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Meine Zusammenfassung
Gin erzählt ihr Leben im Rückblick. Ihr ganzes Leben war von ihrem
Bruder geprägt.
Sie hatten nach dem Tod der Eltern ein Vermögen geerbt, das Gin
verwaltete, ihr Bruder Jack war noch nicht volljährig.
Sie lebten zunächst in England. Als Jack, der Maler werden möchte,
mit 17 Jahren eine Begegnung mit dieser extrovertierten, temperamentvollen,
ungezügelten 30-jährigen Malerin Vera hat, wird ihrer beider Leben
miteinander verbunden, unlösbar, zwanghaft.
Und bereits nach wenigen Wochen beschließt er von England abzuhauen,
und bietet Vera an, ihn zu begleiten. Gin gibt ihm das nötige Geld,
und die beiden verschwinden Richtung New York.
Wie es in NY weitergeht, erzählt Jack Gin Jahre später, immer in
kleinen Auszügen. Nach einigen Wochen voller Feten und Nichtstun,
Vera kannte dort die Künstlerszene, begann sich Jack zu langweilen,
er wollte arbeiten, wollte malen. - -
Und so zogen sie eines Tages los, mit dem Schiff Richtung Süden.
Er schildert dann ihre Stationen, die über Miami nach Kuba gingen,
wieder zurück und sie blieben in Honduras, eben in Port Mungo hängen.
Der Mungo ist ein Fluss, an dessen Ort Jack und Vera eine alte ehemalige
Bananenfabrik am Flussrand mieten. Dort richtet sich Jack oben sein
Atelier ein, es ist gutes Licht, viel Platz, ansonsten ist es aber
eine Bruchbude, jeglicher Wohnkomfort fehlt. Sie hausen da ganz
zufrieden…..zunächst. -
Und diese Schilderungen stammen jetzt von Jack gegenüber Gin,
sind also subjektiv, von seiner Sicht aus geschildert. Aber seine
Schwester glaubt ihm das, warum sollte sie ihm nicht glauben? -
- -
Vera malt kaum, trinkt viel Alkohol, und schließlich geht sie wieder
auf Tour, zunächst mal nur im Ort ein paar Tage und Nächte, dann
mehrere Wochen, bis hin zu mehren Monaten, wo sie sich irgendwo
herumtreibt. Wie sie das finanziert, ist nicht zu erfahren. Sie
hat Liebhaber, auch im Ort selbst, u.a. auch einen Arzt, der aus
England stammt, und der den Bruder von Jack und Gin, Gerald, auch
ein Arzt, vom Studium her kennt. Aber das wird erst sehr viel später
eine Bedeutung bekommen. -
Wie gesagt, das sind alles Schilderung von Jack….. Jack und Vera
bekommen schließlich eine Tochter, Peg. Während Peg und Jack ein
sehr inniges Verhältnis zu haben scheinen, verschwindet Vera auch
wieder für längere Zeit, immer wieder. - Jack verbringt viel Zeit
mit seiner Tochter Peg, er malt sie, und er malt und arbeitet täglich
von morgens bis abends, unaufhörlich malt er seine Bilder. Ein auffallendes
ist darunter, ‚Narziss im Urwald'
Vera und Jack bekommen, als Peg vier Jahre alt ist, eine weitere
Tochter, Anna.
Das wilde Leben in Port Mungo wird geschildert, heiß, trocken, abgelegen,
ist es für Jack nicht wild, aber Vera ist eben unbändig, wild, und
alleine ihre Erscheinung, wirres langes rotes Haar, grellrot geschminkte
Lippen, wo sie mit weit aufgerissenem Mund lacht, wo ihre Zahnlücke
vorne zu sehen ist, die sie schon damals in London hatte. - Sie
kleidet sich ebenso auffällig, schlampig, außergewöhnlich, aufreizend,
mehr an eine Prostituierte als eine Malerin erinnernd….. Vera und
Jack streiten sich sehr häufig, es geht lautstark zu, auch gibt's
körperliche Auseinandersetzungen. - Sie kehrte immer wieder zurück.
