Doris Lessing

Aus dem Klappentext:
………….."Doris Lessing, die "Kassandra des 20. Jahrhunderts", wie sie einmal genannt wurde, präsentiert hier ein minutiös nachgestelltes London bis zum Ende der sechziger Jahre, den Kalten Krieg, die Ostermärsche, das Swinging London; die Figuren werden abgebildet wie mit der Technik des Fotorealismus: scharf und ohne Anteilnahme. So entsteht eine Szenenfolge, die unaufhaltsam und zwanghaft auf das grauenvolle Ende zuführt, das zwar von einigen vorausgeschaut wurde, doch diese Leute galten der Gesellschaft als "ver-rückt". ………………….. - "Obgleich Doris Lessing ihre stark autobiographisch geprägte Pentalogie über die seelischen und politischen Probleme ihrer um 1920 geborenen Generation zu Beginn der fünfziger Jahre schrieb, wirken die Romane so frisch und lebensnah, als seien sie erst gestern verfasst worden"…….

Meine Zusammenfassung:
Mit der Protagonistin, Martha, ist man sofort mitten im Geschehen, und wie meistens bei der Autorin, ohne irgendwelche Informationen, wer was usw. ist.
Zunächst erfährt man nur, wie eine Frau in London ist, warum und wieso erfährt man nicht. Und was sie grade denkt, was sie vor hat wird beschrieben. So nach und nach wird dann immerhin klar, dass sie eine junge Frau ist, dass sie im Moment nicht arbeitet, dass sie in London ein paar Leute kennt, unten am Fluss eine Gruppe, oben in der kleinen Straße einen Imbiss, wo sie vorläufig wohnt, Jack, einen Mann, den sie kennt, aber woher erfährt man nicht. Und dann noch Phoebe, eine Frau die eine Verbindung zur Familie der Protagonistin in Afrika hat. - Und so kommt die Information, dass Martha vorher in Afrika gelebt haben muss.

Aus verschiedenen Äußerungen kann man dann entnehmen, dass Martha eine junge Frau ist. Die Autorin schildert dann sehr ausführlich die Gedanken von Martha, was sie über diese und jene Leute denkt, die sie kennt. Und dass sie immer im Kampf mit ihrer *inneren Martha* ist. Und sich davon losmachen muss.
Über Phoebe bekommt sie dann Kontakt zu Mark, einem Mann, dessen Frau in der Psychiatrischen Klinik ist, und der einen kleinen Sohn hat. Diese Stelle bei Mark nimmt sie dann an, wobei nicht ganz klar ist, was sie überhaupt dort arbeiten soll. Dieses Haus wird dann geschildert, und wie meistens bei der Autorin, ist es ein älteres Haus mit Geschichte in London, in einer mittelständischen Gegend, mit mehreren Stockwerken. Martha übernimmt nach und nach *Hausfrauenpflichten*, was Mark aber gar nicht will. Es ist eine Zugehfrau da.
Aber das ganze Haus und der komplette Haushalt sind ziemlich vernachlässigt, und Frances, der kleine Sohn, macht einen bedauernswerten Eindruck auf Martha.

Jetzt werden über Jahre die Entwicklungen in diesem Haus und der Familie geschildert, immer verknüpft mit der Person von Martha.

Die Autorin hält sich unverhältnismäßig lange bei der Beschreibung der einzelnen Charaktere auf. Und als noch ein kleiner Junge, ein Neffe von Mark, im Haus aufgenommen wird, weil seine Mutter tot ist und sein Vater auf der Flucht, geht es dann sehr ausführlich um die Schilderung dieser beiden Jungen. Paul ist der Neffe und etwas jünger als Frances. Diese beiden Jungen verstehen sich überhaupt nicht und sind sehr unterschiedlich. Die Autorin lässt sich dann sehr lange über die Verhaltensweisen der beiden, besonders von Paul, im Internat und in der Schule aus.

Und so schildert die Autorin - auch wieder sehr aufwendig und ausführlich - die Eigenschaften der zahlreichen Verwandten von Mark, die mal mehr mal weniger im Haus auftauchen. Und wie meistens in Romanen von Doris Lessing, geht es um politische Diskussionen, Probleme psychischer Art, Konstellationen zwischen Personen und und und…. Zwischen Mark und Martha ist mit der Zeit ein Verhältnis wie zwischen alten Ehepaaren. Hatten sie vorher mal einfach so miteinander geschlafen, hatte dann Mark eine Freundin, dann war lange keine Beziehung, dann wieder für eine Zeit eine Liebesbeziehung zwischen Mark und Martha, die dann einfach so auslief. Was aber immer blieb: Martha hielt das Haus, die Menschen und den Haushalt in den Händen. Ein Kapitel des Buchs beschäftigt sich dann mit der Familie von Martha, bzw. ihrer Mutter, die in Südafrika lebt und ihren Besuch ankündigt. Auch hier wieder die Verbindung der Autorin mit Afrika. Danach kommt dann die Schilderung, wie die Mutter in London bei Martha ist, auch hier wieder ausführliche Schilderung usw. - Und was auch auffällt: Die Autorin hält sich unverhältnismäßig lange mit der Beschreibung von Psychiatrie und Psychiatern auf. Und seitenweise wird z.B. auch geschildert, wie Martha die Gedanken der anderen *hört*, und wie sie versucht, dahinter zu kommen, wieso das bei bestimmten Menschen der Fall ist, und bei anderen gar nicht.

