Wolfram Fleischhauer
Der gestohlene Abend

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Klappentext:
"Es ist eine Liebe gegen jede Vernunft und Matthias muss sich entscheiden zwischen der undurchschaubaren Janine und dem übermächtigen Wunsch, hinter das Geheimnis von Professor de Vander zu kommen: "Der gestohlene Abend" Wolfram Fleischhauers mitreißender Roman erzählt von Liebe und Verantwortung, Rivalität und Wahrheit.

Der Pool des Colleges lag im hellen Licht des frühen Morgens. Noch waren sie die Einzigen. Matthias stand bis zur Brust im Wasser und umfasste Janines Taille. Ihr Badeanzug streifte seinen Oberschenkel, als er ihr erklärte, wie man eine Rollwende macht. Natürlich durfte er sich keinen Illusionen hingeben, Janine war mit David zusammen. Eigentlich hatte Matthias sich an der renommierten Hillcrest-Universität eingeschrieben, um etwas über Literatur zu erfahren, um die neuen spektakulären Thesen Professor de Vanders kennen zu lernen. Während Matthias noch mit seiner Situation hadert, ist es ausgerechnet David, sein großer Rivale, der ihm die Augen öffnet über die erschütternde Wahrheit hinter de Vanders Thesen."

Meine Interpretation des Inhalts:
Ein Student, Matthias, der für ein Jahr ein Stipendium an dieser Universität hat, beschreibt seine Tage von Anfang an; wie er sie erlebt, wie das Procedere ist, wie man zu den einzelnen Seminaren zugelassen wird oder nicht, er lernt die Hierarchie kennen. Und vor allem auch erlebt er, dass es in diesem Mikrokosmos dieser Uni eigene Gesetze und Machtverhältnisse gibt. Im ersten Drittel des Buchs geht es darum, sich in dieses Geschehen einzulesen, gespickt mit hochinteressanten fachlichen Auseinandersetzungen, Dialogen usw. - -
So langsam ist dann zu erahnen, um was es gehen könnte, aber noch lange sehr, sehr vage. - Ganz behutsam führt der Autor dann zum eigentlichen Handlungsteil, wenn ich mal das ganze erste Drittel ausklammere, was in meinen Augen erst dazu hinführt.
Da sind seine Vorstellungen bei den einzelnen Dozenten/Profs, die Gespräche mit ihnen, oder Gespräche mit anderen Studenten, die er kennenlernt, wo ich einige Auszüge hier einfüge.
Da ist eine Studentin, Janine, die er zuerst im Pool trifft, als er morgens schwimmt. Janine ist die Freundin von David. David ist ein Elitestudent in einem Seminar, das den höchsten Standart hat. Sie verlieben sich und Janine trennt sich von David.
Bei einem spektakulären Vortrag Davids, wo es um die Sonetts von Shakespeare geht, deckt er eine Aufsehen erregende Tatsache auf, die bisher von keinem Wissenschaftlicher so gesehen wurde. - Sehr zum Missfallen seiner Professorin Candall-Carruthers, aber Matthias versteht nicht die Zusammenhänge.

Als David dann beginnt, ihn zu besuchen, gleichzeitig aber aus der Seminarliste gestrichen wurde - Matthias wurde inzwischen durch Intervention eines ihn betreuenden Dozenten auch in diesem bevorzugten Seminar von Frau Marian Candall-Carruthers aufgenommen - beginnt die Geschichte, bzw. diese seltsamen Besuche von David bei Matthias sind sonderbar, vor allem weil David zu sonst niemand mehr Kontakt hat. - Janine passt dieser Kontakt nicht, sie meint, dass auf diese Weise sich David zwischen sie und Matthias drängt, alleine dadurch, dass Matthias Janine von Davids Besuchen erzählt.

Da kommt eines Morgens auch wieder David zu Matthias, und fragt ihn, ob er mit geht zum Kaffeetrinken. Matthias steigt ein, und David fährt mit ihm eine viel weitere Strecke als eigentlich von Matthias gedacht war.
Auf dieser Fahrt kommt auch wieder dieses Wort "gestohlener Abend" vor - aber Matthias weiß damit nichts anzufangen, er kann es nur auf sich beziehen, auf seine Beziehung zu Janine, und er meint David würde damit meinen, ihm und Janine einen Abend gestohlen zu haben. - was aber überhaupt nicht der Fall ist, sondern dieses Wort hat einen ganz anderen Zusammenhang.

