|

Inhalt:
Die Geschichte beginnt mit dem Ende….. und wird dann rückblickend
erzählt. Die Protagonistin, Ich-Erzählerin, ist dabei, ihr Haus
in Apulien, Casa Rossa genannt, zu räumen. Am nächsten Tag soll
alles abgeholt werden, das Haus wird geräumt, es ist verkauft. Sie
geht alle Räume nochmal durch, (siehe zitierten Text in meiner Abschlussbemerkung)
packt alles ein, was einzupacken ist, stößt dabei auch auf uralte
Dokumente, u.a. auch auf einen Brief….
Aber das wird erst ganz am Ende nochmal Thema, obwohl eigentlich
alles, was in diesen Jahrzehnten geschah, damit zu tun hat.
Also, da war zunächst der erste, der diesen alten Bauernhof in
Apulien gekauft hat, Lorenzo, ein Maler. Er macht das Haus bewohnbar,
es liegt wunderbar in der Landschaft Liguriens, eine traumhafte
Kulisse, abgeschieden, nur ein kleines Dorf ist in der Nähe.
Er lernt in Frankreich Renée kennen, eine Araberin, die dort lebt,
sie heiraten, er bringt sie mit in sein Haus. Sie bekommen eine
Tochter, Alba, aber Renée verlässt Lorenzo, die Ehe war von Anfang
an sehr belastet, im Nachhinein denke ich, sie passten einfach nicht
zusammen.
Renée lernte eine Frau, eine Deutsche, kennen, und Renée zieht zu
dieser Frau. Die Tochter lässt sie zurück. Er hatte im Innenhof
eine ganze Wand dazu benutzt, eine liegende Frau, Renée, zu malen.
Ein riesengroßes Gemälde. Als sie weg ist, kauft er rote Farbe und
streicht alles rot. Und so bekam das Haus seinen Namen: Casa Rossa.
Eine Frau aus dem Dorf besorgte seinen Haushalt, betreute das kleine
Mädchen, Alba.
Eine Generation später, Alba ist herangewachsen, heiratet, Oliviero,
bekommt zwei Mädchen, Isabella und zwei Jahre später Alina, die
Protagonistin. Die Jugend der beiden Mädchen, auch die sehr problematische
Ehe von Alba und Oliviero wird beschrieben. Oliviero stirbt eines
Tages, vermutlich Selbstmord. - Und Isabella beschuldigt giftig
immer ihre Mutter, Alba, sie hätte ihn umgebracht. Alina glaubt
das nicht, es bleibt immer ein Gerücht, das Isabella aber akribisch
nährt…..
Die Mutter heiratet später nochmal, auch diese Ehe ist problematisch,
sie wohnen mit den beiden Mädchen in Rom. Die Entwicklung der beiden
Mädchen verläuft unterschiedlich, aber auch wieder sehr problematisch.
Isabella schließt sich einer Tanzgruppe an, Alina mache eine Drogenkarriere…..
Aline kommt von den Drogen los, lebt dann in USA, lernt dort auch
einige Männer kennen, u.a. auch ihre große Liebe…..
Während dieser ganzen Zeit hatte sich Isabella einer politischen
linksradikalen Gruppierung angeschlossen, lebte in schaurigen Verhältnissen,
mit dem Anführer dieser Gruppe bewohnte sie eine chaotische Wohnung.
- Diese ganze Gruppe lebt im Untergrund, Moro wird ermordet….. -
und später auch der Mann einer Jugendfreundin aus Apulien. Die Linksradikalen
ziehen schließlich in die Casa Rossa nach Apulien, sie hatten ja
pausenlos ihre Schlupfwinkel gewechselt, und von der Casa Rossa
aus planten sie dann ihre weitere Aktionen, u.a. war das eben der
Mord an diesem Mann der Jugendfreundin. Als sie eines Tages einfach
auch mal rauswollen, bisher hatte immer nur Isabella an verschiedenen
Orten Lebensmittel usw. beschafft, alle anderen blieben verborgen.
- Und dieser Leichtsinn führte dann eben dazu, dass sie, als sie
im Dorf waren, alle verhaftet wurden….
Alina erfährt das in USA, alle Zeitungen sind voll davon. Ihrem
Freund wagte sie kaum, das alles zu erzählen, ihre Schwester Isabella
befand sich mittlerweile im Hochsicherheitsgefängnis. Alina fliegt
nach Rom, nimmt Kontakt mit ihrer Mutter auf, die mittlerweile geschieden
und wieder verheiratet ist, und sie können Isabella im Gefängnis
besuchen… Ihr Kontakt zu ihrem Freund, einem Journalisten in USA,
bricht ab.
