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Von mir interpretierter Inhalt:
Der erste Satz ist natürlich interessant: "Eine Woche vor ihrem
Tod sagte mir die Frau, mit der ich ein Vierteljahrhundert gelebt
und drei Kinder großgezogen hatte, dass sie immer nur ihn geliebt
habe."
Das ist der Ausgangspunkt für Theo Boddensiek, seinen Freund Rolf
Bronken, der in Italien lebt, aufzusuchen. Er hatte ihn vor einiger
Zeit nach Jahrzehnten zufällig in seiner Heimatstadt in Norddeutschland
getroffen, und ihn, da er selbst als Schiffslotse arbeitete, eingeladen,
mit ihm per Hubschrauber zu einem Schiff zu begleiten, und ihm bei
seiner Arbeit zuzuschauen. - Bronken, der Alleskönner und Meister
im Turmspringen usw., hatte große Probleme und schämte sich, weil
ihm schlecht wurde, und von seinem Freund gerettet werden musste.
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Rolf Bronken ist Mediziner, der immer nur Vertretungen als Narkosearzt
macht, und dazwischen oft wochenlang in Italien lebt.
In Italien hat er sich in einem kleinen Dorf einen Wohnsitz eingerichtet,
ziemlich ungewöhnlich, seine Behausungen, werden im Buch genauestens
beschrieben. Er hat einmal ‚unten' seine so genannte Höhle, und
dann oben noch in seinen Gärten, am Hang nochmal eine Wohnmöglichkeit
mit Terrasse usw. - Alles ziemlich urig und primitiv.
Boddensiek macht sich auf die Reise, hat vor nur ein paar Tage
bei Bronken zu bleiben, und dann weiter nach Rom zu fahren.
Bronken gibt ihm in seiner Höhle, wo er Bücher, Schreibtisch, und
ein Gästebett hat, Unterkunft. Bronken selbst schläft aber oben.
Die Schilderung der Ankunft, der ersten Eindrücke, der Gedanken,
das alles schreibt der Autor in einer sehr ausgefeilten Sprache,
die in meinen Augen eigentlich primär ist für die Qualität des Buchs.
Ist doch der Inhalt zwar interessant, aber nicht großartig spannend.
Als Leser wartet man ja bis zum Ende, wie und was geschieht, wenn
Boddensiek Bronken erzählt, was seine Frau ihm gesagt hatte.
Es war nämlich Bronken gemeint, den die Frau Boddensieks als einzigen
immer geliebt hat. Aber dieses Erwarten tritt immer mehr in den
Hintergrund, einfach durch die Beschreibung, wie diese beiden älteren
Männer sich gegenseitig Teile ihres Lebens erzählen.
Wobei zunächst Bronken derjenige ist, der am meisten erzählt, Boddensiek
kommt gar nicht dazu, weil der andere einfach anfängt zu erzählen,
und ihm keinen Raum gibt, auch eigenes zu erzählen. -
Nun gut, es sind dann eben nicht Dialoge, sondern ein Monolog, aber
die Antworten, die gedacht werden, werden, auch wieder in dieser
sehr ausgefeilten, teilweise blumigen Sprache geschildert, und bleiben
sehr interessant.
Über das Verhältnis Bronkens zur späteren Frau Boddensieks, als
sie noch Kinder, dann Jugendliche waren, als Aischa, die Frau Boddensieks,
die Freundin und Gefährtin Bronkens ist. Einzelheiten kommen Boddensiek
wieder in den Sinn, über Bronken, den Alleskönner, der als erster
vom 10-Meter-Turm sprang, und viele andere kleinere Einzelheiten.
- Aber alle nicht einfach so beschrieben, sondern eben in dieser
dem Autor eigenen Sprache.