David zeigt Matthias dann einen Ort, wo de Vanders zu spüren ist, an Stätten wo er gewirkt hat. Wie überhaupt der Einfluss de Vanders allumfassend ist. Nicht nur seine Thesen, die er verbreitet und die von allen Literaturwissenschaftlern zwar diskutiert werden, aber übernommen werden. Es scheint eine Magie von de Vanders auszugehen.

Vom Inhalt her beschränke ich mich jetzt ganz grob auf das Geschehen, ohne allzu viel preiszugeben, was der Leser jetzt eventuell gar nicht wissen will, der dieses Buch selbst lesen möchte.

Es passiert etwas, was alles, egal um was es geht, die Professoren oder die Studenten, oder de Vanders, verändert.

Anschließend reist Matthias in den Weihnachtsferien nach Deutschland, trifft dort Janine, beide fahren zusammen nach Paris. Von Paris aus fährt Matthias nach Belgien. Er möchte im Archiv dort über die Vergangenheit de Vanders recherchieren; als Janine davon erfährt, ist ihre Beziehung zu Ende.

Es wird nicht so ganz klar zu diesem Zeitpunkt, warum das für Janine derart wichtig ist.
Er kehrt auch später wieder zurück an diese Uni, alles ist anders, viele Leute nicht mehr da. Und nach einigen Jahren, als er wieder mal dort ist, findet er fast nichts mehr wie es war, alles hat sich vergrößert. neue Profs und Dozenten sind hier - nur noch der Pool ist da…….

Die Geschichte, um was es wirklich geht, ist kurz, und ich bemühe mich, nicht allzu viel zu verraten.

De Vander hat in seiner Jugend in Belgien antisemitische Artikel verfasst. - Es war in USA und auch an der Uni nicht bekannt. Und seine neuen Thesen, die er verbreitet, scheinen dazu zu dienen, seine antisemitische Vergangenheit zu rechtfertigen, zu minimieren.

Auszüge: (Unterhaltung zwischen Matthias und Theo) (S. 74 ff)
"……………….'Kunst ist Technik, Arbeit und Talent'. Und ich bin mir nicht einmal sicher, in welcher Dosierung das Talent eine Rolle spielt, denn wie weit einer am Ende wirklich kommt, wie viele Seelen er berührt und ob überhaupt, das entscheiden vermutlich ohnehin die Götter.' - - -‚Und du, der Autor?' Was entscheidest dann du?' - ‚Viel zu arbeiten und zu welchen Lehrern ich in die Schule gehe.' - - ‚Ich dachte immer, man schreibt, um etwas auszudrücken.' - - - ‚Theo zog die Mundwinkel herunter. ‚Wer etwas ausdrücken muss, der soll aufs Klo gehen', sagte er abfällig. ‚Es geht eher ums Weglassen. Form geben. Gestalten.' - ‚Und was genau gestaltet Kunst deiner Meinung nach, wenn nicht einen Ausdruckswunsch?' - Er schaute mich lange an. ‚Dich!' - ‚Mich?' - ‚Ja, für mich ist Kunst ein Spiegel, nichts weiter. Bücher, Erzählungen, Romane. Was ist das anderes als eine Projektionsfläche für unsere Wünsche, Sehnsüchte, Fragen, Ängste. Warum lesen wir denn?' ‚Um etwas über die Welt zu erfahren' schlug ich vor, ‚über andere.' ‚Das glaube ich nicht. Wir lesen immer nur uns selber. Die anderen sind doch immer nur ein Vorwand. Und wenn du schreiben würdest, dann würdest du das sofort bemerken. Schreiben heißt spiegeln Wer eine Geschichte erzählt, bestimmt die Zahl, die Anordnung und den Schliff der Spiegel, die er aufstellt. Und er läuft als Erster durch den Raum, der dabei entsteht. Er schaut sich die Brechungen an, die Perspektiven, die unschönen Verzerrungen oder die schönen Verdoppelungen. Aber im Freunde ist er auch nur ein Leser, ein hoffentlich aufmerksamer Protokollant seiner eigenen Obsessionen und Projektionen. Insofern haben diese Leute vom INAT ja auch nicht ganz unrecht mit ihrer seltsamen Auffassung, dass der Autor tot sei. Nur ziehen sie daraus den falschen Schluss.'"

