|

Meine Zusammenfassung
anne-lise, Bibliothekarin iben, Reporterin, Sachbearbeiterin malene,
Reporterin, Sachbearbeiterin camilla, Sekretärin Paul (der Chef)
- das sind die ProtagonistINNen.
Abwechselnd werden ihre Gesichten aus ihrer Sicht erzählt. Paul
tritt wenig in den Vordergrund, sein Büro hat eine Tür, die immer
geschlossen ist.
Alle arbeiten im ‚Dänischen Zentrum für Information über Völkermord'
(DZIV). Iben und Malene sind enge Freundinnen, sie erstellen die
Berichte und Broschüren und bereiten die Tagungen vor, Anne-Lise
ist die Bibliothekarin, Camilla ist die Sekretärin. Der Themenbereich
an sich ist schon hochinteressant.
Aber zunächst wird erzählt, wie Iben bei einem dienstlichen Auftrag
in Kenia in die Hände von Entführern gerät. Mit ihrem Team erlebt
sie Schlimmes, und sie geht als Heldin sozusagen hervor, weil durch
ihr Verhalten allen anderen das Leben gerettet wird.
Das ist mit Unterbrechungen genau geschildert. Ihre Freundin und
Kollegin Malene hat eine schwere Rheumaerkrankung, und sie benötigt
oft die Hilfe ihrer Freundin bei einem Anfall, weil sie sich da
kaum noch bewegen kann. Besonders, wenn der Freund von Malene auf
Reisen ist.
Iben lebt alleine, ihr Leben spielt sich in ihrem Job und bei ihrer
Freundin ab.
Anne-Lise kam zuletzt in das Team, und Malene und Iben haben sich
irgendwie gegen sie verschanzt, und auch Camilla in ihre Gruppierung
gezogen, sie schließen die Tür zur Bibliothek, grenzen Anne-Lise
grundsätzlich von allem aus. Das nötige dienstliche besprechen sie
nur mit ihr, aber denkbar knapp. Alle Kontakte, die normalerweise
Anne-Lise als Bibliothekarin hätte, krallt sich Malene, so dass
Anne-Lise zur Hilfskraft degradiert ist. Sie gibt bestimmte Begriffe
aus den Büchern und Zeitschriften in den PC, wo sie sortiert werden
und dazu dienen, dass später die Benutzer leichter Artikel über
bestimmte Vorfälle in den Büchern und Veröffentlichen leicht zu
finden sind. - Aber normal wäre es die Aufgabe Anne-Lises, Bestellung,
oder Gespräch von Benutzern selbst zu führen, also die Kontakte
zu vielen Leuten selbst zu haben.
Anne-Lise ist also das Opfer.
Da ihre Probleme zunehmend auch ihr Privatleben belasten, hat sie
einen befreundeten Therapeuten (Yngve) aufgesucht, und hier mal
ein Auszug aus einem Gespräch mit ihm:
"……….ich nehme Mobbing bei meinen Patienten ebenso ernst wie Krebs
oder eine Herzkrankheit. Und das muss ich tun." - Anne-Lise überlegt,
ob Yngve - wenn er schwul ist - einen Freund hat.
Er setzt seinen Monolog fort:
"Die Leute bringen sich ganz real um. Und egal, wie sehr man vorbeugt
und informiert, man muss der Tatsache in die Augen sehen, dass es
ein Teil der menschlichen Natur ist."
was Yngve sagt, stimmt so gar nicht überein mit den Ansichten der
Wissenschaftler, die im DZIV arbeiten. In den wissenschaftlichen
Artikeln, die Anne-Lise gelesen hat, gehen die Genozidforscher davon
aus, dass der Mord von gewöhnlichen Menschen an gewöhnlichen Menschen
die Ausnahme von der Regel ist. Sie gehen davon aus, dass Zusammenarbeit
und Freundlichkeit das eigentlich ‚Normale' im menschlichen Dasein
sind. Kein Wissenschaftler schreibt über Mord als eine unumgängliche
Konsequenz der ‚menschlichen Natur'. Aber Yngves Satz ‚Es ist die
menschliche Natur' zieht sich durch die ganze, lange Konsultation.
