Nuruddin Farah
Netze

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Eigene Zusammenfassung
Eine interessante Geschichte, eine hochinteressante Frau, diese Cambara. -
In Kanada aufgewachsen, nach einer formalen Ehe und einer normalen Ehe, und nachdem sie ihren zweiten Mann verlassen hat, beschließt sie in ihr Heimatland Somalia zurückzukehren. -
Durch die Schuld ihres zweiten Mannes hatte sie ihr einzige Kind, einen kleinen Sohn verloren… er war ertrunken im Pool der Geliebten ihres Mannes.

Cambara lebt in einer gut situierten Familie, es ist Vermögen da, und sie hat einen großen Batzen an Dollars im Gepäck. Und auch Vorkehrungen waren getroffen worden, ihre Mutter hatte darauf bestanden, in Somalia bei ihrem ersten Mann, mit dem sie nur eine Scheinehe geführt hatte, und der mittlerweile nach der vorherigen Einbürgerung in Kanada wieder nach Somalia zurückgekehrt war, zu wohnen.
Eine Frau ohne jegliche Kontakte in Somalia, davor warnt die Mutter, und die ganzen Nachrichten aus Somalia, wo der Bürgerkrieg nach wie vor tobt, und die vielen Clans unter Führung ihrer Warlords, den alten Milizchefs, in einem riesigen Durcheinander und Chaos hausen. -
Sie erheben an allen möglichen Wegen und Kreuzungen Wegzoll. -

Diese ganzen Einzelheiten erfährt Cambara aber erst genauer, als sie selbst in Mogadischu, Somalia angekommen ist. Sie wohnt auch zunächst bei ihrem Cousin, ihrem 1. Exmann. Aber der haust in einem verkommenen Haus, eigentlich immer vollgedröhnt mit diesem grünen Kraut, das dort die meisten seines Genres kauen… ein Rauschgift, wo die über Tag nur hindösen, um sich bewaffnete Teenager scharen, als eine Art Leibgarde.

Cambara beschließt schnell, sich ein Hotel oder eine andere Bleibe zu suchen. Und durch ihre Mutter hat sie Kontakte zu einigen Frauen in Mogadischu.
Und Cambaras erstes Ziel ist es, mit Hilfe dieser Frauen das Haus der Familie, das von den Milizen besetzt ist, zurück zu erobern.
Sie bekommt zunächst Kontakt zu einer Freundin der Freundin ihrer Mutter, die ein Hotel leitet. - - und bekommt dort auch ein Zimmer, bzw. eine Wohnung in diesem Hotel.

Cambara macht sich auf den Weg durch Mogadischu, in einem, wie sie sagt, ‚Zelt' - ein Tschador, dicker Stoff, es ist nichts von ihr zu sehen, auffällig ist nur, dass er vornehmer ist als die der anderen Frauen, denen sie begegnet. - Aber im Schutz dieses Zeltes kann sie immerhin durch die Straßen wandern, und sie findet auch das Haus ihrer Familie wieder.
Ihre Familie hatte dieses Haus damals an das kanadische Konsulat vermietet gehabt, es ist weitläufig und war sehr luxuriös. Gewohnt hat die Familie in einem anderen Haus.

Sie verschafft sich Zugang zu diesem Haus dadurch, dass sie eine Frau, die dort am Tor tätig ist, hochschwanger, anspricht und sie versucht ihr Vertrauen zu bekommen, was ihr auch gelingt. Diese Frau wurde von ihrem Mann, dem kleinen Warlord, verprügelt, musste seine zahlreichen Kinder aufziehen, und auch zwei eigene. - Das Haus ist in einem katastrophalen Zustand. Kein Wasser im Bad, kein warmes Wasser, nirgends, überall bröckelt der Putz, und die Frau ist sehr schwach, liegt, als Cambara sie wieder aufsucht, auf einer verdreckten alten Matratze in einer Ecke…. und döst vor sich hin.
Ihr Mann ist auf Kriegszug, irgendwo unterwegs……. Cambara hilft der Frau zunächst, putzt das notwendigste, versorgt auch die Kinder. Und später lässt sie die Frau - auch wieder über das Netzwerk - in eine Klinik bringen, wo sie ihr Kind zur Welt bringt. Die Kinder wurden auch untergebracht, das Haus ist also leer…… Im Radio ist dann zu hören, wie der kleine Warlord, also der Mann dieser Frau, in Kämpfe verwickelt ist mit einem anderen Clan, und es ist sogar möglich, dass er dabei getötet wurde.

