Amanda Craig
Spitze Federn

Ein kurzer Inhaltsanriss von mir:
Mary kommt aus Irland, arbeitet als Kellnerin in einem Club. Ihre große Liebe Mark, ein Karrierejournalist, lernte sie dort kennen. Die Autorin beschreibt den Charakter Marks sehr eingehend, aber auch den von Mary.
Das Buch ist in 35 Kapitel unterteilt. Wobei aber nicht in einem ganzen Kapitel von jeweils einer Person die Rede ist. Das Leben des ganzen Umfelds von Mike, aber auch von Mary, mit zahlreichen Personen, ist jetzt Thema. Die jeweiligen Wohngegenden, die in London wie überall in der Welt schon eine Klassifizierung darstellen, werden als sehr wichtig dargestellt.
Eine wichtige Person - und zwar über das gesamte Buch - ist Adam. Homosexueller, und Marys ältester und bester Freund. Er haust in einem Haus (allerdings in Mayfair), seine Wohnung ist verwahrlost, er selbst auch, er kleidet sich mit alten Kleidern, die er aus Wohlfahrtsläden hatte, er bezeichnet sich als Schriftsteller. Und er arbeitet grade an seinem zweiten Roman. Nachdem sich Mark ganz plötzlich von ihr getrennt hatte, um die Tochter eines großen Verlagsbonzen mit viel Macht zu heiraten, sucht sie Adam als erstes auf. - Die Unterhaltung mit ihm füllt viele Seiten, ein Satz von ihm war z.B. auch der:
"Ja" - sagte er "ich habe Glück, dass ein armer Mann, der reich erscheinen will, in England genauso aussehen kann wie ein reicher Mann, der so tut als wäre er arm."
Adam wird den ganzen letzten Teil des Buchs in Anspruch nehmen.
Weiter zu diesem Kreis, die sich alle irgendwie kennen, gehört Tom, ein Arzt, mit kärglichem Gehalt, der sich aufopfernd seinen Patienten widmet, ohne große Zukunftsaussichten.

Dann natürlich Amelia, die Tochter des Chefs vom Chronicle, die Mark dann heiratet, und die auch gleich schwanger ist. Mark erhofft sich durch diese Verbindung sehr viel….. - Ein Großteil erzählt dann von Amelia, die eine grauenhafte Schwangerschaft und Geburt erlebt; bisher ein strahlender Star jeder Party, sah sie mit Grauen zu, wie ihre Figur sich veränderte, ihr pausenlos schlecht war. - Aber was viel bedeutender ist: Ihr Vater hält sie sehr kurz, finanziert nicht ihr Leben, sie muss mit Mark in ein Haus ziehen, in einer nicht vornehmen Gegend. Ihr Luxusleben ist dahin. Und somit hat sich Mark schon mal verrechnet.
Dann tritt auch Ivo auf dem Plan, auch einer, der im Verlag viel zu sagen hat. Zahlreiche Autoren, Rezensenten usw. treten jetzt auch auf den Plan. Alles sehr interessant, ganz diffizil sind hier die Zusammenhänge, die Campagnen und auch die Verhältnisse untereinander. Macht ist alles.

Und immer zwischendurch kommt dann die Geschichte einer jungen, allein erziehenden Mutter, die von Arbeitslosengeld lebt und in großer Armut ihren kleinen Sohn sehr liebevoll aufzieht.
Auffallend immer der krasse Gegensatz, wenn die Autorin von einem Milieu ins andere wechselt, alles sehr ausführlich und in einer anspruchsvollen Sprache formuliert.

Mary wird schließlich von einem Freund dazu überredet, Buchkritiken zu schreiben. Was sie sich anfangs eigentlich nicht zutraut, aber sie bekommt Ratschläge….. die für alle, die auch Bücher beschreiben wollen, hochinteressant sind. Ivo hatte die Rezension über den ersten Roman von Adam, ihrem besten Freund, geschrieben. - Ein übler Verriss. Der neue Roman ist verlegt, und Mary erkämpft sich bei Ivo die Erlaubnis die Rezension zu schreiben.

"Sie fand das Buch gut - Menschen, die einander mögen, mögen sehr oft auch die Arbeit des anderen. Die Handlung war absurd, lebendig, phantastisch, purzelte durcheinander wie Welpen in einem Sack - und Marys Absicht war, nicht mehr als einem oder zweien von ihnen eins über den Kopf zu geben. - Dennoch gewann die Sache, auf die sie trainiert worden war, die Oberhand. Sie hatte gelernt, wie man kritisiert, und ihr Intellekt schoss aus der Scheide wie ein verzaubertes Schwert, zerteilte und spießte auf und erledigte das Buch, beinahe bevor ihr auffiel, was sie getan hatte - Vor einem Jahr hatte Mary noch eine Woche gebraucht, um ihre erste Rezension zu schreiben. Inzwischen schaffte sie dreimal so lange Kritiken in zwei Stunden, die sie gleich eintippte. Es gab ihr einen Kick, gegen alles zu Feld zu ziehen gegen die Zeit, die Konkurrenz, ihre eigene Trägheit, ihren Mangel an Selbstvertrauen und vor allem gegen Mark -, und ihr schien, dass es dem Blutdurst vergleichbar war, der Krieger in einer Schlacht überfällt…… "

