Steven Heighton

Zum Inhalt, meine kurze Zusammenfassung
Hauptthema ist die bekannte historische "Polaris"-Expedition des US-Militärs (1872) zum Nordpol.

Die erste Phase des Buchs, wenn ich mal davon absehe, dass der Hauptprotagonist Ronald Krüger sich in den Fluss stürzen will, als das Buch beginnt.

Es ist eine Expedition zum Nordpol unterwegs, unter amerikanischer Flagge. Sie kommen in Seenot, und 19 Leute finden sich auf einer Eisplatte wieder. Es sind viele Nationen vertreten, und auch verschiedene Leute, da sind Eskimos, teilweise mit Frauen und Kindern, da sind zwei Offiziere, das sind Mannschaftsgrade, Engländer, Dänen, Amerikaner, also bunt gemischt; und darunter ist eben auch Ronald Krüger, der sich Kruger nennt, im Buch Krüger, Kruger oder Krueger genannt wird. Er ist Deutscher, der nach Amerika ausgewandert ist und an dieser Expedition auf diesem Schiff angeheuert hat.

Sie haben noch zwei Boote, und einiges an Proviant. Sie bauen sich Iglus. Aber interessant: Der eine Offizier legt Wert darauf, die Klassen zu trennen, also die Mannschaft darf nicht bei den Offizieren unterkommen. Also bauen sie sich verschiedene Iglus. Und dann kommt was sehr merkwürdiges, in Anbetracht der höchsten Lebensgefahr, in der alle schweben: Es wird eine Grenze gezogen zwischen den Iglus. Und: es wird unterschieden, welche deutsch und welche amerikanisch, oder englisch sind. Der eine Offizier, ein Deutscher, dem Alkohol zusprechend, ist kaum zu was nutze, er macht so unsinnige Sachen, wie die Mannschaft antreten zu lassen, und das ganze Zeug vom Militär, und er nennt sich Graf Meyer, also ein ziemlich unnützer Bursch bei diesem ganzen Chaos.

Es folgen über sechs Monate auf dieser Eisscholle, bzw. die Scholle wird zwischendurch gewechselt, weil sie zerbrochen ist; auch ist das eine Boot inzwischen nicht mehr da, also nur noch das eine da. Und es sind anfangs auch noch einige Hunde da. Der Proviant wird rationiert, und in einem Lager-Iglu verwahrt. Es wird bald festgestellt, dass von diesem lebenswichtigen Proviant immer Nahrungsmittel verschwinden. Niemand weiß, wer der Dieb ist.

Eskimos befürchten, dass sich einige mit dem Boot davonmachen, mit allen Lebensmitteln, und Es ist eine große Unsicherheit da, und zwar bei allem. Jeder misstraut dem anderen. Die sie zurücklassen auf dem Eis, ohne Nahrung; würde ihr Tod bedeuten.

Es kommen Stürme, die Eisschollen wandern, brechen mittendurch, sie müssen sich wieder andere Eisscholle suchen. Die Hunde wurde einer nach dem anderen getötet und gegessen, sie haben kaum was zu essen und für die Hunde mal schon gar nichts. Sie finden lange Zeit nur selten Robben, die die Eskimos fangen, und es wird immer genau aufgepasst, in welchem Iglu die Robbe aufgeteilt wird, sie trinken das frische warme Blut, essen das Robbenfleisch roh, sie wärmen oder tauen es höchstens an dem Licht auf, das durch das Robbenfett gespeist wird. Sie überstehen grausame Naturereignisse, aber eine Solidarität zwischen allen ist sehr, sehr lange nicht möglich; da ist das Unwissen, wer die Lebensmittel klaut, da ist das Misstrauen, wer evtl. mit dem mittlerweile einzigen Boot abhauen könnte.
Und zu allem Elend findet auch noch ein Kleinkrieg zwischen den Nationen statt. Unglaublich, diese Situation.

Eine der Frauen, die im Hintergrund eigentlich diese ganze Situation meistert und letztendlich auch alle rettet, ist die Eskimofrau Tukulito, genannt Hannah. Ihr Mann, genannt Joe, ist der Robbenfänger. Zwischen ihr und Kruger ist ein zartes Band, er hat sich in diese kleine Eskimofrau verliebt.
Die Liebe bleibt aber chancenlos bis zuletzt.

Sie und ihr Mann mit dem Adoptivtöchterchen schlafen zusammen mit dem einen Offizier, Georg Tyson in einem Iglu. Alle Menschen müssen im Iglu dicht an dicht liegen, damit sie sich gegenseitig wärmen. Tyson ist sehr lange Zeit krank und geht kaum aus dem Iglu. Er schreibt aber sein Tagebuch. Er war der stellvertretende Kommandant des gekenterten Schiffs der Nordpolexpedition.

