Francesca Marciano
Casa Rossa


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Inhalt:
Die Geschichte beginnt mit dem Ende….. und wird dann rückblickend erzählt. Die Protagonistin, Ich-Erzählerin, ist dabei, ihr Haus in Apulien, Casa Rossa genannt, zu räumen. Am nächsten Tag soll alles abgeholt werden, das Haus wird geräumt, es ist verkauft. Sie geht alle Räume nochmal durch, (siehe zitierten Text in meiner Abschlussbemerkung) packt alles ein, was einzupacken ist, stößt dabei auch auf uralte Dokumente, u.a. auch auf einen Brief….
Aber das wird erst ganz am Ende nochmal Thema, obwohl eigentlich alles, was in diesen Jahrzehnten geschah, damit zu tun hat.

Also, da war zunächst der erste, der diesen alten Bauernhof in Apulien gekauft hat, Lorenzo, ein Maler. Er macht das Haus bewohnbar, es liegt wunderbar in der Landschaft Liguriens, eine traumhafte Kulisse, abgeschieden, nur ein kleines Dorf ist in der Nähe.

Er lernt in Frankreich Renée kennen, eine Araberin, die dort lebt, sie heiraten, er bringt sie mit in sein Haus. Sie bekommen eine Tochter, Alba, aber Renée verlässt Lorenzo, die Ehe war von Anfang an sehr belastet, im Nachhinein denke ich, sie passten einfach nicht zusammen.
Renée lernte eine Frau, eine Deutsche, kennen, und Renée zieht zu dieser Frau. Die Tochter lässt sie zurück. Er hatte im Innenhof eine ganze Wand dazu benutzt, eine liegende Frau, Renée, zu malen. Ein riesengroßes Gemälde. Als sie weg ist, kauft er rote Farbe und streicht alles rot. Und so bekam das Haus seinen Namen: Casa Rossa. Eine Frau aus dem Dorf besorgte seinen Haushalt, betreute das kleine Mädchen, Alba.

Eine Generation später, Alba ist herangewachsen, heiratet, Oliviero, bekommt zwei Mädchen, Isabella und zwei Jahre später Alina, die Protagonistin. Die Jugend der beiden Mädchen, auch die sehr problematische Ehe von Alba und Oliviero wird beschrieben. Oliviero stirbt eines Tages, vermutlich Selbstmord. - Und Isabella beschuldigt giftig immer ihre Mutter, Alba, sie hätte ihn umgebracht. Alina glaubt das nicht, es bleibt immer ein Gerücht, das Isabella aber akribisch nährt…..

Die Mutter heiratet später nochmal, auch diese Ehe ist problematisch, sie wohnen mit den beiden Mädchen in Rom. Die Entwicklung der beiden Mädchen verläuft unterschiedlich, aber auch wieder sehr problematisch. Isabella schließt sich einer Tanzgruppe an, Alina mache eine Drogenkarriere…..

Aline kommt von den Drogen los, lebt dann in USA, lernt dort auch einige Männer kennen, u.a. auch ihre große Liebe…..

Während dieser ganzen Zeit hatte sich Isabella einer politischen linksradikalen Gruppierung angeschlossen, lebte in schaurigen Verhältnissen, mit dem Anführer dieser Gruppe bewohnte sie eine chaotische Wohnung. - Diese ganze Gruppe lebt im Untergrund, Moro wird ermordet….. - und später auch der Mann einer Jugendfreundin aus Apulien. Die Linksradikalen ziehen schließlich in die Casa Rossa nach Apulien, sie hatten ja pausenlos ihre Schlupfwinkel gewechselt, und von der Casa Rossa aus planten sie dann ihre weitere Aktionen, u.a. war das eben der Mord an diesem Mann der Jugendfreundin. Als sie eines Tages einfach auch mal rauswollen, bisher hatte immer nur Isabella an verschiedenen Orten Lebensmittel usw. beschafft, alle anderen blieben verborgen. - Und dieser Leichtsinn führte dann eben dazu, dass sie, als sie im Dorf waren, alle verhaftet wurden….

Alina erfährt das in USA, alle Zeitungen sind voll davon. Ihrem Freund wagte sie kaum, das alles zu erzählen, ihre Schwester Isabella befand sich mittlerweile im Hochsicherheitsgefängnis. Alina fliegt nach Rom, nimmt Kontakt mit ihrer Mutter auf, die mittlerweile geschieden und wieder verheiratet ist, und sie können Isabella im Gefängnis besuchen… Ihr Kontakt zu ihrem Freund, einem Journalisten in USA, bricht ab.

