Martin Caparròs
Wir haben uns geirrt

Caparros_wir_haben_uns_buchtitel

Hier stelle ich mal die Verlagsbeschreibung an den Anfang, damit gleich zu erkennen ist, um was es geht:
"Caparrós hat einen provokanten Roman über ein längst nicht aufgearbeitetes Kapitel argentinischer Geschichte geschrieben. Der Erzähler Carlos - gebrochen, zweifelnd, mal ätzend scharf, mal melancholisch im Ton - ist ein faszinierender, vielschichtiger Antiheld. Seine Geschichte ist die einer (nicht nur argentinischen) Generation, die daran glaubte, die Welt zu verändern, am Anfang eines gerechten Zeitalters zu stehen, und kläglich gescheitert ist. Carlos' Kampf fand 1977 jäh ein Ende, als seine Frau verhaftet wurde. Ihr Schicksal ist seitdem ungeklärt. Resigniert sieht er zurück, zweifelt an den alten Idealen. Richtet er seinen Blick auf das heutige Argentinien, packt ihn ohnmächtige Wut. Die Frage nach dem Sinn politischer Militanz und Utopien, nach Aussöhnung oder Vergeltung lassen ihn nicht los. Er trifft sich mit den Tätern von damals - vermeintliche Sieger, die dennoch nicht unbeschadet aus dem Krieg hervorgegangen sind. Dann stößt er auf die Geschichte eines Pfarrers, der den Folterern all abendlich den Segen erteilte ... Eine mutige Auseinandersetzung mit Argentinien und ein furioses Stück Literatur."

Meine Zusammenfassung
Allem voran möchte ich mal die schriftstellerische Leistung dieses Autors in den Vordergrund stellen. In einem unnachahmlichen Stil geht er an ein Thema, das nicht nur eigene Ansichten, Erfahrungen aufzeigt, sondern die Art seiner Überlegungen, seiner Schlussfolgerungen, aber vor allem wie er in einer Art Zwiegespräch mit seinen Protagonisten vorgeht, ist in meinen Augen ganz besonders gelungen, ja genial.
Da sind ‚gedachte' Gespräche des Protagonisten (Carlos) mit dessen damaliger Lebensgefährtin, die in diesen Wirren nach der gescheiterten, bzw. während dieser Aktionen vermutlich zu Tode gekommen ist. - Seine Unterhaltung mit ihr ist die Quintessenz dieses Romans.

Vorangestellt ist ein Zitat von Monsignore Pio Laghi, apostolischer Nuntius, Buenes Aires 1977:

"Die christlichen Werte werden durch eine Ideologie bedroht, die das Volk ablehnt. Das Land hat eine traditionelle Ideologie, und wenn jemand versucht, ihm andere, fremde Ideale aufzunötigen, reagiert die Nation wie ein Organismus mit Antikörpern gegen die Bazillen, und so entsteht Gewalt. In dem Fall muss man alle Möglichkeiten des Rechts ausschöpfen."

und gleich danach:
"Überall im Studium mag man mit den Anfängen beginnen, nur bei der Geschichte nicht." (Jacob Burckhardt, Historiker, Basel, 1905) "

1977, die Revolution ist gescheitert. Carlos sieht zurück, auf die einst so euphorisch begonnenen Aktivitäten, und mit Blick auf das heutige Argentinien packt ihn die Wut.

Da kommt eine Nachricht in den Medien, über den Tod von Pater Augusto Fiorello…. Sein Tod ist rätselhaft, und der Zusammenhang mit der Geschichte unseres Protagonisten zeigt sich in den folgenden Kapiteln. Aber ist ein sehr langer Weg, aber die Spannung bleibt konstant. Wer hat jetzt eigentlich diesen Pater Augusto Fiorello umgebracht….

Dazu führt uns der Autor über die über das komplette Buch fortlaufenden Gespräche - die meisten sind fiktiv - mit seiner damals verschwundenen Lebensgefährtin, Estela, aber auch mit anderen, und das ist das hoch interessante. Auch reale Gespräche sind da, vor allem zeigen sie den Weg, den der Protagonist geht, weil er genau diesen Pater sucht. Er weiß, aus verschiedenen Recherchen, dass dieser Pater damals in den Gefängnissen und Folterkammern anwesend war……

Und: er kommt ihm immer näher, je weiter die Geschichte fortschreitet. Das Auffinden dieses Paters wird geschildert, wo keiner sich auch nur entfernt denken kann, dass er ermordet wurde. Nur es weiß jeder, dass kurz davor, während eines Gottesdienstes, ein Mann Beschuldigen herausgeschrieen hat…. Wer der Mann war…. es deutet darauf hin, dass es der Protagonist, Carlos war.