Anne-Lise und Henrik sitzen auf den harten Plastikbezügen der Stühle
und hören ihn immer wieder wie ein dunkles naturwissenschaftliches
Mantra:
"Wir essen, wir pflanzen uns fort, wir beschützen unsere Nächsten,
wir stoßen die Andersartigen aus, und wir töten unsere Rivalen.
Wir können versuchen, diese Natur mehr oder weniger effektiv zu
bezähmen. Der Mensch unterscheidet sich dadurch vom Tier, ohne dass
wir die Möglichkeit haben, uns durch Willenskraft über unsre Instinkte
zu erheben. Keine andere Art als der Mensch wäre imstande, eine
ganze Gesellschaft aufzubauen - wie den Vatikanstaat -, in der niemand
Sex hat. Aber wenn einen Moment lang die Aufmerksamkeit nachlässt,
knicken die meisten ein: Man ist untreu, man isst etwas Fettes oder
nimmt einem Kollegen langsam das Leben.
Das letztere ist allerdings derart tabuisiert, dass man es vorzugsweise
im Zustand einer gewissen Geistesabwesenheit macht - denn man möchte
selbst gar nicht wissen, was man tut. Damit musst du rechnen, Anne-Lise,
das es deinen Kolleginnen genauso geht wie dir, wenn du abends hungrig
vorm Fernseher sitzt, neben dir eine große Schale Chips, die du
NICDHT zu essen beschlossen hast. Du kannst an deinem Beschluss
festhalten und wirst nicht zugreifen, solange du dich konzentrierst.
Aber wenn der Film einen Augenblick so spannend ist, dass du dich
selbst vergisst, streckst du deinen Arm nach der Schale aus, ohne
dass du darüber nachdenkst. Und wenn der Film zu Ende ist, sind
die Chips alle. Wahrscheinlich, ohne dass du so richtig gemerkt
hat, wo sie geblieben sind. - So geht es deinen Kolleginnen mit
dir. Vielleicht haben sie sich irgendwann mal entschlossen, freundlich
zu dir zu sein, vielleicht aber auch nicht. In jedem Fall sehen
sie dich als eine Rivalin, und manchmal, ohne dass sie es selbst
merken. strecken sie ihre Arme aus. Und dann bekommst du einen Schlag.
Das geht so automatisch, dass sie sich hinterher nur mit Mühe daran
erinnern können, es getan zu haben."……………
Da bekommt zunächst Iben eine E-Mail, wo sie bedroht wird, Absender
ist nicht ausfindig zu machen, eine Erkennung des Kopfes wurde durch
ein anonymisiertes PC-Programm verhindert. In panischer Angst rennt
zu ihrer Freundin Malene. Aber die bekommt kurze Zeit später die
gleiche E-Mail. - Beide wissen nicht von wem sie stammt. -Sie vermuten,
dass ein Jugoslawe dahinter steckt, über den Malene und auch Iben
mal negativ berichtet haben, er soll zum Völkermord in seiner Heimat
beigetragen haben und lebt irgendwo unerkannt, agiert im Dunkeln.
Das Schreiben über Täterprofile, deren Hintergründe usw. ist Teil
der Arbeit des DZIV. Und das ist sehr interessant.
In seinem Buch aus dem 1992 schreibt der amerikanische Professor
Christopher Browning: "…..er beschreibt ein Bataillon von ungefähr
500 Reservepolizisten, die 1942 von Hamburg nach Polen versetzt
wurden, um, wie sie glaubten, Wachdienst zu leisten. Das Bataillon
bestand vor allem aus Nicht- Nazis im mittleren Alter, da alle jüngeren
oder kriegstauglicheren Männer längst an die Front geschickt worden
waren. Das Durchschnittsalter lag bei 39 Jahren. Das heißt, sie
waren in einem Deutschland aufgewachsen, das noch nicht von den
Nazis regiert wurde, und sie konnten ihre Ansichten und Haltungen
noch vor der Machtergreifung entwickeln. Da die meisten aus der
Hamburger Arbeiterklasse kamen, hatte ein großer Teil von ihnen
wahrscheinlich kommunistisch oder sozialdemokratisch gewählt, als
es noch möglich war. . .