Alles ist sehr ausführlich beschrieben, auch die politische Situation in Italien damals (1970-1980 ca.), die einzelnen Besuche, die Atmosphäre dort, es ist eine graue Zeit, nicht nur für die Inhaftierte, auch für ihre Mutter und Alina. Alina zieht wieder in die Casa Rossa, lebt dort sehr zurückgezogen, renoviert das Haus. Als schließlich der Prozess beginnt, der über längere Zeit dauert, gibt es dann sehr viele Einzelheiten über die Charaktere der Angeklagten. Es sind zwei Gruppierungen, die getrennt voneinander, in zwei Glaskästen im Gerichtssaal. Die einen machen keine Aussagen, die anderen, das sind weniger, haben sich zur Kooperation bereit erklärt mit der Aussicht auf frühere Entlassungen usw. - wie das so üblich ist. Als eines Tages Isabellas Freund umkippt, und plötzlich zur anderen Gruppierung umschwenkt, also ausführliche Aussagen macht, ist Isabella erschüttert, wie auch alle anderen…….Aber: ihr Freund kommt vorzeitig frei….

Alina arbeitet zwischenzeitlich für einen Freund ihres verstorbenen Vaters, der Drehbücher für Filme schreiben lässt, an der Produktion von Spielfilmen beteiligt ist, er ist sehr wohlhabend, und sie hilft ihm dabei, die zahllosen eingesandten Drehbücher durchzusehen, auszuwählen, welche in die engere Wahl kommen.

Es geschieht viel in der Folgezeit, was ich aber nicht so genau ausführen möchte, mit Rücksicht auf künftige Leser. Aber was sehr deutlich von der Autorin herausgearbeitet wird, ist das Verhalten der italienischen Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg, nach Mussolini und Hitler. - Es war so wie vermutlich überall in der Welt, das Volk will ganz schnell darüber hinwegkommen, belügt sich selbst, keiner war beteiligt, keiner wusste was.

Und genau damit trifft sich die Geschichte wieder…..genau mit diesem Verhalten war der Anfang der Geschichte behaftet; was nur keiner wusste, ahnte, außer Alina….die immer mehr wissen wollte, wie das damals war, mit Renée. Es galt in der Familie die Unschuld Lorenzos, Renée soll die Nazianhängerin gewesen sein, mit ihrer deutschen Freundin, der nachgesagt wurde, sie sei eben auch eine Naziangehörige…… Mehr nicht von mir vom Inhalt an dieser Stelle.

 

 

Die Autorin:
Francesca Marciano wurde in Rom geboren.

Sie arbeitete als Korrespondentin des italienischen Fernsehens in New York und schrieb Filmdrehbücher.

Sie lebte viele Jahre in Kenia, seit 2001 in Arizona.

Bereits mit ihrem ersten Roman "Himmel über Afrika" gelang ihr weltweit der Durchbruch.

 

 

 

 

Die Übersetzerin:
Barbara Schaden Jayne Anne Phillips, 1952 geboren, gilt als eine der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautorinnen und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Cambridge, Massachusetts.

 

 

 

 

Der Roman wurde 2002 im Blessing-Verlag in Deutsch veröffentlicht. Von Barbara Schaden ins Deutsche übersetzt. Es hat 445 Seiten. ISBN-10:3-89667-098-0 EAN:9783896670984

Abschlussbemerkung:
Die ganze Geschichte zieht den Leser sofort in seinen Bann. Da ist zunächst dieses Haus, die Casa Rossa, in einer entlegenen, zauberhaften Gegend, fern jeglichem Tourismus…. Die Sitten und Gebräuche dort, die Landwirtschaft, die Bauern, die Familienkonstellationen… und nicht zuletzt das Essen.

Bereits am Anfang wird ja erzählt, dass Alina ein Blatt findet, ein Teil eines Briefes, vergilbt, irgendwo in einer Schublade, ganz unten, längst vergessen….. Dass dieser Brief eine Bedeutung bekommen wird, ahnte ich. Aber ich musste sehr lange warten, nämlich bis fast zum Schluss der Geschichte, zu erfahren was es damit auf sich hatte und auf dessen Inhalt sich sehr viele kommende Familienangelegenheiten, Persönlichkeitsentwicklungen usw. basiert.

In der Geschichte wird aber auch gar nichts ausgelassen; ob es um Drogenkonsum, Terrorismus, Liebschaften, Politik, Malerei geht, und noch dutzende anderer Einzelheiten, die alle hochinteressant in die Geschichte eingebaut sind.

