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Von mir interpretierter Inhalt:
Meryem, Irfan der Professor, und Cemal, der Cousin von Meryem, sind
die drei Protagonisten neben einigen anderen Personen, die jeweils
zu allen, oder zu den einzelnen gehören.
Alle drei Handlungsgleise laufen nebeneinander, in verschiedene
Kapitel. Zunächst ist kein Bezug zwischen Irfan und Meryem und Cemal
da.
Mit Meryem beginnt die Geschichte, ihr Name ist die türkische
Fassung von Maria. Sie wächst zusammen mit ihrem Cousin im Haushalt
ihres Onkels und ihres Vaters auf. Der Onkel ist reich, der Vater
ist seinem Bruder unterstellt, mit wenig eigenem Willen. Die Mutter
von Meryem starb bei der Geburt. Ihre Kindheit ist problemlos, bis
die Pubertät einsetzt, von da ab darf sie nichts mehr, nicht mehr
mit den anderen spielen, hat den Makel, jetzt "Frau" zu sein.
Der Onkel besitzt außerhalb des Dorfs ein Haus, wo er Freunde empfängt
usw., und Meryem bringt ihm eines Tages Essen und Getränke, dabei
vergewaltigt sie der Onkel. Verletzt und geschändet kommt sie nachhause,
die Frauen verheimlichen alles, verstecken sie, wegen dieser "Schande"
- dass es der Onkel selbst war, verheimlicht Meryem, sie ist von
nun an dem Untergang "geweiht". -
Die Tante und Stiefmutter sperren sie in ein Kellerverließ, wo
sie mehr oder weniger dahinvegetiert. Nachts irgendwann führt sie
eine in eine Ecke des Gartens, wo sie ihre Notdurft verrichten kann.
- Tageslicht sieht sie nicht mehr, auch sonst nichts, außer ihrem
Kellerloch. Wie üblich im Dorf, im äußersten Anatolien, ca. 1400
km von Istanbul entfernt, muss sie "entfernt" werden. D.h. entweder
soll sie zum Selbstmord getrieben werden, oder "jemand" muss sie
nach Istanbul begleiten, unterwegs oder dort dann ermorden. Diese
Aufgabe fällt ihrem Cousin Cemal zu.
Cemal, zum Militär eingezogen, wo gegen Kurden und andere
Widerständler gekämpft wird, erlebt diesen - "Bürgerkrieg" mit allen
negativen Eigenschaften. Er lernt zu töten, lernt Gehorsam. Er lebt
dort in einfachsten Verhältnissen mit anderen Soldaten zusammen,
deren einzige Aufgabe es ist, versprengte Kurden in den Bergen aufzuspüren
und zu töten.
Als er aus dem Militärdienst ausscheidet, soll er, nachhause zurückgekehrt,
zuerst seine Pflicht erfüllen und Meryem nach Istanbul bringen,
und nach getaner Arbeit, was das Töten des Mädchens bedeutet, wieder
zurückkehren. Seine Cousine, mit der er die ganze Kindheit zusammen
verbracht hat, interessiert ihn nicht mehr, sie ist geschändet und
nicht mehr berührbar, ein Kontakt mit ihr nicht mehr möglich.
Im Dorf ist ein Mädchen, das er nach seiner Rückkehr heiraten möchte.
Und eines Tages macht er sich zusammen mit Meryem auf die Reise.
Außer ihrer alten Hebamme, die bei ihrer Geburt dabei war, kann
sie sich von niemand verabschieden.
- Seltsam für mich, dass auch die Frauen im Dorf das alles richtig
finden, was mit dem Mädchen geschieht, und auf der Seite der Männer
sind. -
Ganz makaber natürlich, dass der Onkel selbst, der sie ja geschändet
hat, derjenige ist, der im Dorf viel zu sagen hat und das ganz klar
bestimmt, was mit Meryem geschehen soll. Sie selbst hat ja niemand
gesagt, dass es dieser Onkel war. - Was vermutlich niemand geglaubt
hätte. Istanbul war für sie immer nur "hinter dem Berg" gewesen,
sie hatte keine Ahnung, wie weit diese Reise in Wirklichkeit ist,
und dass sie Tage und Nächte mit uralten Bussen über Land fahren
müssen.
Ihr Cousin sieht sie weder an noch spricht er mit ihr. In Istanbul
suchen sie dann einen weiteren Cousin auf, der angeblich dort wunderbar
leben soll. Sie finden ihn auch, aber er haust in einer heruntergekommenen
Hütte, am Rand von Istanbul, eigentlich mehr einem Slum. -
Eine der Frauen nimmt sich aber ihrer an und ist ihr behilflich,
sie kann endlich sich und ihre Kleider reinigen. Alle wissen, was
mit ihr geschehen soll. Der Cousin redet mit Cemal, und fordert
ihn zum Ungehorsam gegen den Vater auf. Das kann aber Cemal nicht,
er hat einfach viel zu viel Angst.