Mary verdiente sehr gut, allerdings war das Leben, das sie nun führte - viel zu teuer. Und sie überzog ihr Konto um tausende…. Was sich daraus entwickelt - führe ich hier nicht näher aus, will ja nicht komplett alles erzählen. Immer nebeneinander laufen die einzelnen Geschichten, alle sehr interessant, und haben irgendwie etwas miteinander zu tun. Die Geschichte mit Amelia und Mark endet anders, als sich alle vorgestellt haben. - Und letztendlich dann die Geschichte mit Adam, der sehr schwer krank ist, im Zusammenhang mit Mary, nimmt einen Großteil des letzten Drittels des Buchs ein.

 

 

Die Autorin:
Amanda Craig ist 1959 geboren in England. Sie studierte an Bedales Schule und Cambridge und arbeitete als Journalistin.
Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder, und lebt in London. Sie arbeitet im Moment als Kritikerin für die Times.

(Info: Wikipedia)

 

Klappentext:
"Mary Quinn jobbt für ihre große Liebe Mark - der ehrgeizig Karrierejournalist lässt sich von ihrem Gehalt als Kellnerin aushalten, um sich ganz "seiner Arbeit" widmen zu können. Zu Marys Entsetzen sieht Marks Karriere dann so aus, dass er nicht sie, sondern die Tochter eines Zeitungsmagnaten heiratet, auf dessen Protektion er hofft. Mit dieser völlig neuen Situation konfrontiert, mausert Mary sich zu einer bissigen und ob ihrer treffsicheren Rezensionen nicht nur gefürchteten, sondern auch allgemein geschätzten Journalistin. Das, was Mark trotz Beziehungen nicht erreicht - im schnelllebigen Londoner Zeitungsmilieu Erfolg zu haben - , gelingt ihr. Doch Mary erfährt auch die Kehrseite des schönen Scheins, der Glitzerwelt der halbseidenen Londoner Society; sie muss zwischen wahren und falschen Freunden unterscheiden und mit dem Erfolg umgehen lernen."

 

Buchdaten:
Verlag: List Tb. (2000) Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3612650270
ISBN-13: 978-3612650276 443 Seiten

Meine abschließende Meinung:
Im gesamten ein hochinteressantes Buch dieser Autorin. Sie kennt das Genre, das Milieu, und ich denke, viel davon ist uns nicht so ganz bekannt, bzw. sehr wenig.

Was mich sehr interessiert hat war folgendes Gespräch zwischen Mary und Ivo, als sie sich darüber unterhalten, wie eine Buchbesprechung aussehen soll:


"….Ivo hatte bereits die halbe Flasche ausgetrunken……"oh, du wirst es können. Du weißt wovon du sprichst, du weißt nur noch nicht, wie du es lesbar machen sollst. deine Leser sind beim zweiten Satz eingeschlafen. Pass mal auf: Was sollte eine Buchbesprechung als erstes leisten?" --- "etwas über das Buch sagen" ---- "Nein" --- "etwas über den Autor sagen?2 - - "Nein". - "Was dann?" - - "Sie soll Lust machen, weiterzulesen. Hör zu, vergiss alles, was Mark dir möglicherweise beigebracht hat" - Mary blinzelte - "Eine Buchbesprechung ist Journalismus wie alles andere auch. Wenn du jemanden dazu bringst, zu lesen, was du geschrieben hast, hast du deinen Job schon halb getan. Jeder einzelne Artikel in einer Zeitung dient nicht nur der Information, er ist auch ein Grabenkrieg gegen Gleichgültigkeit, Faulheit, das Telefon oder den Wunsch deiner Leser nach einer Tasse Kaffee. Du musst sie am Schwanz packen und dranbleiben."

Wie nicht anders zu erwarten, geht die Autorin mit dem ganzen Verlagswesen hart ins Gericht. Nicht nur die Verhaltensweisen von ‚oben' - sondern vor allem auch die der ‚unteren' gegeneinander. Alles ist Konkurrenz, Kampf, Macht. Und ganz besonders gelingt es der Autorin, wie nicht anders zu erwarten, die zahlreichen Unterschiede der einzelnen Klassen, ihre Gruppenzugehörigkeit, und ganz besonders die Ungerechtigkeit hervorzuheben.
Letztendlich bedient sie dann aber auch die Rachegelüste, die nicht nur bei den Protagonisten entstanden sind, sondern auch beim Leser, sehr befriedigend. -

In einer sehr ausgefeilten, literarisch - in meinen Augen - hochwertigen Sprache ist dieses ganze Buch sehr gelungen, für sehr viele vermutlich unbedingt lesenswert. Ist es doch nicht nur ein Roman, mit einer spannenden Geschichte, sondern bietet auch Einblicke in genau dieses Genre, dieses Geschäft mit Journalismus, Literatur usw. -.

Mir hat das Buch hervorragend gefallen, ich brauchte allerdings einige Zeit um es zu lesen, aber eine gute Sprache und vor allem so ein interessanter Inhalt rechtfertigen das! -