Kate Christensen
Feldmans Frauen

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Nach diesem Film von letzten Jahr, wo es um zwei ältere Menschen ging, die die Liebe lebten, und das auch gezeigt wurde, ist jetzt scheinbar auch in der Literatur dieses Thema aktuell. Und auf jeden Fall sehr interessant; für viele sehr überraschend, aber warum eigentlich? -
Also: Das Thema Sex wurde jetzt mal herausgelöst aus dem allgemein scheinbar gültigen Gesetz, dass grundsätzlich nur junge Menschen sexuelle Wesen sind :-)) Aus dem Cover geht das nicht hervor, das wird erst deutlich beim Lesen des Buchs! Wobei es nicht Hauptthema ist.

Inhalt:
Zwei Biographen, Henry, ein weißer Journalist, und Ralph, ein schwarzer homosexueller Journalist, die jeweils eine Biographie über den Maler Oskar Feldman schreiben wollen, der fünf Jahre zuvor verstorben war, nehmen Kontakt auf mit den Frauen, die um Oskar gelebt hatten.

Zuerst ist seine langjährige Geliebte, Teddy genannt, im Focus. Sie hat von Oskar zwei Mädchen, Zwillinge.
Dann kommt seine Ehefrau, Abigail, dazu. Und schließlich seine Schwester Maxine. Aber auch die Freundin seiner Geliebten Teddy, Lila, spielt in der Geschichte mit.
Alle Charaktere werden im Wechsel, und zwar immer eingebunden in die Treffen mit den Autobiographen, oder auch in Treffen untereinander sehr diffizil beschrieben.
Da wird dann deutlich, dass auch die Frauen teilweise bisexuelle Erfahrungen hatten, teils untereinander, teils anders.

Aber auch der Charakter des Malers Oskar wird nach und nach deutlich, obwohl schon immer klar war, einfach anhand seiner zahlreichen Frauenakte, die er Zeit seines Lebens gemalt hatte. - Sie hatten alle etwas, das allen Beteiligten sehr schnell klar war: Er sah die Frauen einfach nur für sich, wenn er sie malte, also es gelang ihm nicht, auch die Charaktere der gemalten Frauen im Akt deutlich zu machen. - Er lenkte das Hauptaugenmerk auf die Geschlechtsteile der Frauen, setzte auch teilweise dazu die Augen in den Blickwinkel dazu. Beide Details malte er nicht so wie in Natur, sondern so wie er es sah/sehen wollte; weil das seine Art war, mit Frauen umzugehen. Ihn wollten alle, er bekam sie auch meistens, es musste alles so ablaufen wie es ihm genehm war.

Eine, die ihn sehr genau kannte, seine Schwester Maxine, auch eine Malerin, kann ihn sehr gut analysieren, aber auch seine Frau Abigail, wie dann immer klarer wird, aber auch seine langjährige Geliebte Teddy, waren sich genau darüber im klaren, welche Rolle sie im Leben von Oskar spielten.

Die einzelnen Geschichten jeder dieser Frauen wird ausgeleuchtet; interessant dann auch, wie sie ihre anfangs gezeigten Aversionen gegenüber nach und nach ablegen.

Es gibt Liebesbeziehungen von zwei der über 74-jährigen Frauen, die sie jetzt ganz neu eingehen; ist es bei Lila ein sehr viel jüngerer Mann, ist es bei Teddy ein langjähriger Freund, der sie seit Jahrzehnten, wie er sagt, verehrt.
Die Schilderung dieser ‚Affären' wie sie genannt werden, fallen sehr ausführlich aus. Wie sie sexuell miteinander umgehen, ihre ausgefallenen Praktiken und Gefühle…..mit über 74…… !!

 

 

Die Autorin:

"Kate Christensen wurde 1962 geboren und hat bereits mit einigen Romanen von sich reden gemacht.

Für ‚Feldmans Frauen' gewann sie 2008 den renommierten Pen/Faulkner Award für das beste US-Buch des Jahres.