Zunächst der Schilderung entnehmend, dass sie unauflösbar verbunden
sind, mit einer kaum erklärbaren Hassliebe, zerstörerisch, wild,
sich gegenseitig anziehend wie zwei Pole.
Vera erzählt:
"…'jeden Tag der vergangenen Woche hatte er von Sonnaufgang bis
Sonnenuntergang in seinem Atelier verbracht. Er erschien nur kurz
zum Mittagessen, mit Farbe an den Händen, und gab nichts weiter
von sich als ein oder zwei Knurrlaute, und nach Sonnenuntergang
waren mehrere Gläser Rum notwendig, um ihm eine menschliche Äußerung
zu entlocken. Man stelle sich das jeden Tag vor, monatelang, jahrelang
- und mit einem Mal verstand ich, warum Vera auf Wanderschaft ging,
meine moralische Einschätzung der Familiensituation kehrte sich
um und ich sah in Jacks eiserner Disziplin eine Art stumme, grüblerische,
nach innen gewandte negative Energie, die einer Frau wie Vera die
Lebenskraft entzogen und sie an den Rand des Wahnsinns getrieben
haben musste. Kein Wunder, dass sie sich mit ihm stritt! Kein Wunder,
dass sie sich Liebhaber nahm, wie konnte sie es anders mit meinem
Bruder aushalten, dessen einziger Dialog im Leben - das hatte ich
unbewusst schon wahrgenommen - der mit sich selbst war. Eines der
Bilder, das er mir gezeigt hatte, trug den Titel ‚Narziss im Urwald'.
Jetzt verstand ich, worum es darin ging. Es war ein Selbstbildnis."
und wieder Gin:
"….Im Laufe der Zeit lernte er, ihr nicht zu viele Fragen über ihre
Reisen zu stellen. Zu schmerzhaft, sagte er. Es war genug, dass
sie immer wieder nach Port Mungo zurückkam, sogar, wenn sie ein
ganzes Jahr dafür brauchte, wie es einmal der Fall war. Als ich
das hörte, staunte ich wieder einmal über die Unverwüstlichkeit
der Gefühle, die mein Bruder für Vera hegte, und daran sollte sich
auch nicht ändern bis zu dem Tag, an dem er starb………"
Als dann dieses Unglück mit Peg geschieht, zunächst auch kaum durchschaubar
was wirklich geschah, weil Jack es nach Jahren ganz anders erzählt
als Vera, verlässt Vera ihn wieder mal. - Jack besucht mit seiner
vierjährigen Tochter Anna Gin, die mittlerweile auch in New York
lebt, dort ein größeres Anwesen gekauft hat.
Bei dieser Gelegenheit taucht plötzlich Gerald, der Bruder von
Jack und Vera auf, und nimmt kurzerhand seine Nichte, die kleine
Anna mit nach London. - Warum und wieso und auf welche Hinweise
hin er das getan hat, wird erst ganz am Schluss der Geschichte näher
bekannt. Zunächst gibt er als Begründung an, Anna so ein Leben wie
Peg zu ersparen, ihr eine gute Schulbildung und ein bürgerliches,
behütetes Leben zu ermöglichen. -
Gin, Jack und auch Vera nehmen das hin. Die ganzen Geschehnisse,
alle Einzelheiten, werden in Gesprächen, die oft sehr holprig verlaufen
von Seiten Jacks, geschildert, oft in vielen kleinen Episoden, abrupt
abgebrochen, sehr viel später oft fortgesetzt.
Und zwar zu der Zeit, als Jack beschlossen hatte, von Port Mungo
wegzuziehen und nach New York zu ziehen, zunächst aber in einer
eigenen, primitiven Wohnung, nicht im Haus seiner Schwester. - Das
kommt dann später, wo es ihm gesundheitlich schlecht geht, und er
schließlich zu Gin in ihr schönes großes Haus zieht, wo Bedienstete
sind, und wo er ganz oben unter dem Dach ein großes Atelier zur
Verfügung hat. Dort oben lebt er total zurückgezogen, oft über Tage
und Nächte sich kaum zeigend, malt, malt……
Dazwischen einige Unterhaltungen zwischen ihm und Gin, teils weil
er selbst mal etwas loswerden möchte, teils weil Gin nachfragt,
wie und was dann und dann gewesen ist. - Und immer wieder kommt
der Tod von Peg ins Spiel.