In Istanbul besucht er dann einen Freund aus seiner Militärzeit.
Dem geht es sehr gut, er hat ein großes Haus und einen Betrieb,
der mit Fischen handelt. Und nach ein paar Tagen bietet er ihm an,
an einem Ort am Meer einen Fischfangbetrieb aufzusuchen und dort
den Angestellten für ein paar Wochen zu vertreten.
Sie machen sich auf die Reise, und Cemal bringt es nicht fertig,
Meryem zu töten. - Sie wohnen dort in einer heruntergekommenen Hütte,
haben aber Essen und können leben. Ein etwas entferntes Haus gibt
es, da lebt ein älterer wohlhabender Mann, ein ehemaliger Botschafter.
Sie kommen in Kontakt mit ihm, Meryem findet auch eine Stelle in
einer Imbisbude, wo sie sich mit dem Sohn anfreundet. Soweit mal
zu der Geschichte um Cemal.
Irfan, der Professor, um die 50, lebt wohlhabend in Istanbul,
hat eine sehr reiche Frau. Aber er kann so nicht mehr leben, er
weiß selbst nicht so genau, an was es liegt; er weiß nur dass er
sein Leben ändern muss. Wie usw. weiß er noch nicht. Aber er weiß,
dass er fort muss. -
Er hebt von seinem Konto einen größeren Betrag ab, fährt ans Meer,
kauft sich dort ein Motorsegelboot mit Kajüte und allem, und macht
sich auf die Reise auf dem Meer in der Ägäis. Er schippert herum,
auf der einen Seite Türkei, auf der anderen Seite Griechenland.
Über Irfans Familie ist zu erfahren, dass er aus einer armen Familie
stammt, sein Vater ist schon lange tot, seine Mutter lebt in einem
Dorf, zu ihr hatte er selten Kontakt gehabt. Aber auf seiner Reise
zum Meer hatte er sie besucht und sie hat sich so gefreut, ihn nach
langer Zeit mal wieder zu sehen, und er sah wieder sein altes Zuhause,
machte sich dann aber wieder weiter auf seine Reise. -
Sein ganzes Leben lebt er nochmal durch auf dem Schiff, ganz alleine,
in einsamen Nächten mitten auf dem Meer. Nur selten geht er an Land,
um sich Lebensmittel und Getränke zu kaufen. Die Situation an den
Universitäten, wo er arbeitete, wird geschildert. Auch wieso die
türkischen Profs so wenig Ansehen in der Welt haben.
Alleine das ist eine sehr große Geschichte, die ich hier nicht weiter
ausbreiten kann, die aber hochinteressant ist. Und auch das Klaffen
im ganzen Land zwischen den Bevölkerungsschichten. -
Diese drei Menschen führt der Zufall oder Schicksal, egal wie man
es nennen will, irgendwann zusammen. Und zwar dort am Meer, wo Cemal
mit Meryem, der reiche Mann, der Konsul, leben, und genau da macht
Irfan sein Boot eines Tages fest.
Mehr vom Inhalt möchte ich nicht erzählen.
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Daten zum Buch:
2008
Seitenzahl: 313
Deutsch
ISBN-13: 9783608937923 ISBN-10: 3608937927
Aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann -
Zülfü Livaneli wurde 1946 in Konya-Ilgin (Türkei)
geboren. In den 70er Jahren war er wegen seiner politischen Anschauungen
gezwungen, die Türkei zu verlassen, erst 1984 kehrte er zurück.
Seitdem ist er einer der bekanntesten Sänger der
Türkei, der auch international große Erfolge feierte.
Einige Jahre war er Mitglied des türkischen Parlaments,
besonders setzte er sich dabei für die türkisch-griechische Aussöhnung
ein.
Seine Bücher werden weltweit gelesen.
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Hochinteressant
schildert der Autor nicht nur diese drei Menschen, ihre einzelnen
Lebensschicksale, sondern auch die ganze soziale, politische Struktur
wird angerissen. Der Zwiespalt z.B., den der Professor so deutlich
erlebt. Das "Anderssein" der Muslime im Allgemeinen, ihre Ausgrenzung
im Westen, vor allem auch in wissenschaftlichen Gebieten, wo sie
nur an hinterster Stelle rangieren.
Er
z.b. hat nie was Vergleichbares getan, wie sonstige Wissenschaftler/Professoren
im Westen. Seine eigene Welt wird ihm erstmals bewusst, als er um
die 50 ist, und er einfach so nicht mehr weiterleben kann/will.
