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Nachdem ich dieses Buch "Wir Ertrunkenen" ausgelesen
hatte musste ich erst ein anderes lesen und einige Tage warten,
bis ich dran ging, es zu beschreiben.
Warum?
Weil die Begeisterung sehr groß, und ich so beeindruckt von dem
ganzen Leseerlebnis war, dass sich das erstmal setzen musste.
Mit dem Bücherlesen/Bücherfinden ist es ja so wie auch im Leben:
es verläuft nicht in einer geraden horizontalen Linie, sondern in
einer horizontalen Welle; immer oben wäre langweilig, immer unten
auch, aber ob unten oder oben, alles ist reizvoll und interessant,
nur der Wechsel macht's. Und dieses Buch ist mal wieder eins, das
ganz oben angesiedelt ist in meinem Barometer der gelesenen Bücher.
In diesem Buch wird einfach alles thematisiert: Kriege, Kämpfe,
fast alle Länder dieser Erde, Menschen aller Schattierungen und
Charaktere, alte, junge, träge und hitzige, Frauen, Männer, Seeleute,
Soldaten, Geschäftsleute, Börsen- und Bankleute, Reiche, Arme und
und und………….- es gibt auch nichts, das nicht vorkommt: Alkohol,
Drogen, Horror auf See und an Land, Mord an allen Orten, Grauenhaftes,
Ekelhaftes, aber auch Schönes.
Aber jetzt zum Inhalt, den der Autor in vier Hauptkapitel gegliedert
hat:
I.
Die Stiefel
Der Tampen
Das Gesetz
Das Unglück
"Laurids Madsen, eine der Hauptfiguren im ersten Kapitel, war im
Himmel gewesen, doch dank seiner Stiefel war er auch wieder
heruntergekommen" Geschehen 1848, es ist grade Krieg zwischen Dänemark
und Deutschland, im Hafen von Marstal. (Im Unterkapitel ‚Der Stiefel')
Laurids, früh Waise geworden, mit 18 sein Steuermannspatent erworben,
aber vorher schon mit zwei Schiffen Schiffbruch erlitten, war um
das Kap Hoorn gefahren, in Sydney und Valparaiso gewesen, also schon
weit gereister Seemann, befand sich auf dem Schiff, als es in einem
angeblich von ihm angezettelten Krieg beschossen wurde, er flog
hoch bis fast zur Sonne, fiel wieder runter, auf seine Stiefel,
die ihm angeblich das Leben retteten. - Diese Geschichte machte
ihn berühmt, und sie zieht sich über das ganze Jahrhundert. Laurids
hat Familie, und wie alle Frauen in Marstal bleibt immer seine Frau
mit den Kindern zurück, oft Monate lang, aber auch oft sogar über
Jahre. Entweder kommen die Männer irgendwann wieder, oder sie kommen
nie wieder, und keiner weiß wo sie abgeblieben sind, wenn nicht
die Havarie durch die Reederei festgestellt wurde.
Und Laurids verlässt Marstal, es ist nichts mehr von ihm zu hören.
-
Später, in einem anderen Kapitel, macht sich dann sein Sohn, auch
Seemann, auf, um ihn zu suchen.
Die Erzählung ist, wenn sie in Marstal handelt, im ‚Wir-Stil' -
ungewöhnlich, weil der Leser nie weiß, wer ‚wir' ist. Aber es stört
nicht.
Ein wichtiges Unterkapitel ist dann ‚Der Tampen' -. Ich kenne
das Wort nicht, muss ein Schlagholz oder was ähnliches sein.
