Catherine O'Flynn
Was mit Kate geschah

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Meine Zusammenfassung
Die ersten 76 Seiten beschäftigen sich mit der 10-jährigen Kate, die alleine mit ihrem Vater lebt nach dem Tod der Mutter, und deren Vater dann plötzlich auch stirbt. Als ihre Großmutter dann zu ihr in die Wohnung zieht, verstärken sich ihre Aktivitäten.
Sie hat sich in den Kopf gesetzt, Detektivin zu werden, und hat längst damit begonnen mit ihren Beobachtungen, Aufzeichnungen. - Ganz besonders fündig wird sie da in diesem riesigen Einkaufzentrum Green Oaks. Immer dabei, ihr Plüschaffe, der angezogen ist wie ein Gentleman, und mit dem sie sich unterhält, seine Antworten denkt sie sich….
Sie schleicht sich durch alle Abteilungen, gelangt schließlich auch in die unteren Geschosse, wo die Versorgungsgänge, Personalräume usw. sind. Ein riesiges Wirrwarr von Gängen, Räumen und überall sucht sie nach verdächtigen Personen, Sachen, die ihr auffallen. Das notiert sie in ihrem Büchlein. Die Schule schwänzt sie häufig, sie hat auch keine direkten Freundinnen….. - bis auf Teresa, ein Mädchen, das wie sie Außenseiter ist, und die immer wieder nicht nur die Lehrer, sondern auch die Mitschüler verblüfft durch ihre Verhaltensweisen. Sie ist oft abwesend, lebt in ihren Traumwelten, aber Kate freundet sich schließlich mit ihr an.

Jetzt beginnt die Geschichte der vielen Bewachungsleute, die auf hunderten von Kameras das Einkaufscenter beobachten. Und einem fällt da dieses kleine Mädchen auf, das plötzlich auf seinem Bildschirm erscheint……
Da sind Männer jeden Alters, mit sehr unterschiedlichen Hintergründen, Lebensläufen, Familiengeschichten. Ein tristes Dasein in diesen Katakomben, tief unter diesem Green Oaks.

Hier ein Ausschnitt:
"Er patrouillierte weiter. Viele Sicherheitsleute glaubten, dass es in bestimmten Gängen spukte. Sie hörten Fäuste an Türen hämmern oder Geflüster in leeren Treppenhäusern, spürten plötzliche Temperaturabfälle, fanden Löschschläuche entrollt. Kurt hörte sie in den Kaffeepausen reden wie alte Weiber, die sich gegenseitig zu übertrumpfen suchten. Ehrlich-wahr-Geschichten voller Hirngespinste. Absurder Aberglaube, mit ernstem Kopfnicken vorgetragen. Kurt nahm nie irgendetwas Paranormales wahr, wenn er durch die Gänge driftete, aber manchmal überkam ihn ein gewisses Unbehagen. Es kam vor, dass er um eine Ecke bog und sich in einer Sackgasse fand - einem Versorgungsgang, der nirgends hinführte, nichts zu versorgen hatte -und irgendetwas an der nackten Endmauer vor ihm seinen Magen zusammenschnurren ließ, weil er an das alte Haus dachte, in dem er aufgewachsen war, und an die Albträume, die er als Kind gehabt hatte. Einen Moment lang hatte er Angst, sich umzudrehen, das Gefühl, dass ihm jemand bis zu dieser Barriere gefolgt war. Er entfernte sich dann rückwärts von der Endmauer, aber das Gefühl, beobachtet zu werden, blieb. Es war das Summen in seinen Ohren, der Druck hinter seinen Augenlidern. ‚Ist da jemand?' fragte er dann und wünschte, er hätte es nicht getan….."

Jetzt erzählen im Wechsel einzelne Wachmänner, aber zwischendurch auch immer wieder z.b. ein ‚anonymer Wachmann', mehrere anonyme Leute.

