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Meine Interpretation des Inhalts:
Der Protagonist (er) lebt in einer Partnerschaft, aber nicht mit
seiner Freundin (Nelly) in einer Wohnung, sie wohnt woanders. Und
die Beziehung ist irgendwie träge geworden. Aber noch schlimmer
ist, dass er auch sehr träge geworden ist als Schriftsteller, der
er ja sein will; er studiert zwar, aber er hat schon einiges veröffentlicht
und arbeitet an einem Buch. Das aber keine Fortschritte macht. -
Er findet keinen Grund. Sucht ihn dann unweigerlich in seiner Beziehung
zu seiner Freundin.
Er ist ein Verehrer Kafkas, und zitiert dann eine Stelle aus einem
Werk Kafkas, wo er seine Situation treffend geschildert sieht:
"Die abweisende Gestalt, die ich immer traf, war nicht die welche
sagt: ich liebe dich nicht, sondern welche sagt: ‚Du kannst mich
nicht lieben, so sehr du es willst, Du liebst unglücklich die Liebe
zu mir, die Liebe zu mir liebt Dich nicht.' Infolgedessen ist es
unrichtig zu sagen dass ich das Wort ‚Ich liebe dich' erfahren habe,
ich habe nur die wartende Stille erfahren, nur das habe ich erfahren
sonst nichts."
Diese Worte liegen ihm so nahe, dass er einen Faden verspürt von
sich, zu den Worten Kafkas. Ihre Beziehung läuft in ausgefahrenen
Gleisen, ihre sexuellen Kontakte sind zu terminlich festgefahrenen
Ritualen geworden.
Bei seinen häufigen nächtlichen Spaziergängen, alleine, geschieht
auch mal folgendes:
"- - - - - - Plötzlich hörte er unweit ein Geräusch, als würde
jemand ächzen. Bei genauerem Hinhören entpuppte sich das Ächzen
als Stöhnen. Er ging in die Richtung des Gebüsches, von dem das
Geräusch kam, in der Hoffnung, eine Szene für seinen Roman zu finden.
Dann aber traute er seinen Augen nicht: es waren zwei Igel, die
sich dem Liebesspiel hingaben. Das waren also die Protagonisten
für seinen Roman - ein wenig stachelig, aber durchaus in der Lage,
sich Gehör zu verschaffen. Er hörte Hundegebell. Ein älterer Mann
kam auf ihn zu, der offenbar nichts von den Igeln bemerkt hatte.
- - "Haben sie das gehört?" rief der Mann, "das ist doch ungeheuerlich!!!
Die Frechheiten in unserer Stadt nehmen von Tag zu Tag zu!! Ungeheuerlich!!
Hören Sie? - und niemand der gegen diese Schmarotzer vorgeht!- -
- -" Er riss seinen Hund an der Leine, und der Schriftsteller sagte
ihm, dass die Frau jetzt wegen seines Hundes einen Scheidenkrampf
habe, und ging weiter, mit dem sicheren Entschluss, die Szene nicht
literarisch zu verwerten."
Das zeigt, dass der Autor durchaus witziges benutzt!
Er lernt dann eines Abends, als er wieder alleine durch die Stadt
streift, ein Mädchen kennen, eine Brasilianerin (Fábia). Und entflammt
in Liebe und Sehnsucht zu ihr. - Seine Lieblingsstadt ist Prag,
auch die Heimatstadt Kafkas, und da Fábia einige Tage später nach
Prag reisen will, beschließt er auch dorthin zu fahren, er wollte
ohnehin wieder nach Prag.
Sie treffen sich dort, erleben Prag im Schnee, haben einige schöne
Liebestage und -Nächte. - Als sie sich verabschiedet, zwei Tage
bevor er selbst auch wieder von Prag abreist, hat er schon 1 Minute
nach ihrer Abreise brennende Sehnsucht nach ihr. Fábia reist dann
weiter, will aber nochmal für einige Tage zurückkommen, wenn er
auch wieder zuhause ist. -
Sie treffen sich dann aber nur zweimal, und auch nur sehr kurz,
Fábia ist mit anderen jungen Leuten zusammen, er fühlt sich wie
ein drittes Rad am Wagen. Auf ihre Einladung dann, bei ihr zu übernachten,
geht er nicht ein. geht nachhause. - Sie sehen sich nicht mehr.
Während dieser Zeit, aber auch schon vorher trug er sich mit dem
Gedanken, Nelly zu verlassen. Er brachte es einfach nie fertig.
Und er hatte sogar das Gefühl, sie immer noch so zu lieben, dass
er jetzt mit ihr zusammenleben wollte.
Während dieser ganzen Zeit mit Fábia hatte er eine gute Schaffensperiode
als Schriftsteller, er schrieb das seiner Liebesbeziehung zu Fábia
zu. -
Und jetzt ist er eigentlich froh, dass Fábia weg ist. Immer wieder
tendiert er mal zu ihr, dann wieder zu Nelly. -
In dem Kapitel "Fraktale" beschreibt er seine Situation so:
"Die Chaos-Forschung besagt, dass chaotische Systeme trotz ihres
offenbar gesetzwidrigen Verhaltens bestimmte typische Muster zeigen.
Selbst hinter der Struktur der Galaxien und der Ausbreitung eines
Waldbrandes, dem menschlichen Herzschlag und dem Entstehen eines
Romans stecken die Gesetze des Chaos. In der griechischen Mythologie
ist Chaos der Urstoff des Weltanfangs." - - - - - - - - "wäre er
in jener Nacht, als er Fábia kennen lernte, nicht um die richtige
Ecke gebogen, so hätte es seinen Roman in dieser Form nie gegeben
und kein Prag auf jene Weise. Vielleicht wäre er dann noch immer
am Schreibtisch gesessen, regungslos, antriebslos, und schon froh
gewesen über jeden noch so einfältigen Satz. - - - - -"
Die Geschichte geht weiter, sicher, und sie wird dem Leser auch
das Ergebnis, das Ende bescheren. Das ich hier nicht erwähne.