Diese Episode erwähne ich aus einem ganz bestimmten Grund. In Marstal
gab es einen Lehrer, ‚Lehrer Isager'. Seine Hauptaufgabe sah er
darin, jeden einzelnen jeden Tag zu verprügeln; gelernt haben sie
wenig. Abartige Verhaltensweisen werden geschildert. Ich zitiere
mal eine Stelle wo das deutlich wird, wie es sich ausgewirkt hat:
"Es war ein Krieg, der seine Spuren hinterließ. Wir hatten nach
den Schlägen mit der Linealkante Narben an der Kopfhaut. Wir hatten
geschwollene Finger, die kaum eine Schreibfeder halten konnten,
weil er uns mit dem Tampen auf die Finger schlug, wenn ihm die Schrift
nicht gefiel. Das nannte er Dukaten austeilen, und Dukaten teilte
er auch an den Tagen großzügig aus, an denen die Brille ganz vorn
auf der Nase saß. Wir hinkten und bluteten, wir waren blau und gelb,
voller blutunterlaufener Striemen, und immer tat uns irgendeine
exponierte Stelle weh. Doch das war nicht das Schlimmste, was er
uns antat. Er hinterließ sein Zeichen auf eine andere und furchtbarere
Weise: Er brachte uns dazu, ihm ähnlich zu werden. Wir taten schrecklich
Dinge, und wir begriffen es in dem Moment, in dem wir uns um den
Beweis unserer Untat versammelten. Es war wie eine Bürde, von der
wir uns nicht befreien konnten. Er pflanzte uns einen nicht zu stillenden
Blutdurst ein."
Sie heckten dann auch schlimmes aus, z.B. warfen sie den Hund von
Isager einfach die Klippen runter, zündeten sein Haus an, und und
und ……- aber immer wieder kam dieser Isager davon, den Schaden hatte
seine Frau und ihr Hund.
Im Unterkapitel ‚Das Gesetz' geht es um einen Sohn von diesem
Laurids, Albert. Seine Geschichte und sein Leben begleiten uns auch
über die folgenden Kapitel, mal mehr, mal weniger. Es wird geschildert,
dass er sich auf die Reise macht, seinen verschollenen Vater zu
suchen. Und was er da so alles erlebt. Z.b. - ich greife mal einfach
etwas heraus - ein Kapitän, bei dem er angeheuert hat, ein übler
Haudegen, besitzt einen Schrumpfkopf, der angeblich von James Cook
sein soll, von ihm ‚Jim' genannt.
Sie unterhalten sich und da kommt auch das vor:
"Weißt du wie wir für andere aussehen, in diesem Spiegel, der
hier sitzt?" Er wies auf seine Augen. "Ich werde es dir zeigen".
Er packte Jims Zopf mit seiner klauenähnlichen Hand und schaukelte
ihn vor meinen Augen. Ich fuhr erschrocken aus dem Stuhl auf. Jack
Lewis lachte triumphierend. "
Das bist du", sagte er. "So siehst du in meinen Augen aus. Das bin
ich. So sehe ich in deinen Augen aus. So sehen wir uns gegenseitig.
Das ist doch die erste Frage, die wir uns stellen, wenn wir uns
gegenüberstehen: Wie kann er mir nützlich sein? Wir alle sind füreinander
Schrumpfköpfe."
Er war später dann alleine auf dem Schiff, es gingen turbulente
Abenteuer voraus,
und auch hier picke ich nur eine Stelle heraus:
"……Ich war ein voll befahrender Seemann, ich hatte die großen Ozeane
überquert, aber in diesem Moment spürte ich, dass ich noch immer
ein Neuling in der Welt war. - nicht weil ich ihre hektischen überfüllten
Hafenstädte, ihre palmengesäumten Küsten oder ihre windgepeitschten
Klippen nicht kennen würde, sondern weil ich noch immer so unendlich
wenig über meine eigene Seele wusste. Ich konnte nach der Seekarte
navigieren. Ich konnte meine Position mit Hilfe eines Sextanten
bestimmen. Ich befand mich an einer unbekannten Stelle im Stillen
Ozean auf einem Schiff ohne Kapitän und war noch immer imstande,
den Kurs zu finden. Aber ich hatte weder eine Karte über mein eigenes
Inneres noch irgendeinen Kurs für mein Leben ......."
II.
Die Mole
Die Erscheinungen
Der Junge
Der Polarstern
Hier ist zu erfahren, wie es dazu kam, dass diese sehr lange
Mole vor Marstal gebaut wurde. Und dass sie den Zweck hat, den
Ort vor dem Meer zu schützen.
In dieses Kapitel ist die Geschichte von Herman Frandsen eingebunden.