 

Neben ihren Romanen hat sie Kurzgeschichten, Essays und Rezensionen verfasst, die in zahlreichen Anthologien, Zeitung und Zeitschriften erschienen sind.

Sie lebt mit ihrem Mann in Brooklyn, New York."

(entnommen aus Umschlagseite hinten)

 

 

Buchdaten:

Oktober 2009 im Verlag: Droemer/Knaur in Deutsch erschienen.

352 Seiten,
gebundene Ausgabe.

Übersetzt von:
Kristina Lake-Zapp

ISBN-10:3-426-19861-4 EAN:9783426198612

abschließende Meinung: (incl. Zitate)
Zunächst erweckte die Geschichte bei mir den Eindruck, es ginge um Sex bei Frauen um 74-80. Aber je mehr ich gelesen habe, desto mehr ist der anfangs entstandene Eindruck zu revidieren. Es geht um viel mehr. Nur eben auffällig, weil es, wenn es um Sex geht, in der Literatur selten um Frauen und Männer diesen Alters geht.

In einer Sprache, die mich an Philip Roth erinnert, gelingt es der Autorin, diese Geschichten von einigen Frauen, und auch Männern, um die Figur des verstorbenen Malers Oskar herum zu bauen. Da der verstorbene Maler auch in diesem Alter war, waren eben auch seine Figuren im Umfeld in ähnlichem Alter. Mit Ausnahme von einigen jüngeren Frauen, die aber in dieser Geschichte keinen breiten Raum einnehmen.

Wie diese Frauen sich dann Gedanken machen über diese jungen Männer, die sie interviewen für die Biographie von Oscar, zeigt hier ein kurzer Ausschnitt:

Sie unterhalten sich über Henry, über sein Sexleben….

"…'Seinem Sexleben?' platzte Lila lachend heraus. ‚Was hat er gesagt?' ‚Dass er mit einer zweihundvierzigjährigen verheiratet ist, die ganz vernarrt ist in ihren neugeborenen Sohn. Ich wette, sie haben es versucht, versucht und nochmals versucht, und Henry hat diese Goldgrube an Sex mit sexueller Begierde nach ihm verwechselt, und als die hatte, was die wollte, gab es plötzlich kein Blasen mehr, um ihn hart zu kriegen, keine Quickies am Nachmittag und keinen heißen Sex auf der Küchenspüle. Er ist aufs Abstellgleis geschoben worden, nutzlos, der ausrangierte Mann……' - Sie brach ab und versank wieder in ihre Träumerei………"

Aus einem Gespräch zwischen Maxine, Lila, Abigail und Teddy.

"………….'Oscar, Oscar, Oscar' sagte Maxine, ‚seht uns an, vier patente alte Schachteln, die über eine ganze Menge nachzudenken haben und die fixiert sind auf meinen schwanzgesteuerten Bruder, der seit fünf Jahren tot ist und nicht besonders nett zu uns allen war'……….."

Und: Es geht auch um ein Geheimnis…. Und zwar hatten Maxine und Oskar vor langer Zeit mal eine Wette abgeschlossen, sie hatte behauptet, sie könne auch so malen wie er, und er hatte eine junge Schwarze nackt gemalt, Maxine eine junge Weiße….. Beide Akte wurden ausgestellt, aber als Bilder von Oskar ausgegeben. Es hatte niemand bemerkt. Nur hatte Lila damals das eine Bild gekauft in der Galerie, und ihre Freundin Teddy, die das Geheimnis kannte, und die übermalte Signatur von Maxine ja erkannte, erzählte das Lila….. Aber, sie hatten geschworen, dieses Geheimnis für sich zu behalten. Was auch Maxine getan hatte.

Nur geschah dann das, was eigentlich Maxine forciert hatte: Es wurde 5 Jahre nach dem Tod ihres Bruder Oskar bekannt, dass sie die Malerin dieses einen Aktes war.