Jacks Version, er gibt an, sie von Vera so erzählt bekommen zu haben,
besagt, Vera und Peg seien zusammen im Boot rausgefahren, im Sturm,
beide zugekifft oder alkoholisiert, und Peg sei über Bord gegangen,
und sie habe sie stundenlang im Wasser gesucht, aber nicht gefunden.
- Peg wird sehr viel später im Mangrovengebüsch am Ufer gefunden.
Hatte Gin von Anfang an eine gewisse Aversion gegenüber Vera, so
hatte sich das im Laufe der Zeit gewandelt. - Vera besuchte Gin
in New York, sie selbst hielt sich immer mal wieder dort auf, und
Gin erfährt so nach und nach auch einiges von Vera, wobei die immer
mehr zurückhaltend ist, und auch nicht viel preisgeben möchte. -
Als Gin mal einiges wenige über ihr eigenes Leben erzählt:
"………Ich glaube, ich gelangte in den Ruf eines Eisbergs, als ich
jung war, aber das schreckte die Männer nicht ab, im Gegenteil,
und ich begriff, dass sie mich mochten, weil ich stärker war als
sie, während ich einen Mann wollte, der stärker war als ich. Jemanden
wie Jack. - -
In New York war es anders, denn dort fand ich Männer mit diesem
brutalen Narzissmus, der mich anzog, aber das Problem bei den meisten
New Yorker Männern war, dass ihnen etwas fehlte was selbst der schlaffeste
Engländer im Übermaß besitzt, und das war Witz. New Yorker konnten
die ganze Nacht lang mit großer Leidenschaft von sich selbst reden,
mit weitaus mehr Leidenschaft, als sie je im Schlafzimmer aufzubringen
vermochten, aber das Unerträgliche daran war, dass sie diese Ego-Höhenflüge
mit einer geisttötenden Ernsthaftigkeit betrieben. Kein Funken Humor,
kein plötzliches Aufblitzen boshaften Spotts, keine galligen Randbemerkungen
- keine Selbstironie, die einzigen echten Bosheiten, die ich in
meiner ersten Zeit in Manhattan hörte, kamen aus dem Munde von Homosexuellen,
die mich wegen meines Eisberg-Gebarens mochten und die ich amüsant
fand, aber sie waren im wahrsten Sinne des Wortes meine Konkurrenten,
denn sie waren hinter denselben Männern her wie ich………………."
Als Jack bei ihr wohnt, mittlerweile war Anna aus England zurückgekehrt
und lebte zeitweise auch im Haus von Gin und Jack:
"…..Wir gingen ins Atelier. Ich habe gesagt, dass Anna schön war.
(Sie standen vor einem Bildnis das Jack von Anna gemacht hatte).
Aber gleichzeitig war sie knochig und linkisch, was sich in dem
Bild wieder fand. Und als Jack es ans Fenster trug und auf das Fensterbrett
stellte, damit es vom Nachthimmel umrahmt wurde, fiel mir ein, dass
das Bildnis seine Kraft aus eben dem Gegensatz zog der das Mädchen
schön machte - ihre Schönheit existierte gewissermaßen nur in der
Vorstellung, denn sie war nicht makellos, sie war belastet, in ihr
kämpfte Gram mit Heiterkeit - die Gletscherstarre der klassischen
Schönheit war hier durch unterirdische Kollisionen und Risse gestört.
Im Widerstreit wurde Anna schön, während sie sonst nur schlaksig
wirkte - war es das? Ich sagte das zu Jack, als ich das Bild betrachtete,
und er erwiderte, am liebsten würde er Vera diese Frage stellen,
sie hatte sich das bestimmt schon über jemand anders gefragt und
war zu Antworten gelangt, für die er sich fünf Jahre lang den Kopf
zerbrechen musste…….."
