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Von mir interpretierter Inhalt:
Überschrift: "Nichts ist lustiger als der Ernst des Lebens" - (Alexander
Blok)
Zunächst wurde ich neugierig, weil auf ein Vorwort von Wladimir
Kaminer hingewiesen wurde. Und so konnte ich mir schon ungefähr
vorstellen, welche Art, welcher Stil, welchem Genre dieses Buch
dieses Autors wohl angehört.
Mal ein Auszug aus diesem Vorwort: "………Diese Schriftsteller sind
Ideologen, sie fühlen sich dazu berufen, ihre Leser zu retten oder
ihnen mindestens zu zeigen, wie hoffnungslos verloren sie sind……….."
Dann eine andere Stelle: "…….er ist ein Goldjunge der russischen
Literatur, dafür vergöttern ihn die Leser in Russland wie keinen
anderen. Weil er so undiszipliniert und faul war, ein Trunkbold
und früh gestorben ist, hat Dowlatow sehr wenig geschrieben. Seine
fünf Bücher, die er trotzdem schaffte, haben sich millionenfach
verkauft und werden jedes Jahr neu aufgelegt; manchmal werden die
Werke neu gemischt und bekommen von geschäftstüchtigen Verlegern
neue Titel, damit die Leser denken, es wäre etwas Neues von Dowlatow
erschienen, und sich deswegen das gleiche Buch zweimal kaufen. Es
gibt aber seit seinem Tod 1990 nichts Neues von ihm……………."
Nun zur Geschichte.
Der Autor ist in USA angekommen, (Der Autor: "…………..Nach drei Monaten
ging ich in die Vereinigten Staaten. Nach New York. Zuerst wohnte
ich im Hotel"Rio". Dann bei Freunden in Flushing. Schließlich mietete
ich eine Wohnung in einer ordentlichen Gegend. Den Koffer stellte
ich in die hinterste Ecke des Wandschranks. Ich machte nicht mal
die Wäscheleine ab……...")
und irgendwann fällt ihm dieser Koffer wieder in die Hände.
Und er öffnet ihn, und sieht sich die Sachen an, die er damals mitgenommen
hatte, aber jahrelang nie angesehen hatte, er hatte den Koffer nie
vorher geöffnet.
Ich nehme jetzt einfach mal ein paar Dinge, die mir besonders im
Gedächtnis geblieben sind.
Da sind zunächst ein Paar Schuhe. Die hat er geklaut. In dieser
Geschichte geht es kunterbunt zu; er arbeitet in einer Werkstatt,
wo riesige Monumente hergestellt werden, und eins dieser wird, bzw.
soll tief unter der Erde in einer U-Bahn-Station aufgestellt werden,
und das ganze Procedere, wie sie das Riesending dann dorthin schaffen,
wo immer einer nach oben muss, Schnaps holen, und da er der jüngste
ist, obliegt ihm diese Aufgabe. Nur ist das ein sehr langer Weg
und tausende von Stufen. Bis er unten ist, ist die leere Buddel
schon wieder leer, und er muss schon wieder hinauf. -
Nungut, nach vielen sehr ulkigen Vorkommnissen ist schließlich das
Eröffnungs-Bankett, unten irgendwie in den Tiefen unter der Stadt,
der U-Bahn, wo die Leute an einem Tisch sitzen, und der Bürgermeister/Funktionär
unter dem Tisch seine Schuhe auszieht. - Und er nimmt dann diese
Schuhe schnell, packt sie in seine Tasche. -
Peinlich wird es dann, als der Bürgermeister seine Rede halten soll,
und keine Schuhe mehr hat. - Was er selbst mit den Schuhen will,
ist unwichtig, er braucht sie nicht. Aber: er hat sie in dem Koffer!!!!
- Also mitgenommen in die neue Welt.
So dann auch eine andere Geschichte, die auch besonders lustig
ist.
Ein Mann, den er kennenlernt, macht immer irgendwelche Geschäfte.
U.a. auch, weil es in Russland keine Kunstfaser-Socken gibt, kauft
er tonnenweise solche Kunstfaser-Socken aus Finnland. Nur: während
die Transaktion läuft, hat plötzlich die Sockenindustrie in Russland
begonnen, auch tausendfach diese Socken zu produzieren…..tja da
sitzen sie nun auf ihren zigtausend Socken. - Aber das tut dem Geschäftssinn
seines Partners gar nichts, der findet immer wieder neues, womit
er handeln kann. -
Und ein letztes Paar dieser Socken ist dann im Koffer gelandet.
- Er hatte die Jahr zuvor in Russland ja diese übrig gebliebenen
Socken für alles Mögliche benutzt, zum Auffüllen von Mauerritzen,
zum Putzen von Schuhen, als Putzlappen, aber es waren einfach zu
viele…….
Eine weitere Geschichte fällt ihm ein, als er diesen Offiziersgürtel
sieht.
Also das war so: Er war in irgendeinem Gefängnis irgendwohin unterwegs,
und so ein Gürtel war eben präpariert, so dass er als Waffe benutzt
werden kann. Aber darauf will ich gar nicht näher eingehen, obwohl
natürlich auch interessant und witzig.