Ein kleiner Auszug mal, als Boddensiek über seine Ausbildung erzählt:
"…….Nachdem ich drei Monate am untersten Ende der menschlichen
Möglichkeiten an Bord des geschlossenen Systems Schiff in der Küstenschifffahrt
in Personalunion als Assistent des Smutje - an Land hätte man gesagt:
Tellerwäscher (wenn ich nicht mit dessen Aufstiegsmöglichkeiten)
- und Nachwuchskalfaktor, der u.a. für die Beseitigung von Möwenschiss
auf dem Decksrost verantwortlich war, gedient, mich zugleich aber
über Aufstiegsmöglichkeiten informiert hatte, meldete ich mich an
der Schiffsjungenschule an………." Hier ist so in etwa der Sprachstil
zu erkennen, den der Autor benutzt.
Noch eine andere Stelle:
"…….Es ist kein Raum mehr zwischen uns, nackt stehen wir ineinander
gegossen in unserer jeweiligen Kleidung. Denn nie ereignet sich
- anders kann ich es am Ende nicht nennen: ereignet sich - dieser
Aufprall, wenn wir tatsächlich nackt sind. Wenn wir tatsächlich
nackt sind, gibt es immer noch den Ausweg, die Ausflucht der Lust.
Sie lässt mich nicht los. Wir stehen Minuten. Ich stehe sie durch.
Ich mache mich irgendwann frei. Fast übe ich Gewalt. Ihre Arme erlahmen.
Ich blicke ihr ins Gesicht. Streife ihr den tiefdichten Pony aus
der Stirn. Sie erwidert den Blick. Und blickt doch so, als sähe
sie mich nicht. - - - ……………."
Auch ein interessanter Auszug, gegen Ende des Buchs, wo Boddensiek
über Bronkens Tiraden erzählt:
" >Lieber Rolf!< . Ich zucke zusammen. Es ist schon seltsam, wie
einer, der sich nicht mit einem unterhält, allein durch sein Reden,
das ja letztendlich eine Form des Selbstgesprächs in Anwesenheit
eines Fremden ist, sich allein durch seinen ununterbrochenen Redefluss
in die andere Existenz hineinquält und derartig nicht nur in dieser
so etwas wie Vertrautheit, ja, Zutrauen hervorzubringen vermag,
sondern sich selbst, obwohl man als Zeuge des Geschehens so gut
wie nichts zu dem fluvialen Geschehen beigetragen hat, offenbar
in eine Art Vertrautheit und Zutrauen zum anderen einzuschwemmen
versteht. Er schafft es aus eigener Kraft. Ich bleibe austauschbar…………….."
Als Boddensiek über sein Verhältnis und sein Liebesleben
mit Aischa nachdenkt, fällt ihm auch wieder ein, wie z.b. schon
gleich nach der Hochzeit immer ein dritter (imaginär) dabei
war. - Das bliebt ihr ganzes Eheleben so. - Das lief so ab: Beim
Sex hatten sie in Gedanken immer eine oder mehrere Personen dabei,
diese Personen taten Dinge, die sie selbst real nicht taten, und
die ließen sie die verrücktesten Praktiken durchführen.
Und weiter erfährt der Leser auch die Geschichte der beiden,
wann sie sich näher kennengelernt hatten, nach ihrer Kinderzeit,
nach einer Ehe Aischas mit einem anderen, aber das alles sind die
Gedanken von Boddensiek, das Bronken zu erzählen lässt
ihm dieser ja keinen Raum.
Letztendlich bleibt Boddensiek über die ganze Zeit seines Urlaubs
bei Bronken in Italien. Unterbrochen von landwirtschaftlichen Aktivitäten,
Ausflügen nach Rom, immer wieder diese Dialoge zwischen diesen
beiden älteren Männern….. Die verbunden waren/sind, durch eine Frau,
die nach ihrem Tod ihnen Rätsel aufgibt, und beiden unerwartete
Wahrheiten hinterlässt.