Mehrere Jahre nach Kriegsende wurden die Männer von der Staatsanwaltschaft
in Hamburg gründlich verhört. Browning hat die alten und sehr ausführlichen
Protokolle der Verhöre gefunden und systematisiert. Nach drei Wochen
mit kleineren Auftragen in Polen wurden die 500 Männer an einem
frühen Morgen zu dem Dorf Jozefow gefahren. Erst hier erfuhren sie,
dass sie an diesem Tag die 1800 Juden des Ortes umbringen sollten.
Ihr Major weinte, als er berichtete, was man in Berlin von ihm verlangt,
und er betonte mehrfach, dass jeder zu anderen Aufgaben versetzt
werden könne, wenn er den Major darum bat.
Aber es waren von den 500 lediglich 10-13 Männer, die sich versetzen
ließen."…………
Es werden aber auch andere, alltäglich geschehene Ereignisse geschildert,
wo Menschen einfach etwas Unfassbares, schreckliches, andere schädigendes
tun. Sozialpsychologie ist das Hauptthema des Buchs. Nur seltsamerweise
sind genau die Verhaltensweisen, die sie bei den Verbrechern der
Völkermorde beschreiben, bei ihnen selbst zu finden!!! -
Durch das Mobbing an Anne-Lise treiben sie diese fast in den Wahnsinn;
das wohl wissend. Iben schreibt große Artikel, die sich damit befassen,
es sind die wichtigsten auch zu lesen, immer im Wechsel zu dem Geschehen,
was im Büro vor sicht geht, und werden dadurch um so makaberer.
Mit Camillas Geschichte kommt ein Jugoslawe ins Spiel, dessen
Geliebte sie mal war, und dem sie regelrecht hörig war. Und dieser
gehörte zu einer Gruppierung dieses Jugoslawen, den Malene und Iben
als Mailversender in Verdacht haben.
Als aber eines Tages auch Camilla eine E-Mail erhält, die ähnlichen
Text aufweist, und die auch nicht zurückzuverfolgen ist, gibt es
einen Zusammenhang. Zunächst noch für den Leser im Dunkel. -
Camilla hat ja niemals davon ihren Kolleginnen Iben und Malene
erzählt. Von ihr ist lediglich bekannt, dass sie den Witwer ihrer
Freundin geheiratet hatte, und mit den zwei Kindern eine bürgerliche
Familie hat. Später ist dann aber zu erfahren, dass sie von dem
Jugoslawen immer mal wieder angerufen wird, und wie in Trance trifft
sie sich mit ihm in Hotels.
Anne-Lise ist verheiratet, hat zwei Kinder. Durch das Mobbing gerät
ihr ganzes Leben total durcheinander.
Ein großer Teil des Buchs nimmt die Darstellung und Erklärung von
Völkermorden ein. Dass es z.b. 30 Millionen Tote bei Kriegen gab,
aber 60 Millionen Tote durch Völkermorde. Völkermord ist, wenn Machthaber,
mit der Benennung ‚ethnische Säuberung' Menschen ermorden lassen,
einkerkern lassen, im günstigsten Fall irgendwo neu ansiedeln will.
Und Ergebnis ist dann bei den Berichten von Iben, dass grundsätzlich
alle aus Egoismus handeln. -
Und noch was wichtiges: dass ca. 20-30 % der Leute, die Befehle
ausführen sollen, diese nicht nur ausführen, sondern auch noch selbst
neue Gräuel und Folter erfinden. Dass auch ca. 10-30 % sich weigern,
aber auch, dass ca. 30-40 % der Menschen den Befehlen gehorchen.
Das alles ist in diesen ganzen Kapiteln sozialpsychologisch erklärt,
untersucht und dokumentiert, oft mit Quellenangaben.
Als dann auch noch ein Mord geschieht, und sich die Konstellation
der vier Frauen im DZIV verschiebt, wird es sehr spannend und turbulent.
Die Zusammenhänge, wer hinter allem steckt, wer die E-Mails verschickt
hat, alles spitzt sich gegen Ende des Buchs unwahrscheinlich zu.
