|

Meine Zusammenfassung:
Die Ich-Erzählerin Dorrit wird an ihrem 50. Geburtstag von ihrem
Haus abgeholt. Sie hat sich vorher von Jock, ihrem geliebten Hund,
verabschiedet.
Von wem sie abgeholt wird? Vom Dienst der "Einheit" - Das ist eine
Luxusanlage, wo alle "Entbehrlichen" eingewiesen werden. Frauen
mit 50, Männer mit 60 Jahren.
Was sind Entbehrliche?
Das sind Menschen, die weder einen Partner noch ein Kind haben.
Und die dieser Behörde nicht nachweisen können, dass es irgendeinen
Menschen gibt, der sie braucht, der sie liebt.
Sie kommt also dort an, bezieht ein luxuriös eingerichtetes Apartment,
in einer unwirklich anmutenden Anlage. Es gibt kein einziges Fenster,
Licht kommt von versteckten Quellen, das dem Tageslicht ähnelt.
Ihr Apartment hat kein Fenster, aber Mikrofone und Kameras dutzendweise,
an allen möglichen Stellen, ob im Schlafzimmer, Wohnzimmer, der
Kochnische oder dem Bad. Selbst im Schrank sind diese Geräte angebracht.
Die ganze Anlage
ist riesig, überdacht mit riesigen Glaskuppeln, und ab und zu sind
sogar Wolken oder Licht dort oben zu sehen. - Es gibt Gärten, Anlagen,
ein großes Fitnesszentrum mit allem was man sich nur erträumen kann,
Restaurants, Bars, Geschäfte, Events, immer irgendwo Tanz. -
Und es gibt keine Jahreszeiten, es ist immer Sommer. Früchte und
Blumen wachsen und blühen durchgehend. Eine Klinik ist über Aufzüge
und Gänge angegliedert. Dorthin werden die Leute verlegt, wenn eine
Organtransplation ansteht oder eben die Endentnahme.
Sie kommt zum Aufnahmegespräch, und wird mit den anderen, die an
diesem Tag auch eingewiesen wurden, bekannt gemacht. Die ersten
vier Tage hat sie "frei" - was heißt, sie hat noch keine Termine
und Behandlungen.
Welche Behandlungen?
Diese Einheit dient dazu, diesen "Entbehrlichen" nicht nur alle
möglichen Organe zu entnehmen, sondern sie auch psychologischen
Tests, Test zur Medikamentenwirkung usw. zu unterziehen. - Sie haben
keine Wahl, sie MÜSSEN das tun. - Die Tabletteneinnahme wird überwacht,
und zu den Terminen MÜSSEN sie erscheinen, sonst werden sie geholt.
- Selbstmord ist nicht möglich, erstens durch die komplette Überwachung,
aber auch dadurch, dass die Schlafmittel, das sie bekommen, nach
Einnahme von mehr als 2 Tabletten Erbrechen auslöst.
Die Endlösung bleibt keinem erspart, irgendwann ist es soweit, es
erfolgt irgendwann die Endspende, wo Lunge und Herz entnommen wird.
Dorrit ist zunächst sehr niedergeschlagen. Aber andere, die schon
länger da sind, können ihr dadurch helfen, dass sie sie einfach
streicheln und ihr signalisieren, dass sie da sind. Dorrit leidet
sehr darunter, dass sie ihr, wenn auch altes und nicht grade komfortables
Haus verlassen musste, aber am meisten unter der Trennung von ihrem
geliebten Hund Jock. Sie hatte ihn am Tag zuvor einer Familie mit
Kindern überlassen, wo sie sicher ist, dass er ein schönes Leben,
wenn auch ohne sie, hat.
Ihre Träume befassen sich mit Jock, ihren Spaziergängen mit ihm
am Strand entlang, wo sie mit ihm spielt. Auch hat sie einen Geliebten
verlassen, mit dem sie aber nie eine Chance hatte, er war/ist verheiratet
und hat Kinder.
Nun kommt die
sehr spannende Schilderung ihrer Zeit in dieser "Station". Besonders
sind die sozialen Gefüge, die Gruppendynamik, die stattfindet. Es
ist anders als es jemals "draußen" war. - Weil alle das gleiche
Problem haben, alle dem gleichen ausgesetzt sind. - Alle helfen
sich gegenseitig, alle kennen alle Probleme von allen.