Auf dem Weg zu diesem Haus hat sie auch einen Laden aufgesucht, wo es alles Mögliche zu kaufen gibt, und viele Tüten Zeugs zu dieser Frau in dieses verkommene Haus gebracht.
Die Hotelmanagerin, die Freundin der Freundin ihrer Mutter, ist Teil eines Frauennetzwerkes, und auch die Frau dieses Ladenbesitzers gehört diesem Netzwerk an.

Und so lernte Cambara mit der Zeit viele Frauen kennen, die alle in diesem Netzwerk tätig sind. Cambara lernt unter diesen ganzen Jugendlichen, die verkommen und verwahrlost sind, aber bewaffnet, auch zwei Jungen kennen, die im Alter ihres verstorbenen Sohnes sind, und möchte ihre Zuneigung gewinnen; was ihr auch gelingt, zunächst gibt sie ihnen Anziehsachen ihres Sohnes, die sie mitgebracht hat, um sie irgendeiner Organisation zu spenden. - Sie gibt ihnen Essen, und einen Schlafplatz.
Und insgeheim hat sie diese beiden ausgesucht, als ihre Ersatzsöhne, mit denen sie später mal eine Familie gründen will.

Cambara ist von Haus aus Schauspielerin, und schreibt auch eigene kleine Theaterstücke, und lässt sogar die passenden Puppen dafür nach eigenen Zeichnungen herstellen.
Ihr weiterer Plan ist es auch, in Somalia ihr kleines Theater zu gründen. Und dafür ist dieses große Haus, wenn es erstmal renoviert ist, hervorragend geeignet.

Durch das Netzwerk der Hotelmanagerin lernt sie dann einen Iren kennen, der schon ewig in Somalia lebt und der Schreiner ist. - Weiter lässt sie andere Handwerker empfehlen, die sie dann alles besichtigen lässt, was renoviert, bzw. wieder hergestellt werden muss. - Den Schreiner aber auch, um die Puppen zu schnitzen, die sie braucht für ihr Theater-Projekt.

Diese ganzen Aktivitäten sind eingebettet in Informationen über Mogadischu, die politische Situation, den Bürgerkrieg in Somalia.

Und genau diese somalischen Frauen haben sich vorgenommen, gegen diese Gewaltherrschaft ihrer somalischen Männer, die zum Großteil dem Kaat verfallen sind, zu agieren. -
Es ist nicht möglich, mit einem Auto auf einer Straße zu fahren ohne Geleitschutz, der immer aus mehreren Jugendlichen besteht, ein Teil davon bewaffnet. -

Und wie es Cambara dann schafft, sich der Frauennetzwerke zu bedienen, bzw. sich einzugliedern, und was sie alles erreicht, das erzählt dann die Geschichte weiter. Soviel mal zum Inhalt.

Gut, aber ich möchte doch noch einiges hinzufügen. Und zwar geht es um die ganz persönliche Geschichte von Cambara, bezüglich ihrer Liebesgeschichte, die sich im zweiten Teil entwickelt. - Auch hier wieder zahlreiche, ungewöhnlich viele Gedankengänge, das Abwägen von Für und Wider, und wie sie immer wieder hinterfragt, warum sie was tut. - Ob es dazu dient, ihr selbst zu dienen, also mit einem Hintergedanken, oder deshalb, weil sie wirklich Menschen helfen will. Das sieht sie sehr genau, und alleine diese Geschichte ist schon spannend, und dann doch zunehmen sprachlich besser gestaltet. -

 

 

Der Autor:

Nuruddin Farah, 1945 in Somalia geboren, hat sich immer wieder gegen politische Repression gewandt. In seinem Heimatland fand er deshalb wenig Achtung.
Das Barre-Regime verhängte über ihn das Todesurteil, zwang ihn zu Flucht und Exil.