Auch sein Verhältnis zu seiner Frau, das wird ihm auch erst jetzt
bewusst, ist leer, den gesellschaftlichen Ordnungen und Forderungen
unterlegen. War er sich immer sehr sicher, seine Frau sehr zu lieben,
werden jetzt seine Zweifel immer größer, und er erkennt auch, dass
sein eigentliches Ich eigentlich nie das gefunden hat, was es suchte.
Zu
Cemal, dessen Erlebnisse im Kampf bei den Soldaten geschildert wird.
Seine Gefühle und sein verändertes Verhalten nach der Militärzeit,
seine Unsicherheit, dann ohne Waffen und Uniform, jetzt zu funktionieren.
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Und
sein Gehorsam gegenüber dem Vater, der ja der Onkel von Meryem ist,
alles kann er auf seiner langen Reise mit Meryem überdenken; wobei
das im Buch nicht geschildert ist, zumindest nicht so genau, wie
z.b. beim Professor oder bei Meryem.
Weiter
kommen sehr viele periphere Gegebenheiten zur Sprache, so u.a. auch,
wie die Leute in den Dörfern erklärt bekommen/bekamen, wohin und
warum die verfolgten und zu zigtausenden getöteten Armeniern plötzlich
weg waren. Es wurde ihnen erklärt, sie wären in den Himmel geschickt
worden. Und sie glaubten das.
Oder
eine Stelle, wo über eine andere Gruppe geschrieben ist: Irfan möchte
z.b. ein Buch über die Bogomilen schreiben:
"….viele Wissenschaftler waren der Meinung, dass die heutigen Bosniaken
auf die Bogomilen zurückgehen. Um dem jahrhunderte langen Druck
der Kirche zu entgehen, wechselten sie die Religion und wurden Muslime.
Sollte diese Theorie richtig sein, dann muss man das Schicksal der
Bogomilen wirklich tragikomisch nennen. Ihre Geschichte begann mit
der Islamisierung Ostanatoliens als christliche Sekte. Nachdem sie
viele Jahrhunderte lang unterdrückt worden waren, wechselten sie
zum Schutz die Religion, nur um im 20. Jahrhundert von den Milizen
Milosevics getötet zu erden, weil sie Muslime waren. Sie waren immer
am falschen Ort, lebten immer zur falschen zeit und hatten immer
die falsche Religion. Es war zwar ein interessantes Thema, doch
irgendwie gelang es ihm nicht, mit dem Schreiben zu beginnen."
Mit
dem Verknüpfen dieser drei Schicksale hat der Autor es hervorragend
verstanden, politische, religiöse, gesellschaftliche Probleme seines
Landes aufzugreifen.
Es
ist daraus ein sehr spannender, informativer, aber auch sehr bewegender
Roman entstanden. Vor allem das Schicksal von Meryem berührt natürlich
ungemein. -
Zum
einen, weil sie wegen einer Vergewaltigung, zu der sie nichts anderes
beigetragen hat. als eine Frau zu sein, und dazu noch vom Vergewaltiger,
also ihres Onkels, sozusagen zum Tode verurteilt wird. Eine ganz
tragische Geschichte, und sie ist leider vermutlich noch heute möglich.
Auf
der anderen Seite fiel mir ein, dass wir als Westler uns nicht so
hoch preisen sollten, bei uns gäbe es das nicht. Jetzt nicht mehr,
aber im Mittelalter und auch vorher, war ähnliches auch bei uns
in Mitteleuropa "normal" - sehen wir nur mal auf die Hexenverbrennungen
im Mittelalter, und alles was im Zusammenhang damit geschehen ist.
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Ich
denke, in Anatolien oder anderen Ländern in Asien oder auch Afrika
passiert jetzt das, was bei uns vor 400-600 Jahren auch passierte.
So viel anders war es nämlich nicht.
Um
nochmal auf das Buch zurückzukommen: Es beinhaltet weit mehr, als
ich hier ausbreiten konnte. Viele philosophische Überlegungen z.b.
nicht nur des Professors, sondern aller drei Hauptprotagonisten,
mit sehr vielen Beispielen und Überlegungen, Übergängen in die Realität
usw. versehen, sind sie hochinteressant und machen dieses Buch in
meinen Augen nicht nur zu einem hervorragenden, spannenden Roman,
sondern regt auch zum Überdenken eigener Überzeugungen und Denkweisen
an.
Und
das ist für mich eines der wichtigsten Dinge, die ich dem Lesen
von Büchern zuschreibe, vor allem wenn es um so ein Buch wie dieses
geht.
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