Es gibt dann ein Fest für die "Neuen" - eine Party mit Livemusik,
Tanz, großem Buffet, und die Leute lernen sich kennen.
Dorrit lernt Johannes kennen. Zunächst trifft sie ihn immer nur
zufällig; aber eines Tages verlieben sich die beiden ineinander.
Er ist schon 3 Jahre da, also 63 Jahre alt, sie grade 50 geworden.
Sie hat jetzt nicht nur einige sehr enge Freundinnen gefunden, sondern
auch einen Geliebten.
Johannes und sie treffen sich täglich, übernachten mal bei ihr mal
bei ihm, alles so wir auch draußen im Leben. Er kocht für sie, sie
kocht für ihn, sie haben ein sehr erfülltes Sexualleben. Sie hat
die einzige und erste große Liebe ihres Lebens gefunden, ihm geht
es genauso. Also ein ideales Paar. - - -
Daneben aber
immer wieder die Fälle, wo eine Frau oder ein Mann plötzlich nicht
mehr da ist, oder seltsame Verhaltensweisen zeigt, oder körperliche
Veränderungen sichtbar werden; alles Auswirkungen der Versuche.
Und immer ist die große Trauer da, wenn ein befreundeter Mensch
verschwindet oder sein Verschwinden nahe ist.
Johann hatte bereits einige Organspenden hinter sich, war aber noch
nicht beeinträchtigt, eine Niere usw., also er war recht lange hier,
schon drei Jahre, was selten vorkommt. Dorrit selbst nimmt an einem
speziellen Programm teil, wo sie lange Zeit regelmäßig täglich umfangreiche
Trainingsprogramme zu absolvieren hat, immer zwischen 6 und 8 Stunden.
Es soll getestet werden, wie sich dadurch die Werte usw. verändern.
Dadurch ist sie vorerst von allen anderen Entnahmen und Tests verschont.
Zurück zu Dorrit
und Johannes.
Eines Tages stellt sie fest, dass sie schwanger ist. - Zunächst
freut sie sich, denkt, jetzt ist sie keine Entbehrliche mehr. Und
auch Johannes nicht. Sie werden ja Eltern. -
Da kommt die Riesenernüchterung: Sie bekommt erklärt, dass sie nur
zwei Alternativen hat: Den Fötus abzutreiben und Versuchen zur Verfügung
zu stellen, oder auszutragen und dann nach der Geburt das Kind zur
Adoption freizugeben. - Eine andere Alternative gibt es nicht für
sie.
Das erfährt sich aber erst nach dem Abend, an dem sie Johannes ihr
Glück mitgeteilt hat, und ihm erzählt. Er freut sich mit Tränen
in den Augen, versichert ihr seine ewige Liebe zu ihr und dem ungeborenen
Kind.
Als sie nach
den Untersuchungen, weil die Schwangerschaft von den Betreuenden
natürlich erkannt worden war, (es wurde ja gesehen, dass sie Schwangerschaftstest
gemacht hatte und dass sie sich häufig erbrochen hatte) erfuhr,
dass Johannes in die Klinik überwiesen worden war, zur Endentnahme,
brach in ihr eine Welt zusammen.
Es war ja nichts geheim, selbst ihre Liebesnächte wurden ja durch
Kameras beobachtet, es gab nicht einen einzigen Winkel in dieser
Station, der geheim war.
Sie rennt dann in die Klinik, sie möchte Johannes sehen. -
Er ist bereits hirntot gemacht worden, aber sie darf ihn dennoch
sehen, berühren, Abschied nehmen.
Ein Pfleger
unterhält sich danach mit ihr, sie bittet um ein Formular, wo sie
beantragt, ihre Endentnahme so schnell wie möglich stattfinden zu
lassen, und den Fötus abzutreiben vorher.
Und von diesem Mann bekommt sie eine Schlüsselkarte, mit einem Code.
Mit dieser Schlüsselkarte kann sie die Station verlassen, muss aber
aufpassen, dass niemand das mitbekommt. -
Sie nimmt die
Karte, der Pfleger zerreißt ihre ausgefüllten Formulare. Und sie
geht in ihr Apartment zurück. Sie hat eine Möglichkeit zur Flucht
- - - - .
