhältnis zu seiner Frau, Veronique, aber auch zu Maurice:

"……..Zu eng war es aber nie nur für einen. Die Enge war niemandes Glück, ein enges Glück war nichts anderes als ein Unglück. - Ich wusste das aus meiner Ehe mit Veronique, in der wir dennoch zusammengeblieben waren. Aber ich hatte es ja vorher auch schon gewusst. Maurice und ich waren über Jahre so eng aufeinander bezogen gewesen, dass kein anderer zwischen uns Platz gehabt hatte, keiner neben noch über oder unter uns, kein Vater und keine Mutter, kein andrer Freund und kein Mädchen passte in unsere Freundschaft, die alles von einer Liebe hatte, alles, außer dass sie auch körperlich gewesen wäre……."

Als er sich mit seiner Nachbarin mehr anfreundet, die er die ganze Zeit eigentlich nicht so recht leiden konnte, hat auch Jeanne ihre Finger im Spiel. Und genau diese Nachbarin ist ihm dann später behilflich, als er nach vielen Ereignissen sich endlich entschließt, Maurice zu besuchen, der nur zwei Stunden entfernt wohnt. Sie treffen Maurice dann auch an, aber zunächst werden sie von einem jungen Mann begrüßt, der im Haus von Maurice beschäftigt zu sein scheint. Aber er ist der Sohn von der geschiedenen ersten Frau von Maurice, die ja auch Raymond gut gekannt hatte, sehr in sie verliebt war damals.

Diese Begegnung mit dem todkranken Maurice wird dann geschildert, und da wird es dann hochinteressant. Maurice hat ALS, eine Krankheit, wo alle Muskeln nach und nach nicht mehr funktionieren. - Er kann nur noch die Pupillen bewegen, sonst nichts. Und wie Maurice dann in einer Geheimsprache genau dieser Pupillen mit dem jungen Ziehsohn kommuniziert, ist verblüffend. Dieser hat eine Brille, auf der das Alphabet und Zahlen zu sehen sind, und genau an die richtige Stelle dort richtet Maurice seine Pupille, und der junge Mann, Pasquale, buchstabiert so das, was Maurice sagen will. Und so kamen die ganzen Briefe zustande…..

Auf diese Weise kann sich Raymond jetzt mit Maurice unterhalten, Pasquale als Übersetzer. Und es wird jetzt richtig spannend. Es ist ja immer noch nicht klar, was überhaupt dazu geführt hatte, dass die beiden Freunde sich so entzweit hatten. Es hat mit der Geschichte zu tun, mit dem Unfall damals, wo der Schriftsteller Camus ums Leben kam, genau dort an der Straße, wo auch der Zug über eine Brücke kommt….und auch das stillgelegte Gleis ist.

Maurice hatte ja in den Beilagen seiner Briefe die Geschichte von Camus geschrieben. Es muss Phantasie sein, er war ja selbst nicht dabei. Und diese Geschichte, auch die des Unfalls, wird so plastisch geschildert, als ob er dabei gewesen wäre.
Um die Auflösung dieses Geheimnisses geht es dann endlich, gegen Ende des Buchs. Raymond ist inzwischen liiert mit Robertine, seiner Nachbarin. Er erlebt mir ihr eine neue Liebe.

 

 

Autor

"Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg.

Neben Übersetzungen der Lyrik von u. a. John Keats, E. E. Cummings und William Butler Yeats veröffentlichte er mehrere Romane und Gedichtbände.

Mirko Bonné wurde u. a. mit dem Wolfgang-Weyrauch-Preis (2001), dem Ernst-Willner-Preis (2002), dem Förderungspreis zum Kunstpreis Berlin (2004) sowie zuletzt mit dem Ernst Meister-Förderpreis (2008) und dem Prix Relay du Roman d?,Evasion (2008) ausgezeichnet.

2007 erhielt er das New York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds."

 

 

 

Klappentext:
"Raymond erhält nach Jahrzehnten des Schweigens einen Brief seines todkranken Jugendfreundes Maurice, der ihn in die gemeinsam erlebte Vergangenheit zurückversetzt: nach Villeblevin, wo 1960 Albert Camus bei einem Autounfall ums Leben kam. Erinnerung an die eigene Jugend und das Sterben eines Idols verbinden sich zu einem ergreifenden Roman, der Mirko Bonné als einen der bedeutenden Autoren unserer Zeit zeigt."

 

 

 

 

Das Buch ist 2009 in erster Auflage, in gebundener Ausgabe, im SchöfflingVerlag erschienen.
Es hat 337 -Seiten,
ISBN: 978-3-8961-403-3.

Als Taschenbuch im März 2011 im Fischer-Taschenbuchverlag erschienen:


ISBN-10:3-596-18764-8 EAN:9783596187645

Abschließende Meinung
Das Buch liest sich am Anfang nicht ganz einfach. Die Geschichte ist verworren, bzw. erscheint so - zunächst -. Was aber immer mehr beeindruckt ist die Ausdruckweise, der Stil des Autors.

Zum Titel: Nicht nur diese Raisine, diese Maschine die die beiden Jungen erfunden und gebaut hatten, zeigt die Bedeutung auf, was es bedeutet, ‚zu verschwinden' - In vielen anderen Einzelheiten taucht dieses Fragment immer wieder auf. Gibt Zeit zum Überlegen, was verschwindenswert, verschwindenswürdig, verschwindensfähig, verschwindensmöglich ist.

In diesem Roman sah ich viele Gemeinsamkeiten mit dem Roman von Gerd-Peter Eigner: ‚Die italienische Begeisterung'. Auch hier erzählt ein Mann über 60 seine Lebenserfahrungen, mit Rückblicken, Überlegungen, realen Ereignissen, verknüpft mit Erinnerungen, aber auch die Schlüsse, die nach Jahrzehnten aus einigen Begebenheiten zu ziehen sind, ähneln sich irgendwie. Zumindest das Zustandekommen der Schlussfolgerungen.

Ein Roman, der zwar nicht sehr leicht zu lesen ist, aber mehr und mehr fasziniert; nicht nur durch die Sprache des Autors, die literarisch - zumindest für mich - sehr hochwertig ist.
Eine sachte aufgebaute Spannung ist da, sie ist aber nicht das, was den Leser dazu bewegt, weiter zu lesen. Es ist die Faszination der philosophischen Betrachtungen, die in jedem Absatz zu finden sind, die diffizile Ausdrucksweise des Autors. Das Verschwinden schlechthin wird thematisiert. Sei es der Tod, sei es eine Trennung, oder auch das Verschwinden von Freundschaft, Gedanken, Menschen, Beziehungen.