Voltaires "Micromengas" wird von Kruger vorgelesen, sonst ist keine Unterhaltung da. Als aber das Papier gebraucht wird, wird auch dieses Buch verbrannt.
Es gibt noch zahlreiche Geschehnisse, die ich hier wirklich nicht alle erwähnen kann und kürze mal ab. Krüger wird eigentlich verdächtigt, der Dieb der Lebensmittel zu sein. - Er hat schließlich das Versteck gefunden, davon einiges genommen und es den Kindern zukommen lassen, auf sehr schwierigen Wegen. Eins der Kinder ist todkrank und kann so überleben.

Später stellt sich heraus, dass Hannah die Lebensmittel "gebunkert" hat. Weil, wie sie ganz richtig befürchtete, einige schon vorhatten, das Boot zu nehmen und mit allem Vorrat abzuhauen und alle anderen zurückzulassen, was deren sicherer Tod bedeutet hätte. Kruger kommt auch später darauf, deckt natürlich Hannah, wird schließlich selbst als Dieb dargestellt.

Als die Lage sehr gefährlich und verworren wird, genest schließlich Tyson soweit, dass er wieder die Macht übernimmt und daran hat Krüger einen großen Anteil. Meyer ist inzwischen im Dilyrium, also ein schwachsinniger, der von seiner Mannschaft noch gepflegt wird, aber zu sonst schon lange nichts mehr nütze; ein anderer hat sich selbst als sein Vertreter ernannt und macht makabre Spielchen, u.a. diese "Probeexekutionen" mit Kruger. Tyson kann dann die Leute einigermaßen wieder unter seinen Hut bekommen, mal auf die Schnelle gesagt. Und nochmal ganz viel überblättere: Schließlich kommt ein Schiff, und alle werden gerettet, nach über sechs Monaten auf den Eisschollen.

Der nächste Teil des Buchs beschreibt dann, wie Tyson in Amerika als Held gefeiert wird, bzw. sich feiern lässt, sein Buch herausbringt; Kruger liest das natürlich, ist erschüttert, vor allem weil er als Dieb und Missetäter gebrandmarkt wird. Und alle Tyson glauben. Das ist der Punkt wo er seinem Leben ein Ende setzen will, es aber nicht tut.

Kruger zieht dann zunächst nach Mexiko, gerät dort in den Bürgerkrieg, aber aktiv eigentlich erst, nachdem er eine Familie gegründet hatte, zwei Kinder hatte, die alle verloren hat und nach zwölf Jahren wieder Jacinda trifft, die er ganz am Anfang schon getroffen hatte. Er war mit einem Hund unterwegs, sie war eine Frau, die auf ihrem Hausboot den Minenarbeitern und allen möglichen Männern ihren Körper verkaufte. -

Als Kruger dann nach diesen zwölf Jahren nach langen Ritten und Wanderungen, nach Zusammenstößen mit den Guerillas, wieder auf das Dorf trifft, das vernichtet werden soll, wo Jacinda mit ihren Kindern lebt, wechselt er kurz die Seite, schleicht sich dann aber nachts ins Dorf, wo er die Leute, inzwischen sehr dezimiert durch die zahlreichen Angriffe, warnt. Er schleicht sich dann wieder zurück, er bekommt vom Chef der Armee ein Angebot als Offizier. Er hat ein interessantes Gespräch mit diesem "Führer" - und als dann sein in seinem Bart verstecktes kleines Messer in das Wasser fällt, das er zum Trinken bekommen hatte, lacht der Chef auf, macht ihn mehr oder weniger lächerlich, weil Kruger nicht töten kann. Er gibt ihm sogar eine Pistole, um das auf die Spitze zu treiben. - Da nimmt Krüger den Wassereimer, schleudert ihn um sich, trifft den Chef, der tot zusammenbricht. Und danach auch den Stellvertreter, den er kurzerhand erschießt. - Die Soldaten sehen ihn dann als Chef an. Das war jetzt sehr verkürzt dargestellt.
Das Dorf ist aber gerettet, mit ihm auch Jacinda mit ihrer Familie. Und als Namen für sich hatte er in Mexiko einfach einen Namen angegeben, der ihm eingefallen war: Georg Tyson.

Der letzte Teil befasst sich dann mit seiner Rückkehr in den Norden, zunächst nach Washington. Er trifft Tyson, längst von der Welt vergessen, in einem Büro der Schiffsverwaltung hausend, bescheiden mit neuer Frau und zwei Kindern lebend. Er erfährt auch, dass Hannah (Tukulito) gestorben ist. Sie ist neben ihrer kleinen Tochter beerdigt, er besucht mit Tyson das Grab.

