Philippe Grimbert

 

grimbert_geheimnis_buchitel

 

Klappentext:
"Als Einzelkind hat es Philippe nicht leicht. Schmächtig ist er, nicht der talentierte, kräftige Sohn, den seine Eltern - beide begeisterte Sportler - gern gehabt hätten. Auch der große Bruder, den er sich in seinen Tagträumen herbeiphantasiert, kann nicht helfen. Kein Stolz, nur Enttäuschung und Leeere liegen im Blick des Vaters.

Phlippe ist fünfzehn, als ihm Louise, eine enge Freundin der Famlie, ein über lange Jahre gehütetes Geheimnis enthüllt. Die Grimberts sind Juden. Und sie haben das Leben im besetzten Paris keineswegs so unbeschadet überstanden, wie sie ihrem Sohn glauben machen wollen. Behutsam wird Philippe an eine vor seiner Geburt liegende, von allen verdrängte Vergangenheit herangeführt, in der es den großen Bruder seiner Phantasie tatsächlich gegeben hat.
Jetzt - fast 50 Jahre nach den Ereignissen - hat sich der französische Autor und Psychoanalytiker Philippe Grimbert entschieden, die bewegende Geschichte seiner Familie aufzuschreiben."

 

Meine Zusammenfassung

Der Protagonist (Philippe) erzählt, gleich zu Beginn, dass er sich lange Zeit einen Bruder vorgestellt hat, er hatte keine Geschwister. Er stellte sich seinen älteren Bruder vor als erfolgreich und schön, und er erzählte seinen Freunden, als ob es wahr wäre.

Philippe selbst ist schmächtig, oft krank, und das Gegenteil seiner Eltern, die beide sehr sportlich sind. In einem Stadtteil von Paris haben sie zusammen einen Laden mit Textilien. In der Nähe gibt es auch die Massagepraxis von Louise; sie ist eine alte Frau, hat einen Klumpfuß, raucht viele Zigaretten und trinkt auch ziemlich viel.

Als Philippe mal seiner Mutter in die Abstellkammer folgt, findet er u.a. auch einen alten Plüschhund mit Bakelitaugen. Da seine Mutter missbilligend guckt, legt er ihn wieder hin, holt ihn sich aber ungesehen später. Und zeitlich etwa erfindet er seinen älteren Bruder.
Philippe weiß aus Erzählungen, dass die Mutter seines Vaters starb als dieser noch ein Kind war; der Großvater jung aus Rumänien eingewandert war und einen Laden mit Strickwaren eröffnet hatte.
Maxime, Philippes Vater, war der jüngste von drei Brüdern, war ein selbstsicherer, Frauenverführer.

Tania, seine Mutter, war die Tochter eines arbeitslosen Geigers, der Frau und Kind verließ, als Tania noch klein war. Ihre Mutter Martha, aus Russland stammend, unterhielt die Familie alleine, sie arbeitete als Schneiderin. Tania, die Tochter, machte eine Ausbildung zur Modezeichnerin.
Philippe stellte sich nun vor, wie sich seine Eltern kennen gelernt haben mögen: vermutlich beim Sport, sich verliebten und dann heirateten.

Als Philippe mal mit seiner Mutter zusammen am Fernseher sitzt, kommt ein Film, wo eine Dokumentation läuft, und Nackte zu sehen sind. Da sah er zum ersten Mal nackte Menschen. Was er sah, war ein Film über Juden, die nackt in einem KZ irgendwohin getrieben wurden; die Frauen mit bloßen Händen ihre Brüste bedeckend, die Männer ihre Hände vor ihrem Geschlecht hielten. -
Später in der Schule sah er einen Film über diese Situationen: es waren Berge von Kleidern, Schuhen zu sehen, ein Hügel mit Körpern und Gliedmaßen.

Da er mit seinen Eltern nicht sprechen kann oder will, geht er zu Louise und bittet sie, ihm zu erzählen, wie das damals war. Und er erfährt, dass es tatsächlich einen älteren Bruder gab. Und er erfährt noch viele Sachen, die er von den Eltern nie erfahren hatte. Dass beide schon mal verheiratet gewesen waren. Und zwar untereinander sogar verschwägert waren:

Maxime war mit einer Hannah verheiratet gewesen, deren Bruder Robert mit Tania. Es wird erzählt, wie sich Hannah und Maxime Hochzeit feierten, und hier Maxime zum ersten Mal Tania sah. Er verliebte sich sofort in sie, auf seiner Hochzeit also in die Schwägerin seiner Braut. Robert und Tania kehrten wieder nach Lyon zurück. Hannah und Maxime bekamen einen Sohn.

Während des Krieges, als Robert als Soldat an der Ostfront ist, hält sich Hannah in Paris auf, und so haben sie auch Kontakt zu Maxime und Tania. Hannah bemerkt, dass ihr Mann von Tania fasziniert ist, und ist ziemlich erschrocken.