Mehr zum Inhalt hier nicht von mir.
|
|
ausnahme
Piper Nordiska, 2006
Verlag: Piper 2007 München Seitenzahl: 666
Serie Piper Bd.5049
Deutsch aus dem dänischen übersetzt von Ulrich Sonnenberg.
ISBN-13: 9783492250498 ISBN-10: 3492250491
Christian Jungersen, 1962 in Kopenhagen geboren, studierte Rhetorik
und arbeitete als Dozent an der Filmhochschule Kopenhagen. Er lebt
als freier Schriftsteller in Dublin.
Aufgewachsen in der dänischen Kleinstadt Humlebaek, arbeitete er
nach einem Studium der Soziologie und Rhetorik als Dozent an der
Filmhochschule Kopenhagen.
1999 erschien sein mit zahlreichen literarischen Preisen bedachter
Debütroman. ‚Ausnahme', das derzeit in zahlreiche internationale
Sprachen übersetzt wird, wurde mit dem Goldenen Lorbeer des dänischen
Buchhandels ausgezeichnet.
Der Übersetzer: Ulrich Sonnenberg, geboren 1955, arbeitete nach
seiner Buchhändlerlehre mehrere Jahre in Kopenhagen und war bis
Ende 2003 Verkaufsleiter der Verlage Suhrkamp und Insel in Frankfurt
am Main. Seit Anfang 2004 lebt und arbeitet er als freier Übersetzer,
Herausgeber und Publizist in Frankfurt am Main.
"Das Böse steckt in uns allen und macht kaum jemals eine Ausnahme:
Iben, Malene, Anne-Lise und Camilla arbeiten gemeinsam im Büro des
dänischen Zentrums für Völkerrecht. Gegenseitig machen sie sich
das Leben zur Hölle. Als eine von ihnen eine anonyme Todesdrohung
erhält, gewinnt ihr Taktieren eine neue Qualität." (Klappentext)
|
|
Das
ganze Buch las sich sehr, sehr spannend, sehr informativer Inhalt,
verbunden mit dieser Situation dieser vier Frauen, die sich gegenseitig
bis zum Unerträglichen mobben.
Diese
ganzen, kleinen und spitzen Geschehnisse in diesem Büro, wo zuerst
die einen die eine mobben, dann zwei gegen zwei mobben, dann wieder
umgekehrt.
Der
Schluss allerdings kommt doch ein wenig unglaubwürdig bei mir an;
aber ich bin da großzügig, und schreibe es dem Stil des Autors zu,
bzw. seiner vermutlich primären Absicht, ein spannendes Buch zu
schreiben.
Insgesamt
ein sehr interessant gestaltetes Werk, die ganzen Zusammenhänge,
die Lebensläufe und Agitationen der vier Frauen, verbunden mit der
Arbeit im DZIV und daneben dann auch noch Probleme, die der Chef
hat, weil die Zusammenlegung einiger Abteilungen droht.
Aus
ganz normalen Büroalltagen entwickelt sich ein Drama, ein Mobbing,
das durch die ganzen anderen Begleitumstände eskaliert.
Die
Erfindung des Autors eines DZIV, (Dänischen Zentrum für Information
über Völkermord) um einen realen Hintergrund zu schaffen ist gewagt,
die Aussagen auch, es ist ja alles fiktiv.
Was
in diesem Zusammenhang stört ist die sprachliche Ausdrucksweise.
Ist sie einmal wie eine Reportage geschrieben, dann wieder in der
Vergangenheit, wirkt es leider etwas unbeholfen. Und mich hat nicht
sehr gestört, dass fiktives mit realem gemischt war; leider häufig
schwer zu erkennen.
Ich denke der Autor hat das alleine der Dramaturgie zuliebe so gestaltet.
Insgesamt,
wenn ich die überwiegenden Vorteile dieses Buchs den paar negativen
gegenüberstelle, kommt ein dickes Plus heraus. Und von mir eine
heiße Empfehlung für Leser, die Spannung, Mord und Totschlag, Krimis,
Thriller mögen.
|