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Meine Zusammenfassung
Als erstes fällt auf, dass alle Rezepte die in ihrer Geschichte
vorkommen, genau aufgeschrieben sind, und auch noch an anderer Stelle
alphabetisch. - Und alleine von den Rezepten habe ich mir einige
notiert, etwas anders als sie mir bekannt sind, deshalb für mich
sehr interessant.
Die Protagonistin (ich denke das ist die Autorin selbst) wurde
in Paris geboren, nachdem ihre Eltern damals 1956 während der ungarischen
Revolution über Österreich, Deutschland, nach Frankreich geflohen
sind. Die Eltern sind traumatisiert, verdrängen alles an ihre alte
Heimat, und das Kind wächst auf ohne je ein Wort der Muttersprache
ihrer Eltern gehört zu haben. Es wird nur französisch gesprochen,
und über die Zeit in Ungarn wird auch nicht gesprochen. In einem
kleinen Laden den eine Ungarin betreibt, sieht das kleine Mädchen
zunächst nur Konserven und einiges aus Ungarn, seine Neugier wird
geweckt.
Später, sie ist in der Abiturklasse, schreibt sie sich für einen
Ungarisch-Kurs ein, ohne dass die Eltern das wissen. Sie möchte
unbedingt diese Sprache lernen, und auch den anderen Geheimnissen
ihrer Herkunft auf die Spur kommen. Es lässt ihr keine Ruhe. So
lernt sie diese Sprache, kann sie allerdings nur sehr unvollständig
sprechen oder verstehen. Sie besuchte kulturelle Veranstaltungen,
lauschte den auf Tournee konzertierenden Zigeunern, die in ungarischer
Sprache sangen, sah sich ungarische Filme an.
Sie schreibt jetzt die Kapitel einmal in der Zeit ihrer Kindheit
oder Jugend in Paris, dann wieder von der Zeit, als sie schließlich
mit 24 nach Budapest reist, sie ist bei Freunden von ihrer Großmutter
untergekommen und streift durch die Stadt, versucht das Ungarisch
zu verstehen und zu sprechen. Sie will sich die ganze Stadt einverleiben,
stromert alleine durch die Straßen und Gassen. Hier möchte ich mal
ein erstes Zitat einflechten, das schon hervorragend die Sprache
der Autorin zeigt:
"Beim Aufwachen saß mir etwas tief im Hals, ein schlechter Geschmack,
eine Gier, ein Fieber. Ich hätte am liebsten zugebissen, die Sprache
mit den Zähnen gepackt, an ihrem Atem gerochen, ihr die Haut abgezogen,
Schicht um Schicht, so wie man eine zu reife Frucht schält. Als
lief ich und lief, ohne innezuhalten…….."
Sie lernt einen jungen Ungarn, Pál, kennen, sie war ihm als Ausländerin
aufgefallen, und er hatte sie auf ungarisch angesprochen, sie kommen
ins Gespräch und sie lernt einige Ausdrücke von ihm. Sie gehen in
ein Lokal, trinken Schnaps, Als sie vor einer Metzgerei stehen:
"Ich will unbedingt den Duft von Speck und Paprika in mich einsaugen.
Pál macht ein Foto, diesmal vergesse ich, mich in Pose zu stellen,
mit hängenden Schultern stehe ich in meiner gestreiften Bluse zwischen
Würsten, die von der Decke hängen, ich schnuppere, ziehe energisch
die Luft ein, am liebsten würde ich meine Lunge darin ertränken,
ich liebe dieses brennende Kribbeln in der Nase, der Metzger muss
lachen. Budapest gehört mir…..."
Und immer wieder kommt ein Kapitel aus neuerer Zeit, wo sie ihre
Gedanken schildert, die sie beschäftigen, bis in ihre Träume, wegen
der Dunkelheit über die Vergangenheit ihrer Familie, ihren eigenen
Wurzeln…….
"In all den Jahren habe ich gelernt, die Augen zu schließen. die
Augen zu schließen und den Kopf aufs Kissen sinken zu lassen, langsam
und vorsichtig, um sie zu schützen, sie nicht zu verletzen, ihnen
einen freundlichen Empfang zu bereiten, sie einfach machen zu lassen.