Die Geschichte entwickelt sich natürlich weiter, wird dubios, überraschend,
teilweise mysteriös, auch grausam. Und das Ende der Geschichte entwickelt
der Autor in mehreren Phasen. - Und das Ende ist überraschend.
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Buchdaten:
281 Seiten
Verlag: Bvt Berliner Taschenbuch Verlag;
Auflage: 1 (Juli 2006) Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3833303816
ISBN-13: 978-3833303814
Der Autor:
Der Autor Patrick McGrath wurde 1950 in London geboren. Er besuchte
ein Jesuitengymnasium und studierte Literaturwissenschaft. Nach
Jahren in den USA, Kanada sowie auf einer entlegenen Insel im Pazifik
lebt er heute als freier Schriftsteller in London und New York.
Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt der Roman "Stella" (Berlin
Verlag 1996)
Klappentext:
"…..Gin, die den Bruder stets aus der Ferne begleitet, die Jack
und Vera immer wieder finanziell unterstützt, erzählt uns die Geschichte
einer großen und grausamen Liebe. Mit Gins kühler Stimme beschwert
McGrath die wilde, fast bedrohliche Vitalität zweiter Künstler,
die einander mit großer Leidenschaft zu Grunde richten, bis schließlich
nur noch der mysteriöse Tod der ältesten Tochter sie aneinander
und an das Leben zu binden scheint. Am Ende wird nicht einmal Gin
die lebenslang gehegte Bewunderung für ihren Bruder aufrechterhalten
können……"
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Meine
abschließende Meinung
Sehr interessant ist zunächst mal der Stil, den der Autor verwendet.
Er lässt Gin erzählen, und zwar nicht chronologisch, sondern immer
wieder, bei verschiedenen Gelegenheiten. Alles was erzählt wird,
wird von Gin erzählt, und erzählen es andere, erzählen sie es Gin,
oder sie erzählen, was jemand anderes jemandem erzählt hat.
So
zeichnete sie ein Bild der exzentrischen, ungehemmten, wilden, unkonventionellen
Vera, aber auch ihren Bruder beschreibt sie als zumindest unkonventionell,
aber im Gegensatz dazu introvertiert, schwer durchschaubar, wenn
auch nicht für sie, da sie ihn ja vergöttert und eigentlich alles
in einem positiven Licht sieht, was den Charakter, das Handeln und
die Lebensweise Jacks betrifft. - Und sie glaubt auch alles, stellt
alles andere In Frage, glaubt es schlicht einfach nicht.
Obwohl
einiges nachdenkenswert gewesen wäre, aber in ihrer unerschütterlichen
Liebe zu ihrem Bruder kann sie das nicht erkennen, schiebt jegliche
Schuldzuweisungen auf andere, so wie sie es von ihrem Bruder eben
erzählt bekam/bekommt.
Die
Dramaturgie ist hochinteressant, und bleibt von der ersten Seite
an spannend bis zum letzten Satz.
Sinnlich, leidenschaftlich wird diese Geschichte erzählt, vor dem
sehr interessanten Hintergrund der landschaftlichen Reize oder auch
der Kargheit von Port Mungo, wo das Leben einfach total anders ist
als sonst irgendwo.
Besonders natürlich im Gegensatz zu England oder der westlichen
Welt.
Aber
auch über das Intermezzo der beiden auf Kuba, vor der Revolution.
- Immer wieder, wie auch hier, gibt es Schilderungen über das Leben
dort, insbesondere des Künstlerlebens, aber auch über die landschaftlich
reizvollen Gegenden, wo die beiden leben.
Alles
in allem ist das ein Buch, das nicht nur sehr spannend zu lesen
war, sondern auch beeindruckt durch seinen ungewöhnlichen Stil;
es befriedigt jeden Leser, der Inhalt, Stil und Dramaturgie zu schätzen
weiß. Da ist nichts, was mir gefehlt hätte, ob es um Charaktere
geht, deren Beschreibung, deren Entwicklung, oder die Verwicklungen
von schwierigen Situationen, interessanten, außergewöhnlichen Menschen,
eben deren Charaktere, die wunderbar beschrieben sind.
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