Aber ein Teil der Geschichte ist, wie ein Gefangener, der bei dieser
Wanderung in eine andere Häftlingsbaracke dabei ist, erzählt. -
"sag mal, was hast du denn eigentlich mitgehen lassen?" Der Häftling
winkte verlegen ab. "Ach, nichts besonderes, ….. einen Traktor…."
- -----"Einen ganzen Traktor?"… -"mhm" - "Wie hast du denn das angestellt?"
- - "Ganz einfach aus dem Kombinat. Hab mich auf den Traktor gesetzt.
Hinten eine Eisentonne für Schmierfett drangebunden. Dann bin ich
zur Wache gefahren. Die Tonne macht einen Heidenkrach. Kommt er
Wachmann raus: "Wohin bringst du die Tonne?" - Ich: "Zum persönlichen
Gebrauch" - - - "hast du Papiere?" -- "nein" - "Bind sie los, verfluchte
Scheiße" ----- ich habe die Tonne losgebunden und weitergefahren.
So funktioniert Psychologie… Den Traktor haben wir dann zerlegt,
Ersatzteile daraus gemacht…….."
Ich belasse es mal bei diesen herausgegriffenen Episoden. Es wird
aber sehr deutlich, wie auch alle anderen beschaffen sind. Und sie
sind genau so wie erwartet!!
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"Sergej Donatowitsch Dowlatow, 1941
in Ufa geboren, studierte Philologie an der Leningrader Universität,
wurde aber nach zweieinhalb Jahren exmatrikuliert. Er diente in
der Roten Armee und arbeitete von 1972 bis 1975 als Journalist bei
der Tallinner Zeitung "Sowjetisches Estland". Versuche, in Russland
zu publizieren, blieben vergeblich. Nach der Veröffentlichung einiger
Geschichten von Dowlatow in westlichen Zeitschriften wurde er aus
dem Journalisten-Verband der UdSSR ausgeschlossen. 1978 verließ
Dowlatow die Sowjetunion und kam mit seiner Familie nach New York,
wo er später "The New American", eine liberale, russischsprachige
Zeitung für Immigranten mit herausgab. Nach dem Zerfall der Sowjetunion
wurden zahlreiche Sammlungen seiner Kurzgeschichten auch in Russland
veröffentlicht. Er starb 1990 in New York."
(aus Perlentaucher)
Buchdaten:
Gebundene Ausgabe:
180 Seiten
Originaltitel: Tschemodan, 1986 erschienen
Verlag: DUMONT Literatur und Kunst Verlag; Auflage: 1 (25. August
2008)
Sprache: Deutsch, übersetzt von Dorothea Trottenberg
ISBN-10: 3832180737
ISBN-13: 978-3832180737
Mit einem Vorwort von Wladimir Kaminer.
Klappentext:
"Sergej taugt nicht zum ordentlichen Kommunisten. Als er endlich
die Ausreisegenehmigung bekommt, darf er nur einen Koffer mitnehmen.
Einen Koffer für ein ganzes Leben. In New York angekommen, schiebt
er ihn schnell unter sein Bett. Dort entdeckt er ihn Jahre später
wieder. Er öffnet den Koffer und die Vergangenheit springt ihn an.
Da sind zum Beispiel die hellgrünen finnischen Acrylsocken, mit
denen er auf dem Schwarzmarkt nicht reich wurde. Oder die Schuhe,
die er dem Parteisekretär geklaut hat … Die Geschichten um die schäbigen
Habseligkeiten im Koffer umreißen Sergejs erstes Leben und lassen
die sowjetrussischen Siebziger in ihren allerschönsten Graubrauntönen
aufblitzen. Dowlatows "autobiografische Komödie" ist ein einzigartiges,
präzise formuliertes Meisterwerk voll hintergründigem Witz und unstillbarer
Sehnsucht."
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Wer
gerne was Lustiges, Humoriges liest, und auch noch so ein bisschen
den russischen Humor kennt, und schon mal gelesen hat, wie russische
Autoren damit umgehen, der hat mit dem Griff zu diesem Buch genau
das Richtige getan.
Die
Eigenart, wie dieser Autor mit der russischen Mentalität umgeht,
erinnert natürlich sehr an Kaminer, von dem das Vorwort, und das
nicht ohne Grund, stammt.
Über
sich selbst lustig zu machen, das verstehen sie einfach grandios.
Ob jetzt tatsächlich derart viel gesoffen wird, ob tatsächlich so
unglaubliches abläuft, wage ich zu bezweifeln; aber das schmälert
meine Begeisterung auf keinen Fall. -
Es
ist schlicht eine Persiflage auf die urige, russische Lebensart.
- Sprachliche Besonderheiten sind hier kaum nötig, und auch nicht
vorhanden, aber alleine die Inhalte sind derart humorvoll und mit
hintergründigem Witz erzählt, dass für Ausflüge in semantische Sphären
weder Platz ist, noch notwendig werden.
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