Es ist Weihnachtszeit, und auch die Öffnungszeiten sind Thema, besonders die Sonntage, oder auch hier der 2. Weihnachtstag, wo auch geöffnet ist. Die Leute scheinen vor Langeweile nichts anderes zu tun zu haben, als an diesen Feiertagen oder Sonntagen ihre Zeit in so einem riesigen Einkaufscenter zu verbringen.
Da ist auch eine Angestellte, im mittleren Management, deren Probleme, ihre private Situation, aber auch ihre Arbeit, ihre Agitationen mit Mitarbeitern usw. werden geschildert. -
Andere Verkäufer wiederum sind zu hören, bzw. zu lesen, wie sie div. Kunden beurteilen, über die Verhaltensweisen von Kunden, wie sie teilweise die Verkäufer und Mitarbeiter regelrecht stressen, gelinde ausgedrückt.
Dieser Einblick in dieses Center ist sehr interessant. Nicht nur wenn es um die Angestellten geht, sondern auch darum, was die Kunden so treiben, was sich die Verkäufer oft dabei denken, wie dann die Vorgesetzten agieren.

Lange ist nichts mehr von Kate zu lesen. Alles sehr interessant, wenn auch noch nicht spannend.

Als dann im letzten Drittel des Buchs die Suche nach Kate beginnt, wird es spannend. - Waren doch sehr viele Leute in den Focus gerückt, die der Leser irgendwie für sich notierte. Aber mehr nicht an dieser Stelle.

 

 

Die Autorin
Catherine O'Flynn, geboren 1970 in Birmingham, arbeitete u.a. im Plattenladen, bei der Post, als Lehrerin und als Testkäuferin, bevor sie ihren ersten Roman schrieb.

Nach zunächst über zwanzig Ablehnungen von Agenturen und Verlagen gewann sie mit ‚Was mit Kate geschah' auf Anhieb en FIRST NOVEL PRIZE beim COSTA BOOK AWARD 2008 und andere wichtige Literaturpreise; ihr Buch wurde in zehn Sprachen übersetzt.

Nach einigen Jahren in Barcelona lebt Catherine O'Flynn wieder in Birmingham.

 

Verlagsinformation: "Birmingham 1984: So oft sie kann, setzt sich die 10-jährige Kate mit Mickey, ihrem Stoffaffen, in den Bus und fährt hinaus in das große Einkaufszentrum Green Oaks. Als Detektivin spürt sie dort den dunklen Geheimnissen der Kunden nach und verfolgt "Verdächtige" bis in die letzten Winkel des Konsumtempels, der ihr mittlerweile vertrauter ist als ihr Zuhause. Doch dann verschwindet sie von einem Tag auf den anderen spurlos. Zwanzig Jahre später machen sich zwei ihrer mittlerweile erwachsenen Freunde von einst noch einmal auf die Suche, um herauszufinden, was damals wirklich geschah ..."

 

 

"Ich habe lange kein so fesselndes Buch mehr gelesen wie dieses. Es ist ein Krimi, ein Roman, Unterhaltungsliteratur vom Allerbesten." Elke Heidenreich, Lesen!

 

 

 

Buchdaten:
ISBN-10:3-442-74121-1 EAN:9783442741212 Erscheinungstermin:08.03.2011 Verlag:Btb Taschenbuch Einband:Taschenbuch Sprache:Deutsch
Seiten:272

Meine abschließende Meinung
Ein Buch, wo der Wow-Effekt erst ganz am Schluss eintritt. Weitab von der Vermutung, die die Autorin so gekonnt gestreut hatte…. Wobei ich eigentlich fast etwas ähnliches erwartet hatte.
Nichtsdestotrotz, ein sehr interessantes Buch, das wirklich mehr hält, als es anfangs - zumindest vom Inhalt bis dahin her - verspricht.