Ob er ein Mörder war, wissen sie nicht. Wenn er es war, wissen sie
den Grund. Seine Ungeduld ließ ihn zum Mörder werden.
Er hatte, nachdem sein Vater nicht von der See zurückgekehrt war,
und seine Mutter einen neuen Mann gefunden hatte, diesen draußen
auf dem Meer ermordet, so wird vermutet. Er wollte das Vermögen
besitzen, an das er dann kam, als dieser Mann nicht mehr lebte.
-
Auch dieser Mann begleitet uns bis zum Ende, wenn auch nicht in
jedem Kapitel.
In Erscheinungen geht es um die Träume von Albert. - Er
träumt Geschehnisse, die dann auch wirklich irgendwann eintreffen,
und er kann das niemand sagen, nicht nur weil alle ihn dann für
verrückt gehalten hätten, sondern weil die betroffenen Personen
damit furchtbares erfahren hätten. Er sah alle künftigen Unglücksfälle,
und es gab sehr viele. Er hat sie aufgeschrieben, in einem Heft,
die linke Seite seine Träume, die rechte Seite was dann wirklich
geschah. Und es war grausam.
Als dann später auch die Kriegsgeschichten dazu kamen, wurde es
makaber. Lange bevor ein Krieg ausbrach, sah er die Toten, die explodierenden
Schiffe und alles - - - - - .
Auch zu der damaligen Zeit, nach dem ersten Weltkrieg und danach,
gab es bereits eine Börse und auch Betrüger, Gauner, die mit dem
Geld der Leute Schindluder trieben. - Das ist besonders interessant
im Hinblick auf das heutige Geschehen mit den Banken und der Börse.
Im Unterkapitel ‚Der Junge' kommt dann der Sohn einer angeblichen/vermuteten
jungen Witwe ins Spiel. Eine ältere Witwe, mit der er sich öfter
unterhielt, brachte ihm diesen Jungen. ‚Knud Erik'. Und mit
ihm geht die Geschichte weiter.
Albert, allgemein Kapitän Madsen genannt, der wieder nachhause gekommen
war, hatte selbst weder Frau noch Kinder. Und die alte Witwe sah
einen Sinn darin, ihm Knud Erik zu bringen, da der keinen Vater
hatte. Albert verbrachte dann später viel Zeit mit Knud Erik und
mit ihm kommt ein weiterer Hauptprotagonist ins Spiel. Der uns auch
über die folgenden Kapitel begleitet.
Seine Mutter, Klara, hat später ein freundschaftliches Verhältnis
zu Albert. Sie hatte ihn zwar einige male verführt, wollte ihn auch
heiraten, aber das wusste er immer zu verhindern, er war einfach
nicht fähig für eine feste Bindung oder Ehe.
Im ‚Der Polarstern' ist Albert alleine, außerhalb der Mole,
und nach vorhergegangnen Geschehnissen, die ich nicht hier ausbreite,
stirbt er. - Alleine, er ist einfach erfroren, nachdem er seine
Füße, die in den Stiefeln seines Vaters steckten, nicht mehr aus
dem Schlick ziehen konnte. - - -
III.
Die Witwen
Der Möwenmörder
Der Seemann
Die Heimkehr
Die Witwen spielen eine große Rolle in diesem Kapitel, aber
in den anderen vorher auch. Sie sind diejenigen, die das meiste
verlieren, ihr Leben und das ihrer Kinder immer alleine regeln müssen,
die meiste Zeit alleine sind, nie wissen ob und wann ihre Männer
oder Söhne wieder zurückkehren.
Als dann auch noch Krieg dazu kommt (ganz zuerst der 1848 zwischen
Dänemark und Deutschland, dann 1914-1918, und dann 1939 - 1945.)
ändert sich ihr Schicksal wenig, nur bleiben jetzt die Männer auf
der See, oder im Krieg, weg waren und sind sie schon immer gewesen.
Mit Mövenmörder ist Herman Frandsen gemeint. Ein echtes Scheusal
- und wie dann seine ehemaligen Schulkameraden aus Marstal ihm übel
mitspielen, ihn soweit treiben, dass er wieder aufs Meer geht, und
er wird auch sehr lange nicht mehr gesehen.