Eine Unterhaltung zwischen Maxine und Ralph:

"……'Was hätte Oscar gesagt, hätte er all das hören können??' - Maxine lächelte bissig. ‚Es hätte ihn nicht im mindestens überrascht. Im Übrigen erinnere ich mich…. - nicht dass ich ihn ab einem bestimmten Alter je noch einmal gesehen hätte -, dass er einen sehr kleinen Penis hatte.' - Ralf war eindeutig schockiert und hatte drauf nichts zu erwidern…. - ‚Den musste er wohl haben', fuhr Maxine fort ‚denn trotz seines Charmes und seines guten Aussehens hat er sich nie in eine Situation begeben, die er nicht kontrollieren konnte. Er erlaubte nichts und niemanden, ihn in Frage zu stellen. Er wählte Frauen, die ihm ergeben waren, obwohl sie vordergründig den Anschein von Unabhängigkeit und Stärke erweckten. Er hat sich nie Frauen genähert, von denen er nicht genau wusste, sie haben zu können. Und er hat bei seiner Arbeit nie etwas von seinem Innenleben preisgegeben. Überhaupt weigerte er sich, irgendein Risiko einzugehen - das Risiko abgelehnt zu werden, zu versagen, sich bloßzustellen. Und er erlaubte sich nicht, wahrhaft zu leiden, weil er zu schwach dafür war'……"

Thema ist auch immer mal wieder, wenn auch nicht sehr ausgebreitet, der Sohn von Abigail und Oscar, Ethan. Er ist über 40, so schön wie sein Vater aber schwer autistisch, wird von seiner Mutter liebevoll betreut.

Aus einem Gespräch zwischen Henry und Abigail:

"….'Woher wissen sie, dass er etwas mitbekommt, wenn er sich ihnen nicht mitteilen kann?' - - ‚Andere Autisten die nicht so in sich selbst verschlossen sind wie Ethan, haben erklärt, wie das ist, und sie haben eine komplette Wahrnehmungswelt beschrieben, die sich von der unseren zwar unterscheidet, aber damit verknüpft ist. Nicht sprachlich Nicht zwischenmenschlich. Aber nichtsdestotrotz ist sie nicht weniger real.'………..Ralph trank etwas Wein und dachte über ihre Worte nach. - - - ‚Außerdem' fuhr Abigail fort, ‚bin ich der Ansicht, dass diese Welt sogar noch intensiver ist, weil im Kopf des Autisten kein Schutzschild aus Wörtern besteht, nicht der Trost zu wissen, dass jemand anders das Gleiche fühlt wie man selbst. Sprache und Gesellschaft bieten uns einen gewissen Schutz. Mit uns selbst und mit anderen zu sprechen. Autistische Menschen haben keinen solchen Panzer.'…………"

Da gibt es ein Treffen, wo - von Maxine initiiert - alle Frauen sich treffen, bei ihr. Sie tauschen sich nach anfänglichen Ressentiments aus, was alle im Nachhinein irgendwie verblüfft.
Schließlich keimt sogar eine Freundschaft auf, zwischen Lila und Abigail.
Auch bei Maxine geschieht etwas. - Ihr war in den letzten Wochen eine junge Frau mit Hund aufgefallen, die ihrem Bruder sehr ähnlich sieht….Sie vermutet (stellt sich nachher als richtig heraus), dass diese junge Frau eine Tochter ihres Bruders ist, eine der Zwillingsmädchen der Geliebten von Oskar.

Zum Abschluss, nochmal, da komme ich nicht drumherum: Es sind wirklich zahlreiche sexuelle/erotische Geschichten, die vermutlich niemand Frauen im Alter zwischen 74 und 80 zutrauen würde. Woher die Autorin diese Einzelheiten nimmt, bleibt mir verborgen. Sie muss aber irgendwie ja Kenntnisse erlangt haben, die sie zu diesen, in ihrem Buch geschilderten Affären und Liebesbeziehung dieser Frauen in diesem Alter bewogen haben.