Alles ist sehr ausführlich beschrieben, auch die politische Situation
in Italien damals (1970-1980 ca.), die einzelnen Besuche, die Atmosphäre
dort, es ist eine graue Zeit, nicht nur für die Inhaftierte, auch
für ihre Mutter und Alina. Alina zieht wieder in die Casa Rossa,
lebt dort sehr zurückgezogen, renoviert das Haus. Als schließlich
der Prozess beginnt, der über längere Zeit dauert, gibt es dann
sehr viele Einzelheiten über die Charaktere der Angeklagten. Es
sind zwei Gruppierungen, die getrennt voneinander, in zwei Glaskästen
im Gerichtssaal. Die einen machen keine Aussagen, die anderen, das
sind weniger, haben sich zur Kooperation bereit erklärt mit der
Aussicht auf frühere Entlassungen usw. - wie das so üblich ist.
Als eines Tages Isabellas Freund umkippt, und plötzlich zur anderen
Gruppierung umschwenkt, also ausführliche Aussagen macht, ist Isabella
erschüttert, wie auch alle anderen…….Aber: ihr Freund kommt vorzeitig
frei….
Alina arbeitet zwischenzeitlich für einen Freund ihres verstorbenen
Vaters, der Drehbücher für Filme schreiben lässt, an der Produktion
von Spielfilmen beteiligt ist, er ist sehr wohlhabend, und sie hilft
ihm dabei, die zahllosen eingesandten Drehbücher durchzusehen, auszuwählen,
welche in die engere Wahl kommen.
Es geschieht viel in der Folgezeit, was ich aber nicht so genau
ausführen möchte, mit Rücksicht auf künftige Leser. Aber was sehr
deutlich von der Autorin herausgearbeitet wird, ist das Verhalten
der italienischen Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg, nach Mussolini
und Hitler. - Es war so wie vermutlich überall in der Welt, das
Volk will ganz schnell darüber hinwegkommen, belügt sich selbst,
keiner war beteiligt, keiner wusste was.
Und genau damit trifft sich die Geschichte wieder…..genau mit diesem
Verhalten war der Anfang der Geschichte behaftet; was nur keiner
wusste, ahnte, außer Alina….die immer mehr wissen wollte, wie das
damals war, mit Renée. Es galt in der Familie die Unschuld Lorenzos,
Renée soll die Nazianhängerin gewesen sein, mit ihrer deutschen
Freundin, der nachgesagt wurde, sie sei eben auch eine Naziangehörige……
Mehr nicht von mir vom Inhalt an dieser Stelle.
|
|
Die Autorin:
Francesca Marciano wurde in Rom geboren.
Sie arbeitete als Korrespondentin des italienischen
Fernsehens in New York und schrieb Filmdrehbücher.
Sie lebte viele Jahre in Kenia, seit 2001 in Arizona.
Bereits mit ihrem ersten Roman "Himmel über Afrika"
gelang ihr weltweit der Durchbruch.
Die Übersetzerin:
Barbara Schaden Jayne Anne Phillips, 1952 geboren, gilt als eine
der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautorinnen und wurde vielfach
ausgezeichnet. Sie lebt in Cambridge, Massachusetts.
Der Roman wurde 2002 im Blessing-Verlag in Deutsch veröffentlicht.
Von Barbara Schaden ins Deutsche übersetzt. Es hat 445 Seiten. ISBN-10:3-89667-098-0
EAN:9783896670984
|
|
Abschlussbemerkung:
Die ganze Geschichte zieht den Leser sofort in seinen Bann. Da ist
zunächst dieses Haus, die Casa Rossa, in einer entlegenen, zauberhaften
Gegend, fern jeglichem Tourismus…. Die Sitten und Gebräuche dort,
die Landwirtschaft, die Bauern, die Familienkonstellationen… und
nicht zuletzt das Essen.
Bereits
am Anfang wird ja erzählt, dass Alina ein Blatt findet, ein Teil
eines Briefes, vergilbt, irgendwo in einer Schublade, ganz unten,
längst vergessen….. Dass dieser Brief eine Bedeutung bekommen wird,
ahnte ich. Aber ich musste sehr lange warten, nämlich bis fast zum
Schluss der Geschichte, zu erfahren was es damit auf sich hatte
und auf dessen Inhalt sich sehr viele kommende Familienangelegenheiten,
Persönlichkeitsentwicklungen usw. basiert.
In
der Geschichte wird aber auch gar nichts ausgelassen; ob es um Drogenkonsum,
Terrorismus, Liebschaften, Politik, Malerei geht, und noch dutzende
anderer Einzelheiten, die alle hochinteressant in die Geschichte
eingebaut sind.