Und die Geschichten, im Konjunktiv, hier mal ein Auszug: S. 76:

"…..Ich versuchte mich zu erinnern, wie es war, zu wissen, dass an der Haltestelle der 203 vielleicht keine Frau auf mich wartete, um mich um eine Zigarette zu bitten, sondern dass irgendwo getarnte Soldaten oder Polizisten hockten, um mich zu verhaften oder auf mich zu schießen, falls ihnen das nicht gelänge. Kurz: Ich versuchte mich zu erinnern, wie es war, zu wissen, dass sie überall, an jeder Ecke, in jedem Winkel, auf mich warten konnten; wie es war, wenn man durch die Straßen ging und jeden Fußgänger, jedes Auto, jede Geste als mögliches Warnsignal deutete. Ich versuchte mich zu erinnern, wie es war, die Welt als System von Zeichen zu betrachten, das mir half zu überleben: Eine Welt, in der es von Bedeutungen nur so wimmelte, in der jede plötzliche Bewegung an einer Ecke den Tod bedeuten konnte und sie frühzeitig zu bemerken das Leben……"

auch ein Auszug, aus einem fiktiven Zwiegespräch mit Estella: "

…..Ihr hingegen - du hingegen, Estela - habt aus eurem Leben eine sinnvolle Geschichte gemacht: Die Geschichte eines guten Todes. Ihr habt der Erinnerung euren Stempel aufgedrückt. Ihr habt Millionen verdrossener Landsleute gezwungen, euch als die Besten in Erinnerung zu behalten, als diejenigen, die es gewagt haben. Idioten: Millionen verdrossener Landsleute, die von eurer Opferbereitschaft und eurem Tod sprechen, die sich aber nie im Leben hinsetzen und analysieren würden, warum ihr gestorben seid; was ihr eigentlich wolltet………"

Und über das ganze Buch hinweg versucht der Autor, nicht das was damals geschah in dieser Revolution, sondern vor allem seine Gedanken 30 Jahre später darüber, die Ergebnisse, aber auch Gründe usw. darzulegen.
Seine Analyse ist hochinteressant, seine Schlussfolgerung bestätigt die weitere Entwicklung dieses Landes.
Auch die Einbindung der Kirche damals, die nicht auf der Seite der Revolutionäre gestanden hatte, sondern ganz im Gegenteil…zeigt er mal sehr deutlich auf. Und hat hier diese Geschichte von diesem Priester genommen, der eines Tages ermordet wird, und der Protagonist sich penibel auf die Suche nach ihm macht. - Wie er ihn findet, ob er tatsächlich er ihn ermordet, das muss der Leser selbst herausfinden.
Diese Spannung zieht sich durch das ganze Buch; unterbrochen von immer wiederkehrenden, hochinteressanten Zwiegesprächen, wo er immer im Konjunktiv der Vergangenheit schreibt. - - Ich meine damit, wenn er schreibt, was er nach 30 Jahren über etwas denkt, das damals gewesen, gesagt, getan sein könnte… - -

 

 

 

 

 

Der Autor

"Martín Caparrós wurde 1957 in Buenos Aires geboren. Er ging 1976 ins Exil, studierte in Paris an der Sorbonne Geschichte, lebte in Madrid und New York, leitete Literaturzeitungen, übersetzte Voltaire, Shakespeare und Quevedo, erhielt 1992 den Premio Rey de España, 1994 ein Guggenheim-Stipendium und 2004 den Premio Planeta Latinoamérica für seinen Roman Valfierno, war in der Jury des Premio Cervantes und schrieb mehrere Bücher.

Heute lebt er als Schriftsteller und Journalist in Buenos Aires. Er zählt zu den führenden Intellektuellen seines Landes." - Rückseite Klappentext

 

 

 

Buchdaten:
ISBN-10:3-8270-0839-5
EAN: 9783827008398 Erscheinungstermin: 07.08.2010 Verlag: Berlin Verlag
Einband: gebunden
Sprache: Deutsch
Seiten: 336
Übersetzer: Sabine Giersberg

Meine abschließende Meinung
Besonders interessant finde ich, wenn ich diese ganzen Revolutionen in den 70iger Jahren in Südamerika, hier in Argentinien, ansehe, und dann vergleiche mit den neuesten Revolutionen in Afrika…einiges sehr ähnlich verläuft. - Andere Voraussetzungen, andere Revolutionäre mit etwas anderen Intentionen, aber, auch in Afrika breitet sich das von Land zu Land aus, Revolutionen sind ansteckend. Aber ich sehe auch, dass in den afrikanischen Revolutionen einiges anders läuft, und bedeutend mehr Aussicht auf Erfolg hat.

Der Autor ist ein hervorragender Stilist, was das Herausarbeiten, die Dramaturgie, sowie den gesamten Inhalt, samt Schlussfolgerungen, betrifft. Er hat ganz sicher auch eigene Erfahrungen, oder auch die von Freunden usw. verarbeitet. Aber wie er sich hineinversetzt in seine Protagonisten, ihre Gefühle, ihre eventuell geführten Gespräche ausdenkt, ist einfach genial.

Im ersten Teil hat er zahlreiche Folterungen, Foltermethoden, die er ‚diefolter' nennt beschrieben. Und das möchte ich nicht schildern; es ist derart unvorstellbar, grauenhaft. Und wenn ich mir vorstelle, dass das Menschen machen, kann ich nur wieder darauf zurückkommen, was ich leider immer wieder feststellen musste, dass der Mensch eine Fehlkonstruktion, ein ‚Bug' ist.

Alles in Allem ist dieses Buch ein Genuss zu lesen für alle, die gute Sprache, hintergründige Aufschlüsselungen mögen. Ist der Inhalt schon hochinteressant, so ist die Art, der Stil, ihm gleichgestellt. Alle Punkte für Inhalt, alle Punkte für Stil, alle Punkte für die Sprache.

Und das ganz besondere sehe ich auch darin, dass der Autor niemals versucht, zu belehren, zu missionieren. Er stellt nur eben Überlegungen an, sie sinnvoll sind, und überlässt es dem Leser, sich ein ganz eigenes Bild zu machen.