Erst im Anhang dieses Buchs (86 Seiten) zeigt sich, warum das so ausführlich geschildert wird.

Der Anhang beinhaltet Briefwechsel und gefundene Notizen der Beteiligten, "Jahre danach". Daraus geht hervor, dass "damals" als dieses Unglück geschah, das einige schon vorher "gesehen" hatten, vor allem die Leute, die damals als geisteskrank galten, Millionen von Menschen umgekommen waren, eine nicht bekannte Menge sich vermutlich noch in unterirdischen Bunkern aufhielt, aber eine Anzahl der Leute, die sich damals aufgemacht hatte, an die Westküste Irlands, oder Nordafrika "ausgewandert" war. Sie hatten überlebt, und lebten nun fernab jeder Zivilisation, mit nichts anderem als die Menschen vor tausenden von Jahren, also mit Fellen als Bekleidung, Nahrung was wächst, sonst nichts. Und es ist die Rede davon, dass Flugzeuge diese Küsten absuchen und es vorgesehen ist, die Leute von dort nach Amerika zu transportieren, sie dort in Quarantäne einige Zeit leben zu lassen und sie dann wieder einzugliedern……….und genau davor haben diese Menschen Angst, sie wollen das nicht…..

 

 

 

 

Doris Lessing wurde unter dem Namen Doris May Taylor im (damals) persischen Kermansha geboren, die Familie zog auf eine Farm in der britischen Kolonie Südrhodesien (heute: Simbabwe), als sie sechs war. Mit 14 brach sie die (katholische) Schule ab und jobbte als Telefonistin und Büroangestellte.
Aus ihrer ersten Ehe (1939-1943) hat sie zwei Kinder, die nach der Scheidung beim Vater blieben. Auch die zweite Ehe verlief unglücklich, den Sohn Peter behielt sie und zog 1949 mit ihm nach London. Ihr erster Roman "Afrikanische Tragödie" (1950) wurde weltweit gefeiert, "Das Goldene Notizbuch" (1962) brachte sie für den Literaturnobelpreis ins Gespräch. Der Roman gilt in der Literaturwissenschaft als "Klassiker des Feminismus", Lessing lehnt jedoch eine derartige Klassifikation für sich ab, obwohl sie sich immer wieder mit der Position der Frauen in der modernen Gesellschaft beschäftigt hat.

Ihr umfangreiches Werk umfasst neben Romanen - teilweise Sciencefiction ("Das fünfte Kind" 1988 u.a.) - und Erzählungen auch Lyrik und autobiografische Schriften ("Unter die Haut" 1995 u.a.). Die engagierte Autorin, die von der Kritik neben Virginia Woolf zu den großen Frauen der englischen Literatur des 20. Jahrhunderts gezählt wird, lebt in London.

 

Anmerkung der Verfasserin:
"Dies ist der fünfte und letzte Band des Zyklus "Kinder der Gewalt". Der erste war "Martha Quest", 1952, der zweite "Eine richtige Ehe" 1954, der dritte "Sturmzeichen", 1958, der vierte "Landumschlossen", 1965. Als ich diesen Zyklus zu schreiben begann, war Sambia Nordrhodesien und Rhodesien war Südrhodesien. (Ich habe fünfundzwanzig Jahre in Rhodesien gelebt, ehe ich zur unerwünschten Einwandrerin erklärt wurde.)

Ich habe für die von Weißen beherrschte Kolonie, die in diesen Büchern beschrieben wird, den Namen Zambesia benutzt, weil ich nicht den Eindruck erwecken wollte, dass meine Beschreibung ausschließlich auf die Verhältnisse in Südrhodesien zutrifft. Mein Zambesia ist eine Zusammensetzung aus verschiedenen, von Weißen beherrschten Teilen Afrikas, und einige seiner Merkmale sind, wie ich seitdem entdeckt habe, Merkmale jeglicher herrschenden Minderheit, welcher Hautfarbe auch immer.