Farah lebt seitdem vorwiegend in afrikanischen Ländern, war Hochschullehrer in Nigeria, Gambia, Sudan und Uganda.

Er hat Kurzgeschichten, Drehbücher und sechs Romane geschrieben, die in 17 verschiedene Sprachen übersetzt worden sind.

von ihm auch erschienen
im Suhrkamp-Verlag:

Geheimnisse - 2000
Duniyas Gaben 2001
Wie eine nackte Nadel 2001 Maps 2004
Links 2005

 

Buchdaten:
Verlag: Suhrkamp 2009 Seitenzahl: 483
Deutsch
ISBN-13:9783518421031
ISBN-10: 3518421034

Klappentext
"Cambara, eine willensstarke Frau, beschließt, aus ihrer Wahlheimat Toronto in ihr Geburtsland Somalia zurückzukehren. Ihr geliebter Sohn ist durch die Unachtsamkeit ihres Mannes ums Leben gekommen, doch die Reise ist nicht nur eine Flucht: Cambara will das alte Anwesen ihrer Familie den Händen eines Warlords entreißen. Das Mogadischu, in das sie kommt, ist schwer gezeichnet vom Bürgerkrieg: Jugendliche mit automatischen Waffen patrouillieren die Straßen, Clan-Rivalitäten, Langeweile und das allgegenwärtige Kaat haben die einstmals lebendige Stadt im Griff, islamistische Gruppen nutzen die Lähmung, um Einfluss zu gewinnen. Doch nach und nach gelingt es Cambara, Verbündete zu gewinnen - Heldinnen der Vernunft in einer Welt der Zerstörung….."

Meine abschließende Meinung
Natürlich ist alles sehr spannend, und auch interessant geschildert….. Und obwohl der Autor ja ein Mann ist, ein Somali, der aber nicht mehr dort lebt, schildert er alles aus der Sicht einer Frau, dieser Cambara. -

Eine große Kritik muss ich allerdings anbringen, und zwar betrifft es den Schreibstil und die Formulierung, also der verwendeten Sprache. Ich weiß nicht, ob es an der Übersetzung alleine liegt. - Vermutlich nicht ganz. -
Warum? Weil alles so geschrieben ist, wie das eigentlich kein Autor schreiben würde, so unbeholfen in der Sprache. Also das ist schon ein sehr, sehr großer Mangel.

Interessant aber: dieser Mangel wird zunehmend, so ab der zweiten Hälfte des Buches bedeutend schwächer, bzw. gar nicht mehr erwähnenswert, sondern die Sprache wird sogar sehr gut. - Was könnte der Grund dafür sein ? - Kommt mir seltsam vor, aber erwähnenswert.

Okee, ich lasse das außen vor, weil die Geschichte auch so gut zu verstehen ist und sehr viel Informationen parat hat über das heutige Somalia.

Es werden die ganzen Gedankengänge von Cambara beschrieben, was sie in welcher Situation bedenken muss, wie sie entscheidet, und warum. Meistens mit vielen Verschachtelungen und Eventualitäten geäußert…. Dass es einfach Sitte dieser verkommenen Krieger ist, die Frauen zu vergewaltigen und zu verprügeln……

Und das liest natürlich frau sehr gerne, wie Cambara, immer bewaffnet mit einem Messer unter ihrem Kaftan, sich dieser Gefahr stellt, und notfalls auch mal einen verprügelt….. Sie hat einen Vorteil: Sie ist groß, über 1,80 m, gut trainiert, und vor allem furchtlos, zumindest nach außen hin.

Und vor allem: Sie hat das Netzwerk der Frauen im Rücken. Daher der Titel: NETZE. - Sehr gut gewählt meiner Ansicht nach.

Das Buch ist leicht zu lesen, wenn man von der mangelnden Sprachqualität mal absieht. Spannend, interessant, hat also alles, was ein Buch braucht, um gelesen zu werden. Und das kann ich durchaus empfehlen!!