Bis ganz zum Schluss, wo er wieder auf der Bildfläche erscheint…..wird
spannend beschrieben.
Und alle Geschichten haben dann als Protagonisten wieder alle schon
bekannten aus den vorherigen Kapiteln, einige neue kommen hinzu,
auch einige Frauen. Was sie erleben auf dem Meer, in den Häfen,
in den Kneipen, mit Frauen, also es geht sehr spannend und sehr
turbulent weiter.
IV.
Das Ende der Welt
Knud Erik glaubt sich am Ende der Welt. Er stirbt, aber es ist
nur ein Traum, und zwar ein Traum, wo er in einem Traum eines anderen
(Alberts) vorkommt. Und er sieht, was Albert Madsen zwanzig Jahre
vorher gesehen hatte. Es waren Bilder aus dem Krieg, von Bomben,
zerstörten Häusern und Schiffen, ein Meer von Toten.
Er befindet sich zwischen England und dem Nordmeer, ist auf einem
Konvoischiff, wo sie nicht nur von U-Booten, sondern auch aus der
Luft angegriffen werden. Und ihm gehen niemals die vielen kleinen
roten Lichter aus dem Kopf, die an den Rettungswesten der im Wasser
treibenden Seeleute leuchten. Ihr Befehl lautet: sie dürfen sie
nicht retten, sie würden sonst den ganzen Konvoi in Gefahr bringen.
Sie sind dem Untergang geweiht und Knud Erik weiß das und wird damit
nicht fertig.
Als er sehr viel später dann - als es erlaubt ist, an einer anderen
Stelle im Meer, eine Gestalt, die einzig überlebende eines beschossenen
und untergegangenen Schiffs rettet, ist das eine Frau, die in der
Hand, noch mit der Nabelschnur verbunden, ihr neugeborenes Baby
hält. - - Die Frau holen sie auf ihr Schiff, beide überleben, und
Knud Erik behütet und schützt das Kind, aber auch die gesamte Mannschaft
fühlt sich verantwortlich für den kleinen Jungen. Wer die Frau ist,
stellt sich dann auch heraus; eine aus einem vorangegangenen Kapitel,
die Knud Erik bekannt war, die er aber nicht gleich wieder erkannt
hatte. -
In jedem Kapitel sind Briefe von Klara an Knud Erik zu lesen, zunächst
hatte sie ihm nie verziehen, dass er auf See gegangen ist. In den
Briefen teilt sie ihm dann alles mit und schließlich auch, dass
sie ihm verzeiht.
Klaras Hass auf das Meer war groß. Und ihr Plan war es, zumindest
ihren Heimatort von Schiffen, Werften und allem was mit Seefahrt
zu hat, zu befreien. -
Da sie einen sehr großen Geldbetrag von Albert geerbt hatte, und
auch mit ihrem vielen Geld spekulierte, u.a. auch mit Asien usw.,
kaufte sie große Landstücke auf, ganze Schiffsflotten, Reedereien,
bestimmte bzw. wollte das Geschick auf diese Art bestimmen und sie
hätte gerne ihr ganzes Vermögen geopfert, wenn nur nicht alle Männer
wieder zur See fahren.
Das ist alles sehr ausführlich geschildert, und natürlich noch
viele, viele Einzelheiten. Ich habe hier nur einen geringen Bruchteil
dessen, was geschieht hier angerissen. Und wie alles ausgeht, lasse
ich auch offen.
Hier die Karte von Marstal:

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Carsten Jensen, geboren 1952, wuchs in Marstal auf.
Er studierte in Kopenhagen Literaturwissenschaft und arbeitete
als Journalist und Kritiker.
Sein literarisches Arbeiten begann er Mitte der neunziger Jahre
Verlag: Knaus
2008 " 781 S. m. Übersichtkarten
Seitenzahl: 784
ISBN-13: 9783813503012 ISBN-10: 3813503011
Hier zwei Karten vom Umfeld von Marstal:


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