Mit "Zambesia" ist jedoch nicht Sambia gemeint, das 1964 geboren wurde. Dies Buch ist, was die Deutschen einen Bildungsroman nennen. Diese Romangattung war eine Zeitlang aus der Mode, was nicht bedeutet, dass an ihr etwas auszusetzen wäre. (Doris Lessing)"

hier einige Auszüge:

1. Auszug:
"……………Und jetzt in der Stille, stellte sich etwas ein, das sie vergessen hatte - immer vergaß man das. Sie hatte vergessen, was passieren konnte, wenn die Dunkelheit zunahm und man dachte, sie würde bleiben, stark wie sie war. Das war so, als gäbe es hinter dem weichen Raum einen Besessenen, der nur darauf wartete mit idiotischen Worten und Sätzen hineinzutanzen. Worte und Sätze und Musikfetzen tändelten irgendwo im Hintergrund ihres Bewusstseins herum. Doch sie hatte wirklich vergessen, dass es da diesen Idioten gab, der das Geschenk der stillen schwingenden Dunkelheit begleitet und dessen Worte nichts zu bedeuten schienen. Sie kamen aus dem Dunkel, trieben eine Weile im Raum umher und zogen wieder ins Dunkel. Dann die Worte von Liedern und Melodien - ja natürlich, während der letzten paar Wochen war sie mit dieser Phase oder diesem Stadium vertraut geworden. Erst der stille leere Raum, hinter dem eine beobachtende Präsenz stand. Und dann in den stillen Raum hinein, dahinter, sich rüttelnd und schüttelnd, ein Narr oder Idiot. Demütigend! Absurd! Wieder und wieder hatte sie, und mit wie viel Mühe die Stelle erobert, und dann begegnete einem dieser Blödsinn! Sie hatte sich zur Wehr gesetzt. Wieder und wieder hatte sie sich wegen dieses albernen Feindes aus der Stille herausbegeben. Heute Abend leistete sie keinen Widerstand: Sie war zu müde. Und außerdem fiel ihr wieder ein, dass sie eine Entdeckung gemacht, einen neuen Gedanken gefunden hatte - oder besser gesagt, ein Gedanke war mit den albernen Worten und den Musikfetzen hereingetrieben: dass man irgendwo in seinem Bewusstsein eine Wellenlänge, ein Band besaß, wo Musik zuckte und dudelte, mit oder ohne Worte; man brauchte sich lediglich einzuschalten und zuzuhören. Und sie hatte die Entdeckung gemacht und dann wieder vergessen, dass die Worte oder Melodien keineswegs zufällig waren: Sie spiegelten einen Zustand oder ein Gefühl. Wie die Worte der Lieder oder die Sätze eine Bedeutung hatten. Man konnte von ihnen lernen, wenn man vor der Banalität, der Albernheit, dem Mischmasch auf diesem Band der töne unmittelbar hinter /neben?) dem leeren Raum nicht empört oder ärgerlich zurückscheute…………"

2. Auszug:
"….er legte sich zu ihr und sie lagen reglos, fühlten und waren sich der unterschiedlichen Rhythmen in ihren Körpern bewusst, des pulsenden Bluts - des Bluts, das an- und wegströmte; des Atems und seiner Bewegung: beider Bewegungen, die zuerst nicht miteinander übereinstimmten, bis sie sich nacheinander richteten und eins wurden, erst getrennt in jedem der beiden Körper, und dann, über die Grenzen getrennter Körper hinweg, beide Körper gemeinsam. Und dann ein langsames, langsames Anwachsen bis ein anderer Rhythmus, ein hohes, zartes Pochen der Nerven einsetzte, die Kontrolle übernahm. Und die ganze Zeit über blieben sie reglos, völlig reglos, ergriffen von einer höchst wachen Gespanntheit, die Augen geschlossen, während die getrennten Rhythmen ihre Getrenntheit kraftvoll betonten, bis sie in einen stärkeren, kraftvolleren Rhythmus einströmten. So dass die erste Bewegung Körper in Körper keine willentliche von seiner oder ihrer Seite war, sondern vom Rhythmus des Pulsschlages und des Atems abhing, der sie auslöste, erzwang, bestimmte………"

3. Auszug:
"…..'ich bin nicht das was hier gebraucht wird!' - ‚schon wahr, doch was wird gebraucht?..... - weißt du eigentlich nach was du suchst, Martha?' - und er fing an, es ihr zu erzählen. Sie suchte, ohne es zu wissen, nach der mythischen Stadt, derjenigen, die in Legenden und Fabeln und Märchen vorkam, und /hier lachte er über sie, doch voller Sympathie) das war eine hierarchisch aufgebaut Stadt, weshalb sie sich weigerte, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Und er fing an, sie zu beschreiben, so genau, als habe er dort gelebt, und sie, die ihn ebenfalls liebevoll auslachte, weil er diese archetypische Stadt so gut kannte und doch behauptete, an nichts zu glauben als an die ständige Wiederkehr von Zerstörung und Chaos, sie trug ihren Teil bei zu einer ausführlichen detaillierten phantastischen Rekonstruktion, die, als sie am Ende angelangt waren, so ausgereift war wie eine Bauzeichnung……………….