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Buchdaten:
Broschiert: 176 Seiten Verlag: Skarabaeus
(8. September 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 370823264X ISBN-13: 978-3708232645 18,90 Euro
"Robert Kleindienst, geb. 1975 in Salzburg, wuchs
in Radstadt im Pongau auf und studierte nach der Matura am BORG
Radstadt an der Universität Salzburg Germanistik, Politikwissenschaft
und Erziehungswissenschaft. Kleindienst hat eine Ausbildung zum
Museumspädagogen, leitet Literaturwerkstätten, gründet 1996 mit
kunstlos ein Forum für schreibende und kunstinteressierte Jugendliche
in Salzburg, ist 2000 und 2001 Mitglied des Literaturportals dieflut
und aktuell von Kofaktor - Gesellschaft für Kompositionsforschung
und Verbindung der Künste. Des weiteren ist Kleindienst Mitglied
der IG Autorinnen Autoren sowie der Salzburger AutorInnenengemeinschaft
SAG. Kleindienst war aktiv an mehreren Projekt/mit/arbeiten beteiligt
(u. a. neuebuehnevillach, "Österreichische Schriftstellerinnen und
Schriftsteller des Exils seit 1933", "Dictionnaire critique de la
littérature européenne des camps de concentration et d'extermination
nazis"). Am 21. März 2007 wird Kleindienst für Aschenmeerschwein:
Antikodex mit dem Rauriser Förderungspreis ausgezeichnet - einer
literarischen Auseinandersetzung mit Experimenten von NS-Ärzten
an KZ-Häftlingen." (Klappentext/wikipedia)
"Kurzbeschreibung, Klappentext:
Robert Kleindienst erzählt die Geschichte eines Besessenen: Ein
junger Mann, besessen davon, einen Roman zu schreiben. Alles, was
um ihn herum geschieht und was ihn bewegt, gerinnt ihm zu Sequenzen
einer Geschichte, die sich ihrerseits wiederum in seinen Alltag
einschreibt. Er geht in seinen Texten ein und aus, ein Wanderer
in beiden Welten, die zu Schauplätzen einer, seiner Liebesgeschichte
verschmelzen. Hier wie dort stürzt er sich in eine Affäre in der
Hoffnung auf neue Impulse. Hier wie dort versucht er, sich der Verantwortung
seiner langjährigen Beziehung und den gemeinsamen Erinnerungen zu
entziehen. Vor der herbstlichen Szenerie von Prag verschwimmen allmählich
die Grenzen zwischen alter und neuer Liebe, zwischen Realität und
Romanwelt. Als unmittelbarer Zeuge dieses literarischen Schöpfungsaktes
gerät der Leser unweigerlich in den Sog zwischenmenschlicher Erfahrungen,
aus dem es bis zur letzten Seite und noch darüber hinaus kein Entkommen
gibt.
Buchrückseite
"Vorsichtig ließ er seine Finger über Nellys Wange gleiten, die
ganz heiß war, und zog die Decke über ihre entblößte Taille. Ihr
ganzer Körper war ungewöhnlich warm, fast so, als ob sie Fieber
hätte. Während seine Finger über ihren Hals glitten, sah er seine
Romanfigur, die an dieser Stelle innehielt und daran dachte, so
fest und lange zuzudrücken, bis kein Laut mehr zu vernehmen war."
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Der
Autor geht einen interessanten Weg; er schreibt als Autor in der
Geschichte, also als Autor im Autor.
Die Geschichte schreibt er in "Er-Form" - wenn er als sein Autor
schreibt, in "Ich-Form". Das ist aber nur das äußerliche, zwar erwähnenswert,
aber das ist nicht die Quintessenz der Geschichte. Die ist ja eine
ganz andere.
Was
der Autor beschreibt, fühlen sicher sehr viele Menschen, immer mal
wieder, aber sie können es nicht so formulieren, wie der Autor es
kann; und zwar in einer sehr weit entwickelten Sprache, einer poetischen
Sprache fast. Vom Inhalt her eher spärlich, aber die diffizile und
feinfühlige, differenzierte Beschreibung der Gefühle, vor allem
des "er" und die des Autors "ich". -
Der
Inhalt ist relativ knapp; wenn ich mal davon ausgehe, was geschieht
in dieser Geschichte. Aber das "Wie" gibt den Ausschlag. Sprachlich
einfach hervorragend, ich möchte jetzt mal von Vergleichen mit anderen
großen Romanautoren absehen, es sind einige, die mir da in den Sinn
kommen.
Das
einzige was mich gestört hat, sind die zahlreichen Stellen, wo er
mit Fábia englisch spricht. Ohne die Übersetzung anzubieten. - Ja,
ich gehöre zu den wenigen Menschen, die englisch so gut einfach
nicht verstehen, und ich sehe es als leicht überheblich an, wenn
vorausgesetzt wird, dass jeder Leser so gut englisch kann, das er
das problemlos versteht.
Aber
das reicht für mich nicht zu einem Punkteabzug.
Und
noch etwas, was anfangs stört, ist die Ausdrucksweise "am Tisch",
wenn etwas auf dem Tisch liegt, oder ähnliches. Das scheint eine
österreichische Ausdrucksweise zu sein.
Ein
nicht ganz leicht zu lesendes Buch, das aber einen unaufhörlichen
wenn auch unauffälligen Spannungsbogen aufweist, und das auf nicht
allzu vielen Seiten, sehr viel aussagt, in einer wunderbaren Sprache.
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