Als die Deutschen anordneten, dass auch die Juden in Frankreich den Judenstern tragen müssen ist Maxime sehr erschüttert, hatte er doch mit den Juden allgemein wenig im Sinn, fühlte sich nicht zugehörig, und eine solche Kennzeichnung hätte ihn zu der Zugehörigkeit dieser jüdischen Gruppe gezwungen, was er unbedingt vermeiden wollte.
Deshalb wollte er in die Freie Zone über die Demarkationslinie fliehen, und beriet sich mit der Familie. Viele wollten nicht mit, Louise, auch eine Jüdin, hatte von einer Cousine eine Adresse erhalten, und zwar von einem Obersten, der in Saint-Gaultier an der Creuse lebte und bereit war, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen.

Als dann die Eltern von Hannah und Robert mit anderen Juden abgeholt wurden und abtransportiert wurden, fuhren Maxime und Georges dorthin.
Als Hannah dann in einem Brief erfuhr, dass auch Tania in Saint-Gaultier an der Creuse eingetroffen war, war sich Hannah bewusst, dass sie ihren Mann an Tania verlieren würde.
Als Hannah sich auch auf der Flucht befand, mit gefälschten Ausweisen und mit anderen Familienangehörigen, kamen plötzlich deutsche Offiziere, forderten sie auf, ihre Pässe zu zeigen, und Hannah zeigte ihren richtigen und ihren falschen Pass. Daraufhin wurde sie zusammen mit ihren achtjährigen Sohn abgeführt.

In Saint-Gaultier an der Creuse waren auch Luise und Esther angekommen, also Tania, Maxime, Georges und diese beiden. Zunächst hätte sich Maxime in seinem Zimmer eingeschlossen, dann aber der Versuchung nachgegeben und sich nachts zu Tania geschlichen.
Ihr Mann Robert starb in einem Lager an Typhus.

Als Charles de Gaulle Paris befreit hatte, kehrten Tania, Maxime, Louise und Esther zurück, Tania wohnte wieder bei ihrer Mutter Martha.
Später heirateten dann Maxime und Tania. Maxime hatte vorher noch seinen Namen "Grinberg" in "Grimbert" ändern lassen, er wollte die ganze Zeit vorher einfach vergessen. Tania erkrankt später schwer, hat eine Hirnblutung und kann nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen. Ihre Muskeln schwinden, und ihr bis dahin so schöner Körper war entstellt.

Philippe wollte sich unbedingt Klarheit über alles verschaffen, und stöberte so lange in den Unterlagen im Centre de documentation juive contemporaine herum, bis er endlich fand, was damals mit Hannah und Simon (sein Halbbruder) geschah.

Er konnte lesen, dass sie nach Auschwitz verbracht worden waren und dort in der Gaskammer ermordet wurden. Philippe möchte Psychoanalytiker werden und studiert Philosophie und Psychologie.

Eines Tages ist Maxime unterwegs, und sein Hund wird tödlich verletzt bei einem Unfall, er hatte ihn nicht angeleint. - Er bricht zusammen, gibt sich die Schuld daran. Philippe setzt sich zu ihm. Er sagte zu seinem Vater, dass er Recht damit habe, am Tod des Hundes schuld zu sein, aber nur DARAN.
Philippe war das so herausgerutscht. Philippe kann mit seinem Vater zu ersten Mal über die Vergangenheit sprechen, der Tod des Hundes leitete die Wende ein, Philippe konnte seinen Vater von seinem Geheimnis befreien.

Später geht Maxime nachhause, hilft seiner Frau Tania aufzustehen, geht mit ihr zum Balkon, umarmt sie und springt mit ihr zusammen in den Tod.

 

 

 

Philippe Grimbert wurde 1948 in Paris geboren.

Er ist Pschoanalytiker und Autor mehrer Essays.

Mit "Ein Geheimnis", seinem zweiten Roman, gelang ihm der Durchbruch.

Das Buch wurde mit dem "Prix Goncourt des Lycéens 2004" ausgezeichnet und stand monateleang auf den französischen Bestsellerlisten.

 

Grimbert schildert sehr einfühlsam und ausführlich seine Gedanken, seine geheimen Wünsche, während der Zeit, als er noch *nichts wusste*.
Als er dann nach und nach alles erfährt, versucht er sein Leben anders zu betrachten. Er forscht auch in Archiven nach, sucht den Namen seines Bruders und anderer Familienangehöriger in den Listen der ermordeten Juden von Paris.

Dem ermordeten Bruder widmet er als Grab dieses Buch. Es gibt ja kein Grab. Er konnte lediglich eruieren, dass sein Bruder, zusammen mit seiner Mutter (der ersten Frau des Vaters von Grimbert) nach Auschwitz transportiert wurde und dort bereits am Ankunftstag in der Gaskammer umkam. - Zumindest ein kleiner Trost, denkt er, denn alle haben sicher immer wieder an die Verschwundenen gedacht, über ihr Leben in den Lagern usw. - so weiß er wenigstens, dass sie nicht so lange leiden mussten. -
Für mich war dieses Buch deshalb interessant, weil es aus wieder einem ganz anderen Blickwinkel über diese Tragödie in Europa, nicht nur in Deutschland, berichtete.

Feinfühlig und literarisch sehr anspruchsvoll erzählt der Autor diese Geschichte über die Zerstörung einer Ehe, einer leidenschaftlichen Liebe, und den Tod zweier Menschen im Holocaust.

(überarbeitet am 03.12.2008)