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Buchdaten:
Verlag: Kiepenheuer & Witsch 2008
Seitenzahl: 412
ISBN-13: 9783462040319
ISBN-10: 3462040316
"Gerd-Peter Eigner, geb. 1942 in Malapane/Oberschlesien,
aufgewachsen in Wilhelmshaven, verließ die Schule ohne Abschluss
und ging nach Paris. Er holte das Abitur nach, studierte Volkswirtschaft,
Soziologie und Geschichte und arbeitete als Lehrer für verhaltens-
und entwicklungsgestörte Kinder, bevor er freier Schriftsteller
wurde und für mehr als zwanzig Jahre mit wechselnden Wohnsitzen
durch die Welt reiste. Seit 1998 lebt er in Olevano Romano und in
Berlin. Gerd-Peter Eigner erhielt zahlreiche Preise und Stipendien,
darunter den Hörspielpreis des österreichischen Rundfunks und das
Stipendium der Villa Massimo in Rom. Als seine Hauptwerke gelten
neben Golli und Lichterfahrt mit Gesualdo die Romane Brandig, 1985,
und Mittenentzwei, 1986. Darüber hinaus schrieb er zahlreiche Hörspiele
und Essays."
Quelle: Kiepenheuer & Witsch
Inhalt vom Verlag angegeben:
"Es beginnt mit einem männlichen Impuls. Kurz vor ihrem Tod hat
Aischa, Boddensieks Frau ihm gestanden, dass sie immer nur Bronken
geliebt habe. Also macht sich Boddensiek auf, den anderen zu besuchen,
der sich nach einer nicht eben Aufsehen erregenden Karriere als
Vertretungsanästhesiologe am Ende nach Italien zurückgezogen hat.
Dort angekommen, lässt er sich immer tiefer in das Leben Bronkens
und in die gemeinsame Vergangenheit hineinziehen, erfährt Unerhörtes
und umkreist doch immer wieder nur das eine: dass ihrer beider Leben
unauflöslich ineinander verwoben sind. Mit großer Bildmacht, feinem
Einfühlungsvermögen und subtilem Humor erzählt Gerd-Peter Eigner
von zwei alternden Männern - und von den Träumen, Enttäuschungen
und Hoffnungen zweier Einzelgänger, die aus Zwängen und Engen ausbrachen,
um die Freiheit zu suchen - die sie dann immer wieder nur in entschiedenen
Bindungen fanden."
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Meine
abschließende Meinung
mir kommen da Ähnlichkeiten mit dem Buch von Sandor Marai: Die
Glut in den Sinn.
Aber
von der Sprache her erinnert mich die Schreibweise auch an Thomas
Mann. Das war das, war mir als erstes auffiel: die Sprache, die
der Autor verwendet.
Der
Anfang war recht schwierig zu lesen, aber aufgrund genau dieser
Sprache blieb ich dabei, und wenn auch diese ganze Geschichte so
richtig erst in Gang kommt, wenn der Leser sich durch die ersten
100 Seiten gelesen hat, so geht es danach um so interessanter weiter;
und wird sogar richtig spannend.
Der
Autor lässt beide, zunächst Bronken weitaus mehr, ja den Hauptteil
bestreitend, in einer Art Weisheit erzählen, wo Eindrücke, Erlebnisse,
Erfahrungen verbunden werden mit den verschiedenen Personen, am
meisten aber geprägt von Frauen, die das Leben begleiteten; und
sie geprägt haben, latent beeinflusst, letztendlich geformt haben.
Das
alles wird diesen beiden alternden Männern bewusst.
Schonungslos,
offen und in einer präzisen, oft sehr ausschmückenden Erzählart
geschrieben, kann das Buch begeistern. Mich hat es begeistert.
Nunja,
besondere Erkenntnisse konnte ich nicht für mich verwenden, aber
es ist einfach schon durch seine Sprache und seine dennoch leicht
dahinplätschernde, vor allem der Landschaft angepassten Art und
Weise sehr angenehm zu lesen, und durchaus bereichernd, wenn frau
mal diese Einsichten dieser alten Männer betrachtet.
Und
nicht zu vergessen, der mediterran anmutende, zumindest aber davon
beeinflusste, subtil verarbeitete Humor.
Fein
herausgearbeitet, stehen die Dialage, bzw. Monologe nicht alleine,
sondern was der nicht zur Sprache kommende Partner denkt, ist ja
eingefügt.
Für
alle, die gerne in einer sehr schönen Sprache lesen, nichts Spektakuläres
bezüglich des Inhalts erwarten, ist dieses Buch ein Gewinn, und
vor allem ein sehr großes Lesevergnügen!
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