Kruger macht sich am Ende wieder auf den Weg nach Mexico.

 

 

 

Steven Heighton wurde 1961 in Toronto, Ontario, geboren und war von 1988 bis 1994 Herausgeber des kanadischen Literaturmagazins Quarry.

Er lebt in Kingston, Ontario. er hat Romane und zahlreiche Erzählungen veröffentlicht, schreibt Lyrik und lehrt an verschiedenen Universitäten.

Bekannt ist er vor allem im englischsprachigen Raum für seine Kurzgeschichten und seine Poesie.

(histo-couch.de/steven-heighton.html entnommen)

Daten zum Buch:

Verlag: Rowohlt 2007,

erste Originalauflage 2003 Ausstattung/Bilder: 2009. 477 S. m. 7 Abb.
Seitenzahl: 477
Übersetzt von Sabine Hedinger
ISBN-13: 9783499243561 ISBN-10: 3499243563 Im

Buch sind einige Abbildungen, Zeichnungen der Expeditionsteilnehmer, von den Eisschollen in der Arktis - usw.

Meine abschließende Meinung
Die Sprache und der Stil des Buchs sind ungewöhnlich, und es bedarf der Eingewöhnung und oft Noch-Mal-Lesens, weil Rede und Erzählung in einem Satz vorkommen, nicht gekennzeichnet, selten erwähnt, wer grade dies und das sagt.

Ich habe mich während des Lesens häufig gefragt, welche Intention wohl den Autor bewog, dieses Thema zum Inhalt seines Romans zu machen. Tyson ist eine reale Person, und er war damals eine berühmte Persönlichkeit. Kruger wird, wenn überhaupt, nur kurz erwähnt, als Dieb oder Querulant, also negativ dargestellt. - Dem wollte der Autor scheinbar nachgehen.
Und die Schilderung Krugers weicht in wesentlichen Dingen schon sehr ab von denen Tysons.
Beim Gespräch nach vielen Jahren, als Kruger Tyson aufsucht, will Kruger das gar nicht zur Sprache bringen, er hat mit diesem Thema abgeschlossen; aber Tyson weiß sehr wohl, dass einiges, was er in seinem Bericht erzählt, nicht war ist. Z.B. über sehr lange Zeit war er gar nicht aktiv, war beteiligt an der Aufsplitterung der Überlebenden in Deutsche und Amerikaner, und ohne die Hilfe von Hannah und Kruger wäre er gar nicht mehr auf die Beine gekommen, bzw. hätte gar nicht die Kraft bekommen, gegen Ende wieder das Ruder in die Hand zu nehmen bis hin zur Rettung.

Das alles kann ich nicht im Einzelnen erklären, dazu muss man einfach das ganze Buch lesen.
Was aber, um nochmal auf die Intention des Autors zurückzukommen, in diesem Buch sehr deutlich wird, sind die Verhaltensweisen von Menschen. -
Sogar in lebensbedrohlichen Situationen lässt da der eine die dreiviertel-verhungerten Soldaten exerzieren, vollkommen unsinnig, oder eine Grenze auf der Scholle zu ziehen, mit Grenzkontrollen, auf einem relativ kleinen Stück Eis, wo alle in höchster Lebensgefahr sind.

Dass sie dann die Hunde irgendwann auch töten und essen ist aber schon ein Zeichen, weil sie Lebewesen, zu denen sie doch eine Beziehung hatten, töten und essen. -
Und bei manchen kam schon zumindest der Gedanke auf, den einen oder anderen Menschen auch zu essen - - - .

Die Schilderung, wie sie dann, wenn sie endlich eine Robbe gefangen haben, ihr warmes Blut gierig trinken, gierig das rohe Fleisch verschlingen, daran gewöhnt man sich, und ist bei Eskimos auch nichts ungewöhnliches. - Anders hätte niemand überlebt. Das Fleisch konnte nicht gegart werden, und sonst war kaum Nahrung da.

Mit "Letzte Welten" sind die Welten gemeint, in die der Mensch nach seinem Tod kommt. Und es wird der Glaube der Eskimos verglichen mit dem der Christen. Aber auch später in Mexico bei den Indios wird über diese letzte Welten gesprochen, und die letzten Welten der Mexicaner sind wieder etwas anders.

Insgesamt ist dieses Werk des Autors sehr bemerkenswert. Spannend aufgebaut, Reales in die Dramaturgie eingebettet, bietet zahlreiche Informationen.