Sie reden zu lassen. In all den Jahren kündigten sie sich unwandelbar
durch ein paar kleine Zeichen an - ein schwerer Nacken, ein Stechen
in der Schläfe, ein Zucken der Lidränder, der Nasenflügel, der Lippen
-, und immer fand ich einen Weg, mich aus der Welt auszuklinken,
um nur noch sie zu hören. Reglos und aufmerksam lauschte ich ihren
Stimmen. - Und so haben sie zu mir gesprochen, Tag für Tag, sommers
wie winters, mich in den Nächten wach gehalten, ein Schauder, der
die Stille zerreißt. Und das haben die Stimmen in meinem Kopf gemurmelt,
damit ich mir ein Bild von ihrem Exil machen konnte, sie haben mir
eine Sequenzaufnahme in Schwarzweiß von der beängstigenden gestrichelten
Linie einer Grenze beschert, scharfe Stimmen, die mich verfolgten,
als ich noch ein Kind war, als ich zur Jugendlichen heranwuchs und
schließlich zur Frau wurde. - Über ihr Fortgehen wusste ich nichts
oder fast nichts……"
Als sie über einen Satz ihrer Mutter sinnierte:
"Als ich nach Frankreich kam, Klara, hatte ich nichts als eine
Zahnbürste in der Tasche." - Und sie über ihre Mutter, Zsuzsa, nachdenkt,
spricht sie in Gedanken mit ihr: "Zsuzsa, kann es sein, das dein
eigener ungarischer Basar nur das war und nichts sonst? Nur eine
Zahnbürste in der Tasche, mit der du dir den Mund reinigen konntest,
damit er wieder frische Sachen essen, sauber sprechen, offen lächeln
konnte? Eine Zahnbürste für einen reinen Atem, ein kleines unscheinbares
Werkzeug, das deinen Appetit anregt; den Appetit einer energischen,
strahlenden und überaus optimistischen Frau….. - deine Zahnbürste
hatte die Aufgabe, deinen Gaumen beim Überschreiten der Grenze von
den ungarischen Wörtern zu reinigen, sie zu Wasser, zu Bläschen,
zu einem Nichts zu reduzieren, um den französischen Wörtern einen
langen jungfräulichen Teppich auszurollen, ihnen einen blitzsauberen,
taufrischen, kaiserlichen Empfang zu bereiten. Damit sie zumindest
für eine Weile, den ganzen Platz einnehmen konnten."
Ich füge deshalb das direkt als Zitat ein, weil es nicht möglich
ist, das mit eigenen Worten wieder zu geben. Wie auch die zahlreichen
anderen Stellen, die von der Sprache der Autorin leben.
Sie beschreibt dann auch die Zeit um 1989, als der eiserne Vorhang
bröckelt, und damals die vielen Leute aus der DDR über die plötzlich
von den Ungarn geöffnete Grenze nach Österreich flüchten konnten….
Sehr viel später, wieder in Paris, wo sie ihre Mutter besucht, die
von ihrem Vater längst geschieden ist, erlebt sie dann die Wiedergeburt
der ungarischen Sprache bei ihrer Mutter. Es sprudelt nur so aus
ihr heraus…….auch diese Szene beschreibt sie wieder in unnachahmlicher
Art. Mit vielen ungarischen Wörtern und temperamentvollen Ausbrüchen.
Und schließlich sagt sich ihre Mutter zum Essen bei ihr an, mit
ihrer neuen Liebe…… - und Karla kocht ein ungarisches Gericht, auch
hier ist wieder das Rezept dabei. Es sind Spätzle, die in Ungarn
die traditionelle Beilage zu Pörkölt, Tokáni oder Paprikagulasch
sind. Und wie sie das wieder beschreibt, muss ich einfach zitieren:
"Zum Mund führen. Spüren, wie der Speichel den Mund überflutet,
wie die Wangen hohl werden, während die Zähne sich kaum berühren,
leicht zubeißen, und kaum sichtbar über der Nase eine kleine Falt
erscheint, zwischen den Wimpern, die sich genau in dem Moment zu
einem genussvollen Seufzer schließen. Dann die Alchemie der galuska
entdecken: wenn jede kleine Träne, die aus diesem weißen, mehligen
Teig fließt, der gestärkt ist wie ein sauberes, derbes, fast schon
raues Leintuch, rein und ursprünglich, sich unter dem Gaumen in
ein Klümpchen verwandelt, in einen unregelmäßigen und samtweichen
Goldnugget, nahrhaft und saftig, der nicht wirklich am Gaumen festklebt,
aber auch nicht ganz frei beweglich ist, eine zarte Feuerkugel auf
und unter der Zunge, die Lippen und Wangen erschaudern lässt und
das Gesicht allmählich entflammt, den Hals hinabsteigt bis zu den
Schultern….. Die Alchemie der galuska entdecken und in den siebten
Himmel gelangen. - "Finom!"
Sie erzählt weiter, immer wieder im Wechsel in den Zeiten, mal
in Paris, mal in Ungarn. Und zu einigen Begebenheiten, wo es was
zu Essen gibt, gibt sie dem Kapitel dann den Titel des Gerichts,
dazu auch das Rezept.
Später dann, als sie mit ihrer siebzigjährigen Mutter Zsuzsa spricht,
die endlich auch über ihre Vergangenheit in Ungarn spricht, erfährt
sie, dass ihre Mutter einer jüdischen Linie von Ungarn abstammt.
Und so kommt auch ein Rezept aus dieser Richtung, was auch wieder
sehr interessant ist, und mit vielen Begebenheiten aus der Jugend
ihrer Mutter stammt.
Als sie dann auch ein Rezept "Geschichteter Pfannkuchen mit verschiedenen
Füllungen" beschreibt, was bei uns als Palatschinken bekannt ist,
muss ich mir das Rezept einfach notieren, weil es zu verlockend
ist.
