Georgina Harding
Spiel der Spione

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Inhalt
Tja, wo soll ich da anfangen. - Die Geschichte beginnt damit, dass eine Mutter plötzlich nicht mehr da ist. - Es bleibt unklar, was mit ihr geschehen ist, es wird gesagt, sie wäre einem Autounfall zum Opfer gefallen.
Die Protagonistin und ihr Bruder, noch Kinder, haben sehr viel Phantasie….. Besonders der Bruder spinnt eine Geschichte zusammen und seine Schwester lässt sich auch darauf ein. Also sie kommen zu dem Schluss, ihre Mutter ist gar nicht tot.
Und da die Nachricht, dass zwei Spione gefasst wurden grade aktuell ist, spinnen sie weiter, und besonders der Junge denkt sich aus, dass die Mutter eine dieser Spione gewesen sein muss, und gar nicht tot ist.

Die Geschichte, die besonders von den bildhaften Umgebungen, Stimmungen lebt, wird zum großen Teil im Konjunktiv erzählt. Was normal ist, denn die Kinder denken sich ja nur aus, was gewesen sein könnte, was der Grund gewesen sein könnte, und und und…. Es sind Alltäglichkeiten, die geschildert werden, von den Nachbarn, vom Leben der zwei Kinder mit ihrem Vater, einem Engländer, ihre Mutter war ja Deutsche….Carolin, aber eigentlich Karoline…
Da das Mädchen auch Klavierunterricht bei einer Musiklehrerin hat, wird auch diese Frau in die Geschichte eingebunden. Und die Phantasie geht mit dem Mädchen auch durch.
Als sie dann mal abends beobachten, dass diese Klavierlehrerin Besuch von einem Mann hat, spinnen sie ihre Geschichte weiter. Sie sind vollkommen darin gefangen, dass alles, was um sie herum geschieht, irgendwie mit Spionage zu tun hat.

Und so sind die dutzende von Geschichten, die Thema sind, alles Phantasien der Kinder. Auch der Film ‚Der dritte Mann' ist in ihrem Gespinst, sie sehen Ähnlichkeiten, ja sogar Zusammenhänge. Sie suchen in geheimen Schubladen, finden Fotografien ihrer Mutter, und schon beginnen wieder ihre Hirngespinste ihr Werk…..

Immer im Konjunktiv, was wäre, sie hätte, falls, was wäre jetzt, und wenn, dann würde die Mutter ja noch leben, und wenn sie leben würde, wo dann???? Warum, warum ist die große Frage - Und auch hier kommen wieder tausend Konjunktive zum Tragen.

Als die Frau dann erwachsen ist, ihr Bruder lebt in Australien, geht sie der Sache dennoch nach. Sie möchte einfach wissen, wo ihre Mutter her stammt, wieso sie und warum sie dann in England lebte, wo sie ihren Mann, also den Vater der Kinder, damals kennengelernt hatte.
Da ist dann auf einem Foto vermerkt, dass es in Königsberg aufgenommen sein muss, bzw. aus Aufzeichnungen der Mutter, erscheint dieser Name: Königsberg. Das Mädchen sucht diese Stadt, und stellt fest, diese Stadt gibt es gar nicht. Aber später findet sie natürlich heraus, dass Königsberg damals nach 1945 in der sowjetischen Zone eingegliedert wurde und später Kaliningrad genannt wurde.

Sie reist als Erwachsene, sie hat selbst schon eine erwachsene Tochter, zunächst nach Berlin, von dort aus dann über Polen - eben nach Kaliningrad. Sie sucht das Haus, das sie nur aus einer einzigen Beschreibung ihrer Mutter kennt….. vom Fenster der Wohnung aus in Königsberg hätte sie das Meer gesehen. - Sonst ist ihr nichts bekannt.
In Archiven sucht sie, und findet nach vielen Tagen endlich ein Haus, das in etwa stimmen könnte; nur die Namen der damaligen Bewohner sind andere, als der ihrer Mutter. Aber das ist kein Grund, sie kann einen anderen Namen angenommen haben. Was sie aber dabei herausfindet ist, dass der Vater dieser Frau mit anderem Namen, ein SS-Oberstummbannführer gewesen ist.

Sie recherchiert auch, dass damals englische Offiziere oder eben englische Militärs nach 1945 keine Kontakte mit Nazi-Leuten haben dürften, geschweige denn eine Beziehung zu einer Frau unterhalten, die Nazi-Tochter ist.

Was dann weiter Thema ist, wie ihre Mutter, denn sie ist sich sicher, es geht um ihre Mutter, ihren Vater, einen damaligen englischem Offizier, kennengelernt hat, wie sie schließlich trotz aller Widrigkeiten zum Trotz geheiratet haben. Das alles bestimmt den letzten Teil des Buchs.