4. Auszug:

"…..Zum Beispiel: Wenn ein Mensch denkt oder jedenfalls Phantasien, Worte, irgendwelche zusammenhängenden Vorstellung durch seinen Kopf ziehen lässt (wie das Denken bei den meisten Menschen aussieht), und wenn das sechzehn Stunden täglich so weitergeht und dann selbstverständlich in anderer Form im Schlaf fortgesetzt wird, und wenn dann ein anderer, Martha zum Beispiel, die oder jene einzelne Wendung, ein kleines Rinnsal von Worten mithört, dann muss man sich fragen: Wieso gerade diese Worte; Weshalb nicht andere; Was Mark dachte, erschien in ihrem Bewusstsein als kleines Rinnsal von Worten. Schnappte sie diese Worte in ihrer ursprünglichen Form auf; Oder war da irgendein Mechanismus vorhanden, der eher irgendeine Vorstellung als Worte aus Pauls oder Marks Gehirn aufschnappen und in Worte übersetzen konnte - wie einer dieser Simultanübersetzer auf einer Konferenz…………….." ……"Wenn das Gefühl, wie behauptet wurde, der Leiter für derartige Impulse war, dann erklärte das auch, weshalb Paul am häufigsten "sendete" - denn mehr als irgend jemand sonst im Haus war er ein brodelnder Gefühlseintopf. Doch weshalb dann Mark und nicht Francis?......"

5. Auszug (aus dem Anhang)

"Am Ende des Abends befand ich mich im Zustand der Euphorie. Ich kann mich nicht erinnern, noch einmal etwas Ähnliches erlebt zu haben. Mein ganzes Leben hatte ich mitangesehen, wie die Machtbefugnisse der Regierung wuchsen, die Freiheiten der gewöhnlichen Menschen jedoch abnahmen. Ich hatte die allmähliche Verstärkung der Kontrolle in jedem Lebensbereich erlebt. Die Atmosphäre wurde ständig düsterer, bedrückender, beengender. Diese Regierung, unter der wir damals lebten, deren Maßstäbe alle mit Geld zu tun hatten, damit, wie man welches verdiente, wie man es ausgab, wie man es überwachte, deren Parolen jedoch alle vom Opfer und Selbstaufopferung tönten, hatte einen Autoritarismus geschaffen, der ebenso sehr durch Stimmungsmache wie durch Gesetze regierte - und hier saßen wir nun lachend und stellten uns vor, wie in den einzelnen Menschen (und immer rascher, beschleunigt vielleicht durch die Strahlungen und Gifte, denen wir uns aussetzten) Kräfte heranwuchsen, die bewirken konnten, dass diese ganze Maschinerie überflüssig, altmodisch, überholt war. - Ich erinnere mich, der Abend endete mit der Vorstellung, dass alle existierenden Regierungsformen so überflüssig waren wie Dinosaurier: Die Regierung, die mit Heimlichkeiten, Lügen, Tricks oder auch nur mit Dummheit arbeitete - war tot……"

 

Dieses Buch ist nicht in erster Linie auf Spannung aufgebaut, ist klar, und stellt schon gewisse Anforderungen an den Leser, z.B. sich einzulassen auf die Gedanken der Protagonistin, das Vermischen von Realem und Traumhaften.

Dennoch: Sehr viele Passagen sind einfach zu lang geraten und können auch überlesen werden.

Es scheint mir, nach dem Lesen mehrer Bücher der Autorin, dass sie alles, was sie in ihren Romanen beschreibt, zur Verarbeitung eigener Gedankengänge und Erlebnisse benutzt.

Was sehr auffällt: In den meisten ihrer Romane kommt ein mehrstöckiges Haus, oder zumindest eine Wohnung vor, die eine wichtige Rolle spielen.

Und immer ist auch eine Frau da, die irgendwie alles *in den Händen hält*. Und nicht zuletzt den Eindruck erweckt, ausgenützt zu werden.

Im Anhang wird dann deutlicher, was die Autorin eigentlich mit dieser ganzen langen Geschichte sagen wollte. Bzw. so kam es bei mir an, bei anderen vielleicht wieder ganz anders.

 

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