(Seite 110 ff) "…………Ich habe kein einziges Beispiel gefunden, wo etwa ein Übersetzer, Kommentator, Verleger, Abschreiber Verfasser von Anthologien oder Plagiator so bezeichnet worden wäre. Im Gegenteil. In der Widmungstradition der Renaissance war die Betrachtung eines Textes als Nachkommenschaft eine der meistverbreiteten Metaphern überhaupt und wurde sogar sehr differenziert eingesetzt. Übersetzer galten als Adoptivväter oder als Stiefväter, Übersetzungen entsprechend als Stiefkinder, meist als Stieftöchter. Drucker, Verleger und Herausgebe wurde immer wieder als Hebammen bezeichnet, Plagiate und auch Abhandlungen religiöser Gegner als Bastarde, posthume Werke als Waisen, deren sich der Herausgeber als Vormund oder Pate angenommen hat………………"

(Seite 138 ff) "……………..Immerhin wurde mir rasch ein Prinzip klar das immer wieder auftaucht. Es war um eine Stelle bei Schiller gegangen, einen Passus aus der Ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts, wo die Rede davon war, dass echte Weisheit von der Vernunft nicht eingeholt werden kann, also recht besehen außervernünftig sei. Über das romantische Paradox der gefühlten Wahrheit, die widersprüchliche Vermischung von Vernunft und Gefühl, war Marian dann auf einen Grundwiderspruch zu sprechen gekommen, den sie als Unvereinbarkeit von grammatischer und rhetorischer Lesart bezeichnete…………"

(Seite 141) (Vortrag von Prof Marian Candall-Caruthers) ……
"'Begriffe werden oft klar, wenn man ihr Gegenteil betrachtet. Was ist das Gegenteil von Mimesis?' - ‚Diegese' sagte eine weibliche Stimme. Ich drehte mich herum. Parisa hatte gesprochen. ‚Und was ist Diegese?' ‚Erzählung im weitesten Sinne. Berichtendes Erzählen im Gegensatz zum Nachahmenden.' ‚Sehr schön Parisa. Für Sokrates ist die Unterscheidung also in der Stimme des Autors zu finden' erklärte Marian, sichtlich irritiert, dass sie ihre Zeit mit diesem Anfängerwissen verschwenden musste.'………"

(S. 145 ff) (David und Matthias) wo es um die Schlüsselrolle von de Vander geht:
"……….'So war das immer' sagte er nach einer Weile. ‚Jacques sprach. Niemand verstand so recht, was er eigentlich sagte, aber alle waren wie verzaubert. Er war wirklich ein Meister.' Jetzt würde ich beim lesen seiner Texte immer diese Stimme hören, dachte ich. Den merkwürdigen Akzent, den etwas schleppenden Vortragsstil. De Vander endete immer mit einer einfachen Frage. Aber so wie er sie stellte, hatte man plötzlich den Eindruck, es sei ein gewaltiges Geheimnis darin verborgen. Nicht in der Frage, sondern in er Tatsache, dass sie überhaupt gestellt wurde. ‚Was ist also ist ein Name?', hörte ich aus dem Lautsprecher. ‚Was bedeutet es, einen Namen zu geben?' - Die Kamera fuhr wieder durch den Raum. Gespannte, erwartungsvolle Gesichter Aber keine Antwort. Jedenfalls gab De Vander keine. War das die Hausaufgabe? Oder käme die Antwort später?'…………………"

die letzte Unterhaltung zwischen Matthias und seinem Prof Barstow:
Seite 335 ff)
"Er wollte sich erlösen, Mathew (so wird Matthias dort genannt), sonst gar nichts. Wie so viele Intellektuelle seiner Generation, die mit dem totalitären Denken Europas kokettiert haben. Wissen Sie, was Ruth mir gestern gesagt hat?" Ich schüttelte den Kopf. - "Sie hat mir gesagt, sie verstehe jetzt diesen jüdischen Autor, der nach dem Krieg geschrieben hat, die Offizier solle man einsperren, aber die Intellektuellen müsse man hängen Gedanken sind nicht einfach nur Gedanken. Es sind Handlungen. Taten. Und ist es nicht eine bittere Ironie der Geschichte, dass De Vanders Artikel ausgerechnet in einer Zeitung mit dem Namen "Der gestohlene Abend" erschienen sind? Sinnbildlich kann er durchaus für den gestohlenen und verlogenen Lebensabend einer geistigen Elite stehen, die erbärmlich versagt hat, die ihre Komplizenschaft mit den Kräften, die Hitler ermöglicht haben, niemals eingestanden hat. Oder erst dann, wenn kein Preis mehr dafür zu bezahlen war oder die Beweislast zu erdrückend wurde." …………