Die Autorin hat akribisch einige Unterhaltungen der Protagonisten, die sehr zahlreich sind, eingeflochten. Die mit dem Thema an sich nichts zu tun haben. Viele Gründe dafür, warum so viele Menschen sonntags kein anderes Vergnügen kennen, als in so einen riesigen Einkaufsmarkt zu gehen. Die Entzugserscheinungen bekommen, wenn sie mal nicht in Geschäfte gehen können. Lisa, als sie z.B. über die Klassik-Abteilung nachdenkt:

"….Die anderen Abteilungen zogen den einen oder anderen Exzentriker, diesen oder jenen anstrengenden Kunden an, aber die Klassik versammelte die Créme de la Créme dieser Population wie ein besonders intensiv duftendes Büschel Katzenminze, das sein Aroma durch die ganze Stadt schickt. Die wahren Neurotiker, die beunruhigend schrägen Vögel, die irrwitzigen Pedanten - sie alle strömten in diesem Glaskasten. Lisa malte sich aus, eines Tages am Eingang ein Ventil anzubringen, das die Kunden rein-, aber nicht wieder rausließ, dann, wenn die Abteilung voll war, alles mit Pektin auszugießen und die Kunden zu einer Art Frucht-an-Frucht-Marmelade gelieren zu lassen….."

Oder eine anonyme Frau:

"Sonntag ist der schlimmste Tag. Und jeder Sonntag ist schlimmer als der letzte. Ich sitze den ganzen Tag im leeren Haus. Ich wandere von einem Zimmer ins andere, von einer Sitzgelegenheit zur nächsten. Ich denke, ich hätte vielleicht gern einen Tee und setze Wasser auf. Dann merke ich, dass ich doch keinen will, und schalte den Wasserkocher wieder aus. Ich denke, ich könnte vielleicht was aus dem Laden an der Ecke brauchen, aber mir fällt nichts ein. Ich gucke aus verschiedenen Fenstern und sehe all die anderen Fenster in der Straße, aber sonst guckt niemand raus. Ich sehe nie jemanden. Ich frage mich, was die Leute sonntags machen……Ich dachte, ich gehe mal ins Einkaufscenter. Das ist was, was die Leute am Sonntag machen. Ich habe sie immer im Bus vorbeifahren sehen……"

Als dann am Ende des Buchs Kate wieder Thema ist, ist zu erfahren, wie das vor sich ging, als sie sich für das Internat mit Oberschule anmelden sollte zum Aufnahmetest. - Ihr Name war nicht aufgeführt, sie meldete sich einfach mit dem Namen ihrer Klassenkameradin Teresa an, die auch dort angemeldet war, die aber nicht da war. - Und so machte sie den Test, als Teresa.

So war dann geklärt, wieso von Kate, die als vermisst gemeldet worden war, gesagt wurde, sie wäre nie in diesem Internat angekommen, hätte keinen Test gemacht. Also sie war dort gewesen. Und danach war sie eben im Einkaufscenter gewesen, aber vorher noch in dem Zeitschriftenladen, wo sie mit dem Sohn des Besitzers befreundet war, und mit dem sie zuletzt gesehen wurde. Angeblich….

Die Klärung des Falls ist eigentlich simpel, alle Fährten, die die Autorin raffiniert gelegt hatte, führten ins Nichts.
Und das ist eben dieser überraschende Effekt, gegen Ende des Buchs. Es gibt Verdächtigungen mit tragischen Folgen, die am Ende aber nichts mehr ändern können.

Hervorragender Stil, mal so ganz anders, als frau das als Leser gewöhnt ist. Und ich fand das Buch insgesamt sehr gelungen, super aufgebaut, mit Hinterfragungen von zahlreichen Verhaltens-, aber auch Geschäftsproblemen und Umgang der Konzerne mit ihren Mitarbeitern, aber auch die der Mitarbeiter zu den Kunden. Ein besonderes Augenmerk ist auch auf das Heer von Wachleuten gelenkt, die täglich Kilometer um Kilometer unterirdisch durch die Gänge wandeln, hunderte Monitore beobachten, trostlos und öde meistens ihr Privatleben.