Ohne große dramatische Erkenntnisse, ohne neue oder überraschende Erlebnisse. - Es war irgendwas in dieser Richtung zu erwarten gewesen.
Später erinnert sie sich dann auch daran, dass ihr Bruder, der in einem Internat in England war, nachhause kam und nicht mehr dorthin zurückwollte. - Er war von anderen Schülern als Nazi verschrien worden. Also muss ja irgendwas gewesen sein, was den Kindern damals gar nicht bekannt war. Und daher kam auch diese Geschichte, die ihr Bruder immer wieder - zuerst als reine Phantasterei von mir gesehen - verfolgte. Nämlich dass die Mutter eine Spionin sein müsse, früher Nazitochter, dann von den Russen umgekrempelt und jetzt eben in England tätig für Russland….

Das alles ist erst ganz zum Schluss in dem Buch überhaupt wahrnehmbar. Es gibt keinerlei Hinweise, die evtl. darauf schließen lassen könnten, dass das, was der Junge da erzählt, Wahrheit sein könnte. Auch der Schluss bleibt relativ offen. Die Frau kann nicht schlüssig feststellen, was ihre Mutter wirklich war, was wirklich Wahrheit ist, ob sie tatsächlich noch lebt, und was überhaupt Sache ist.

Lediglich das Leben ihres Bruders gibt ihr zu denken; dieser hat ein völlig neues Leben in Australien begonnen, wollte von der Vergangenheit nie mehr was wissen…. - Also muss er mehr gewusst haben.

Die Geschichte hat kein schlüssiges Ende, endet damit, dass die Frau wieder nachhause zurückkehrt, mit ihren Vermutungen, Ahnungen.

 

Die Autorin
"Georgina Harding ist Autorin zweier Sachbücher sowie des Romans Die Einsamkeit des Thomas Cave (Bloomsbury Berlin 2007), der von der Presse euphorisch gefeiert wurde.

Sie lebt in London und Stour Valley, Essex." (Klappentext)

 

Beatrice Howeg, die Übersetzerin, lebt in Devon, England. Dies ist ihr erster Roman, für den sie ein Stipendium des British Arts Council erhielt.

 

 

Klappentext:
"An einem kalten Januarmorgen 1961 verlässt die Mutter der achtjährigen Anna wie gewöhnlich das Haus - nur kehrt sie diesmal nicht zurück. Ein Autounfall, heißt es. Mehr erfährt Anna nicht, die Erwachsenen hüllen sich in Schweigen, verbannen die Erinnerungen an ihre Mutter aus dem Haus wie die persönlichen Habseligkeiten, die sie zurückließ. Doch am gleichen Tag melden die Nachrichten, zwei Spione seien enttarnt worden: die Krogers, ein nach außen ganz gewöhnliches Ehepaar. Mit fanatischem Eifer entwickelt Annas Bruder die Theorie, dass ihre Mutter als Spionin untergetaucht ist - und noch lebt. Die Zweifel über das Schicksal der Mutter begleiten Anna bis ins Erwachsenenalter. Hat ihre Mutter tatsächlich ein Doppelleben geführt? Und wenn ja, wer war sie dann eigentlich?"

 

 

Buchdaten
Das Buch erschien im August 2009 in Deutsch im Berlin Verlag.

Übersetzerin ist Beatrice Howeg.

Es hat 320 Seiten, gebundene Ausgabe

ISBN-10:3-8270-0828-X EAN:9783827008282

 

Abschließende Meinung
Bereits nach einigen Dutzend Seiten war kein direkter roter Faden für mich erkennbar. Was mich aber dazu bewog, dieses Buch immer weiter zu lesen, war die wunderbar geschilderte Atmosphäre, Umgebung, Gefühle, Gedanken in diesem Teil von England, dieser zwei Kinder mit ihrem Vater, ihr Leben dort, ihre ganzen Erlebnisse.

Die Autorin versteht es hervorragend, Stimmungen auszudrücken. Auffallend, wie sie das Wetter schildert. Seltsamerweise schildert sie das Wetter dort immer schön im Sommer, aber an diesem kalte Winter bleibt alles trübe, kalt, trostlos.

Die Handlung direkt entbehrt wirklich jedes Handlungsstrangs, der irgendwie spannend hätte werden können. -

Grund für das Weiterlesen ist für mich einzig und allein der Stil der Autorin gewesen, wie sie alles beschreiben kann, wie sie fähig ist, Stimmungen auf den Leser zu übertragen.

Aber nicht zuletzt auch, wie sie diese recht spannungslose Geschichte so erzählt, dass der Leser dabei bleibt. Weil einfach alles was geschrieben ist, ein Gefühl hinterlässt, dieses Buch nicht umsonst zu lesen.

Es sind sehr schöne literarische Eigenarten, die den anspruchsvollen Leser befriedigen können.