 

 

 

Verlag: Piper 2008 Ausstattung/Bilder: 2008.

Seitenzahl: 368
Deutsch

ISBN-13: 9783492048477 ISBN-10: 3492048471

 

 

 

Der Autor:
Geboren am 9. Juni 1961 in Karlsruhe Grundschule und Gymnasium mit Mühe und Not bis zur zehnten Klasse. 1978-79: AFS Austauschschüler in Warren, Ohio und rasche Verwandlung zum Halbamerikaner.

1979-1982: Gymnasium in Karlsruhe, Rückverwandlung zum Europäer mit starken amerikanischen Neigungen. Abitur jetzt ohne Mühe und Not.

1982-1983: Sprachstudium in Spanien (Salamanca und Madrid)

1983-1984: Beginn des Studiums der Lateinamerikanistik in Berlin. Job als Schneepflugfahrer. Längere Südostasien-Reise.

1984-1986: Studium von allem Möglichen: Geschichte, Anglistik, Germanistik, Romanistik, Amerikanistik, Komparatistik. Daneben Jobs als Hilfsarbeiter, Spanischlehrer und Reiseleiter. Kurzgeschichten und Romanentwürfe. Alles ziemlicher Mist. Längerer Aufenthalt in Paris zwecks Französischstudiums. "Gabrielle d´Estrées und eine ihrer Schwester" im Louvre gesehen. Guatemala-Reise zu jüngst entdeckten Verwandten. 1987-1988: DAAD Stipendium für Studienjahr an der UC-Irvine in Kalifornien. Ziemlich geschockt durch den dort am 1. Dezember auffliegenden Skandal um Paul De Man und die Folgen. 1988-1990: Staatliche Dolmetscher und Übersetzerprüfung für Englisch. Jobs als Gerichtsdolmetscher und Telexschreiber für japanische Firma in Ost-Berlin. Arbeit an der Magisterarbeit. Erste Recherchen für "Die Purpurlinie". Erste Tango-Stunden. 1990: Magister für Amerikanistik. Umzug nach Paris.

entnommen aus seiner Homepage

Zunächst bin ich durch Zufall zu einem Buch gekommen, das einige hochinteressante literaturwissenschaftliche bzw. philologische, für mich bis dato nicht bekannte Inhalte preisgibt, bzw. behandelt. Und zwar in einer sehr interessanten Form.

Gut, dass es eine sehr lange, unverhältnismäßig lange Einführung ist, finde ich notwendig und sehr interessant, aber anstrengend.

Der Leser wird mitgenommen in diese renommierte Universität Hillcrest. Die Politik in dieser Institution wird transparent, der Alltag und das Arbeiten dort, überall das erfährt der Leser sehr interessante Einzelheiten.

Dass viel Autobiografisches eingeflochten ist, brauche ich nicht extra erwähnen, weil das in jedem Buch so ist. und so auch in diesem.

Aber, und ein großes Aber dennoch. Die Handlung an sich wäre in wenigen Seiten erzählt gewesen. Aber diese ganzen Einflechtung von Unterhaltungen, Diskussionen von Thesen und Antithesen, philologische Abhandlungen und Untersuchungen, sind m.E. eher für Insider gedacht, und nicht für ‚normale' Leser, die sich nicht mit Literaturgeschichte und literaturwissenschaftlichen Themen auskennen bzw. befassen.

Gut, ich habe den Inhalt und seine Intentionen schon verstanden, konnte ihn auch kognitiv verarbeiten und fand das alles hochinteressant. Aber von 363 Seiten waren die ersten 160 Seiten eigentlich nur Einführung in das Thema.

Leider muss ich deshalb einen Punkt abziehen, auch wenn das Buch einen hohen literarischen Wert haben mag.