Das
Ende wird im letzten Fünftel der Geschichte eingeleitet, es treten
unerwartete Situationen ein, vieles führt letztendlich zur Aufklärung
vieler schicksalhafter Begebenheiten. Bis dann am Ende eben wieder
das Ausräumen der Casa Rossa im Programm ist. -
Ich
habe immer gehofft, dass sich Alina noch anders entscheidet, die
Casa Rossa nicht aufgibt, dem Haus wieder Leben verleiht….. Isabella
tut ihrer Schwester Alina das Schlimmste an, was denkbar ist…… aber
das möchte ich jetzt nicht ausbreiten, sonst würde ich zuviel erzählen.
Auch
das Ende von Isabella und allen anderen verschweige ich hier, es
würde das spannende Lesen beeinträchtigen. Das ich ganz heiß empfehlen
kann!!!
Ein wunderbares Buch, hochinteressant, sehr vielfältig, und nicht
zuletzt in einer literarisch sehr schönen, angenehmen Sprache verfasst.
Eine Leseprobe kann ich hier einfügen, ohne dass zuviel verraten
wird. Es geht um den Tag, als Alina in der Casa Rossa ist und nochmal
durch das Haus streift.
"Vorsichtig
jetzt. Pass auf, was du tust. Du starrst dieses Wohnzimmer an und
denkst, du wirst diese Aufgabe nicht bewältigen. Seine Ordnung aufzubrechen
erscheint dir wie ein Frevel, wie die Verwüstung eines Tempels.
Wie lang hat dieser dunkelrote Sessel gegenüber dem zerschlissenen
Sofa gestanden, gleich neben dem bemalten Lampenschirm? Wie viele
Jahre hat der verblichene Teppich auf diesen Steinfliesen gelegen?
Seit wann hängt Renées Bild an der Wand? Wie lange hat die Opalglasvase
auf dem Kaminsims gestanden? Mein Großvater hat das Haus Ende der
zwanziger Jahre erstanden. Damals war es ein heruntergekommenes
Bauernhaus, keiner wollte es haben. Meine Mutter ist hier aufgewachsen.
Meine Schwester und ich ebenfalls. Seit über siebzig Jahren war
dieses Haus, die Casa Rossa, unser Familiensitz. Ich kenne seinen
Geruch, wie ich den Geruch von gemähtem Gras kenne. Sein Grundriss
ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, ich kann mich mit verbundenen
Augen darin bewegen. Warum dachte ich, das alles werde für immer
so bleiben, und ich könnte jederzeit zurückkommen und den Sessel,
das Sofa, den Teppich und das Bild an Ort und Stelle wieder finden?
Auf diese Weise konnte ich die verschiedenen Momente, die meinen
Werdegang mitbestimmt haben, in Gedanken immer wieder neu inszenieren.
Wie den Tag, als Renée meinem Großvater auf dem Rohrstuhl Modell
saß und ihm, während er sie wieder einmal malte, von Muriel erzählte.
Den Sommertag, an dem Oliviero zum Essen kam und unter der Pergola
im Innenhof saß und sich in meine Mutter verliebte. Die Nächte,
in denen meine Schwester schlaflos im Bett lag, eingehüllt in ihren
Hass, und sich vor jedem Geräusch fürchtete. Oder den Abend, an
dem ich Daniel Moore zum ersten Mal hierher mitnahm. Ich öffnete
die Tür und zeigte ihm dieses Zimmer. Diesen Teppich, dieses verblichene
Sofa, diesen vergilbten Lampenschirm. Das Zimmer roch nach Holzfeuer.
"Das ist es", sagte ich. Ich hoffte, es würde für immer so bleiben,
damit ich mir, wenn ich zurückkam und alles genau so vorfand, wie
ich es verlassen hatte, einreden konnte, ich hätte meine Geschichte
an einem sicheren Ort verwahrt. In einem Schrein, wo nichts verloren
ging. So wie Gebete in einer Kirche nie verloren gehen. Man kann
jederzeit wiederkommen und eine neue Kerze anzünden. Während ich
durch das Erdgeschoss der Casa Rossa gehe, von der geräumigen Küche
hinüber ins Wohnzimmer, dann durch die breite Holztür ins Atelier
meines Großvaters, sehe ich mich um, zähle meine Schritte, markiere
mein Territorium, als wäre es das allerletzte Mal. Und was soll
ich sagen - es stimmt. Es ist das allerletzte Mal. Ich führe Selbstgespräche
- wie immer, wenn ich Angst habe. Vorsichtig jetzt. Pass auf, was
du tust. Alles, was du tust, wird endgültig sein und überraschend
schnell."
|