Und weiter
verrate ich in meiner Zusammenfassung nichts.
|
|
Die Autorin:
entnommen aus: http://lic.ned.univie.ac.at/cs/node/19214
"Ninni Holmqvist wurde 1958 in Lund
geboren und wuchs in Malmö auf.
1995 debütierte sie mit der Novellensammlung
Kostym.
Es folgten weitere Novellensammlungen,
Något av bestående karaktär (1999) und Biroller (2002).
Als wiederkehrenden Tenor ihrer Werke
beschreibt Holmqvist selbst die menschliche Kommunikation, oder
genauer gesagt die Probleme und Missverständnisse, die dabei auftauchen.
Kritiker loben ihre kraftvolle, spielerische
Sprachgewandtheit, die dabei frei von unnötigen Ausschmückungen
ist.
Ehe Holmqvist sich hauptsächlich dem
Schreiben zuwandte, war sie in verschiedenen Arbeitsfeldern, z.
B. als Hilfskraft in der Alten- und Behindertenbetreuung, tätig.
Sie begann auch eine Ausbildung zur
Kindergärtnerin, die sie aber bald wieder beendete. Schließlich
entschloss sie sich für eine Ausbildung zur Autorin, wobei sie verschiedene
Lehrgänge an Volkshochschulen in Skurup und Biskops-Arnö, und an
der Universität Göteborg besuchte."
und weiter:
"ruft Erinnerungen an andere totalitäre
Systeme hervor, in denen der Mensch als "Gebrauchgegenstand" betrachtet
wird. Man denke an dystopische Romane wie Kallocain (1940) van Karin
Boye und 1984 (1949) von George Orwell. Holmqvist lebt und arbeitet
in Katslösa, Schonen (Südschweden)."
Text auf Buchtitel, ganz oben:
"Ja, es gibt ziemlich viele Intellektuelle
hier. Leute, die Bücher lesen. " "Aha", sagte ich. "Leute, die Bücher
lesen", fuhr er fort, "tendieren dazu, entbehrlich zu werden. In
hohem Maße." "Ach so", sagte ich. "Ja", sagte er."
Daten zum Buch:
Gebundene Ausgabe:
320 Seiten
Euro 19,90
Verlag: Pendo Verlag;
Auflage: 1 (6. Februar 2008)
ISBN-10: 3940813001
ISBN-13: 978-3940813008
|
|
Meine
abschließende Meinung
Die Geschichte spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft. Vom Parlament
wurde durch Volkabstimmung dieses Gesetz in Kraft gesetzt.
Die
Autorin schreibt spannend, sogar überzeugend, sehr berührend, aber
vor allem eine grauenhafte Szenerie schildernd. Es gelingt ihr aber
auch hervorragend, die sozialen Kontakte und Berührungen zu schildern,
die sich aus der Tatsache ergeben, dass alle gleich sind, alle das
gleiche Schicksal erwartet.
Natürlich
ist das fiktiv; wie es wirklich wäre, kann ja nur angenommen werden.
Eine Geschichte, die real niemals Wirklichkeit werden kann. - Gut,
ist ein Spiel der Autorin und so überzeugend dargestellt, dass das
Buch sehr schnell gelesen ist. -
Die
Spannung wird immer wieder zwischendurch erhöht. Und der Leser denkt,
was soll es jetzt noch geben.
Und: Es gibt wieder etwas Unglaubliches, es geht also weiter bis
zum Ende.-
Eine
schaurige Idee wäre, wenn tatsächlich durch irgendwelche politischen
Machtübernahmen so eine Geschichte real werden könnte.
Und
der Leser fragt sich während des Lesens, vor allem am Anfang schon,
ob er dazu gehören würde, zu diesen "Entbehrlichen" - und wird dann
erleichtert sein, wenn er nicht dazu gehören würde!! - Oder aber,
falls er zu den "Entbehrlichen" gehört, was ihm dann blühen könnte,
wäre das Realität. - - - Das genau schafft die Autorin!
Ein
sehr spannendes Buch, aber doch schon häufig beklemmend; es wird
ja häufig vom Tod gesprochen, Tod erlebt, schlimmste Auswirkungen
der Versuche geschildert.
Ein
Thriller kann nicht beeindruckender wirken!!! Also das Buch lesen,
es sind noch tausend Einzelheiten geschildert, würde den Rahmen
sprengen, und vor allem das Ende ist natürlich hochinteressant!!
|