Das Ende wird im letzten Fünftel der Geschichte eingeleitet, es treten unerwartete Situationen ein, vieles führt letztendlich zur Aufklärung vieler schicksalhafter Begebenheiten. Bis dann am Ende eben wieder das Ausräumen der Casa Rossa im Programm ist. -

Ich habe immer gehofft, dass sich Alina noch anders entscheidet, die Casa Rossa nicht aufgibt, dem Haus wieder Leben verleiht….. Isabella tut ihrer Schwester Alina das Schlimmste an, was denkbar ist…… aber das möchte ich jetzt nicht ausbreiten, sonst würde ich zuviel erzählen.

Auch das Ende von Isabella und allen anderen verschweige ich hier, es würde das spannende Lesen beeinträchtigen. Das ich ganz heiß empfehlen kann!!!

Ein wunderbares Buch, hochinteressant, sehr vielfältig, und nicht zuletzt in einer literarisch sehr schönen, angenehmen Sprache verfasst. Eine Leseprobe kann ich hier einfügen, ohne dass zuviel verraten wird. Es geht um den Tag, als Alina in der Casa Rossa ist und nochmal durch das Haus streift.

"Vorsichtig jetzt. Pass auf, was du tust. Du starrst dieses Wohnzimmer an und denkst, du wirst diese Aufgabe nicht bewältigen. Seine Ordnung aufzubrechen erscheint dir wie ein Frevel, wie die Verwüstung eines Tempels. Wie lang hat dieser dunkelrote Sessel gegenüber dem zerschlissenen Sofa gestanden, gleich neben dem bemalten Lampenschirm? Wie viele Jahre hat der verblichene Teppich auf diesen Steinfliesen gelegen? Seit wann hängt Renées Bild an der Wand? Wie lange hat die Opalglasvase auf dem Kaminsims gestanden? Mein Großvater hat das Haus Ende der zwanziger Jahre erstanden. Damals war es ein heruntergekommenes Bauernhaus, keiner wollte es haben. Meine Mutter ist hier aufgewachsen. Meine Schwester und ich ebenfalls. Seit über siebzig Jahren war dieses Haus, die Casa Rossa, unser Familiensitz. Ich kenne seinen Geruch, wie ich den Geruch von gemähtem Gras kenne. Sein Grundriss ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, ich kann mich mit verbundenen Augen darin bewegen. Warum dachte ich, das alles werde für immer so bleiben, und ich könnte jederzeit zurückkommen und den Sessel, das Sofa, den Teppich und das Bild an Ort und Stelle wieder finden? Auf diese Weise konnte ich die verschiedenen Momente, die meinen Werdegang mitbestimmt haben, in Gedanken immer wieder neu inszenieren. Wie den Tag, als Renée meinem Großvater auf dem Rohrstuhl Modell saß und ihm, während er sie wieder einmal malte, von Muriel erzählte. Den Sommertag, an dem Oliviero zum Essen kam und unter der Pergola im Innenhof saß und sich in meine Mutter verliebte. Die Nächte, in denen meine Schwester schlaflos im Bett lag, eingehüllt in ihren Hass, und sich vor jedem Geräusch fürchtete. Oder den Abend, an dem ich Daniel Moore zum ersten Mal hierher mitnahm. Ich öffnete die Tür und zeigte ihm dieses Zimmer. Diesen Teppich, dieses verblichene Sofa, diesen vergilbten Lampenschirm. Das Zimmer roch nach Holzfeuer. "Das ist es", sagte ich. Ich hoffte, es würde für immer so bleiben, damit ich mir, wenn ich zurückkam und alles genau so vorfand, wie ich es verlassen hatte, einreden konnte, ich hätte meine Geschichte an einem sicheren Ort verwahrt. In einem Schrein, wo nichts verloren ging. So wie Gebete in einer Kirche nie verloren gehen. Man kann jederzeit wiederkommen und eine neue Kerze anzünden. Während ich durch das Erdgeschoss der Casa Rossa gehe, von der geräumigen Küche hinüber ins Wohnzimmer, dann durch die breite Holztür ins Atelier meines Großvaters, sehe ich mich um, zähle meine Schritte, markiere mein Territorium, als wäre es das allerletzte Mal. Und was soll ich sagen - es stimmt. Es ist das allerletzte Mal. Ich führe Selbstgespräche - wie immer, wenn ich Angst habe. Vorsichtig jetzt. Pass auf, was du tust. Alles, was du tust, wird endgültig sein und überraschend schnell."