Ihre Erfahrungen in Ungarn, wo sie pausenlos von allen weiblichen
Verwandten bekocht wird, immerzu zum Essen gedrängt wird, wird ihr
auch klar, dass Sympathieerweisungen in Ungarn, wie auch in vielen
anderen Ländern der Welt, damit zu tun haben, dass etwas besonders
Gutes zum Essen angeboten wird, und der Gast einfach essen, essen,
essen MUSS!!!! -
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Die Autorin
"Viviane Chocas, 1962 als Kind ungarischer Eltern
in Paris geboren, arbeitet seit über zwanzig Jahren als Journalistin
für das Französische Fernsehen und die Zeitung "Le Parisienne. "
"Manchmal muss man das Leben kosten" ist ihr erster
Roman."
Aus dem Französischen übersetzt von Michaela Messner.
"In Klaras Familie wird niemals über das Land gesprochen,
aus dem ihre Eltern 1956 flohen - Ungarn. Klaras Eltern Peter und
Zsuzsa wollten in Frankreich ein neues Leben beginnen. sie wollten
echte Franzosen werden. Und das bedeutet für sie, mit ihrer Vergangenheit
abzuschließen. Für Klara heißt dies jedoch, dass sie nichts über
die Geschichte ihrer Familie erfährt, das Land ihrer Vorfahren nicht
kennt und kein Wort Ungarisch versteht. Einzig die heimatliche Küche
bildet eine Ausnahme. Gekocht wird zuhause immer noch mit Vorliebe
ungarisch…………"
(dem Klappentext entnommen)
Buchdaten:
Verlag: Limes
2009 Seitenzahl: 182
Deutsch
ISBN-13: 9783809025542 ISBN-10: 3809025542
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Meine
abschließende Meinung
Was der Autorin wunderbar gelingt, ist nicht nur ihre Erzählung
ihrer eigenen Empfindungen über ihre Suche nach ihren Wurzeln, sondern
auch die Ausdrucksweise, wie sie mit Wörtern das Gefühl zu beschreiben
versucht, nicht nur versucht, sondern es gelingt ihr einfach meisterhaft.
Mir kommen da Ähnlichkeiten mit Neruda in den Sinn, der auch mit
Worten so umging, wie kaum sonst jemand, und sie kann es!!! Sie
beschreibt ihre wachsende Liebe zu ihren ungarischen Wurzeln derart
diffizil und mit Gefühl, ohne jemals kitschig zu werden. Und ihren
letzten Absatz, wo sie sich über die Sprache an sich auslässt, muss
ich auch hier zitieren:
"…….als
die Ungarinnen mit ihren nach Wicken duftenden Wangen, aber auch
die anderen alten Damen, die mich in Frankreich immer noch beschützen,
diese Frauen mit ihren runzligen und ach so sanften Händen, die
ich mir als Jugendliche für ein paar Stunden ausborgte, all diese
Frauen mit Namen Hélène, Rose, Alice, Ama, Mamiohl, Mamijo, all
die Ersatzgroßmütter, die ich mir zusammenbastle, und sei es nur
für einen Nachmittag, finden sich dort auf einer Bank zusammen.
Auf meiner Großmütterbank. Und dort reden sie über Mode, über Stoffe
und natürlich über Kochrezepte! "In welcher Sprache denn?", werden
Sie mich fragen. Sie reden selbstverständlich in allen Sprachen.
Ungarisch, Französisch, Italienisch, Arabisch, Spanisch und Hebräisch
höre ich, und sie verstehen einander, denn diese alten Frauen haben
gelernt, dass die Sprache nichts anderes ist als eine Reise der
Seele. -------------------------------Unsere Sprache verändert sich,
sie erfindet oder kopiert, je nach dem. Die Sprache ist Ausdruck
unseres Lebens. Aber wenn man für immer verstummt, wenn die Worte
unseren dahinschwindenden Gesichtern entweichen, dann, so möchte
ich gerne glauben, dann verbleibt im Odem des Windes, der uns aufhebt,
die Duftspur all unserer Gelüste, die Bouillon unserer Liebesgeschichten,
das Karamell unserer Küsse, der Honig unserer kleinen Wunden……………….."
Was
ich bei diesem Buch häufig dachte war, wem ich das alles schenken
muss. Es sind einige, und es ist ein wunderbares Geschenk. Es ist
ein Eldorado an gelebter Sprache, verbunden mit Geschehnissen aus
der Geschichte, aber auch der Geschichte eines Emigrantenkindes,
der Spurensuche nach Herkunft, der Entwicklung der Liebe zu einem
Land, wo die Vorfahren gelebt haben. - Und nicht zuletzt auch dann
das Erlebnis, dieses Land zunächst hinter dem eisernen Vorhang kennen
zu lernen, die Sache mit der Revolution 1956 zu erfahren, aber auch
diese Geschichte ab 1989, wo ja auch Ungarn schließlich offen wurde,
für Ausreisende und Einreisende. Alles zusammen, das Lesen, das
Mit-Erleben, der Genuss der Sprache, diese Rezepte, einfach alles
- ein Genuss!!! -
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