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Zum Inhalt:
Grob gesagt, ist der Inhalt schnell angerissen. -
Es geht um die Protagonistin, Ljusja Gwosdikowa. Ihr Leben wird
erzählt, von den Anfängen als Tochter eines Pfarrers, die ein uneheliches
Kind hat, einen Sohn.
Immer wieder dazwischen eingeflochten die Geschichte ihrer Eltern,
Verhaftungen, Vertreibungen, und dann eben ihr Leben in Petersburg,
als junge Frau, deren kleiner Sohn in einem Heim lebt. Die Geschichte
ihrer Eltern, wo und wie sie jetzt leben, in welcher Landschaft,
in welchen wohnlichen Verhältnissen, das wird alles sehr ausführlich
ausgebreitet.
Ihr ganzer Lebensweg ist skurril, mal vorsichtig ausgedrückt. Ihre
Kindheit, die sie meistens auf der Straße verbrachte, eine beste
Freundin, Rita hatte, und sehr lange haben wird.
Da ist zunächst Damir, ihr verheirateter Liebhaber. Ihre Freundin
hatte ihr ein paar Tipps gegeben, um ihn zu einer Entscheidung zu
bewegen. -
Da Ljusja über ihn wirklich nicht viel wusste, was ihr allerdings
erst nach Nachfrage ihrer Freundin eingefallen ist, beginnt sie
damit.
Das sieht so aus: "Erzählt du doch mal was, Damir" - "was denn?"
- "z.b. von deiner Frau", sagt Ljusja scheinheilig. - "Ich habe
mehrmals angedeutet, und muss nun leider ausdrücklich erklären,
dass es mir lieb wäre, wenn du dieses Thema ausspartest." -- "Aber
Damir, werd' doch nicht gleich böse", Ljusja riskiert einen Seitenblick
- Er ist blass. Sehr gut. Weiter. "Es ist mir egal, was du erzählst"
- "egal??" "Nein!!" - Kurze Verwirrung - "ich meine ja nur, alles,
was du zu erzählen hast, interessiert mich! -Aber du gibst ja gar
nichts preis. Du bist doch ein Mustersozialist…" - Seitenblick:
Zuckt nicht seine Wange? Ja, sie zuckt. -----und so geht die Unterhaltung
weiter. und ein weiterer Tipp ihrer Freundin erweist sich als Volltreffer…..-
"eine herrliche Entdeckung: Bojarow ist eifersüchtig…". Das war
ihr erstes *Mann-Projekt* -
Und das geht so weiter. - Der eine verlässt sie, der andere wieder
wird verhaftet, kommt in ein Arbeitslager, oder vor Gericht. - Immer
wieder Leben in kleinsten Zimmern, Teil einer sogenannten Gemeindewohnung,
dann hat sie plötzlich einen Liebhaber, der krumme Geschäfte macht,
der sogar ein schönes Haus baut….. Auch ihn heiratet sie, bekommt
sogar zwei Töchter von ihm. Nur ist er selten zuhause, er treibt
sich immer in der Welt herum, beschäftigt mit dubiosen Geschäften,
über die sie nie viel erfährt. -
Und seltsamerweise kommt immer irgendjemand, der Hunger hat, keine
Bleibe hat, und eine Bleibe bei ihr findet. Ihr schönes Haus, das
ihr Mann, der mittlerweile in Sibirien in einem Arbeitslager ist,
wegen Betrug und allen möglichen politischen Gründen, die KGB ist
immer dabei, - verlässt sie. Zuvor hatte er das ganze Mobiliar usw.
wegschaffen wollen, sie hat es dann raffiniert geschafft, das vorher
noch herauszuschaffen. -
Aber sie stand mal wieder auf der Straße. Auch sie wird immer wieder
von anderen aufgenommen, mittlerweile sind ja zwei kleine Kinder
da, und immer wieder bekommt sie eigenes Zimmer, wenn sie Glück
hat auch mal eigene Wohnung. Mit ihrem ältesten Sohn, der ziemlich
gestört ist, gibt's viele Probleme. Als er schließlich in ihren
Haushalt zurückkehrte, begeht auch er Straftaten, ob erfunden oder
nicht, auch er landet in einem Straflager….
Und so geht alles sehr turbulent weiter. Und immer wieder landet
sie als Arbeiterin, Putzfrau oder ähnlichem, in einer kärglichen
Bleibe. - Aber die diversen Männer, die in Arbeitslagern sind, halten
Kontakt zu ihr. Und sie besucht sie fleißig.
Jede Reise dorthin bedeutet mehrere Wochen Reise, vorher Sammeln
von Essbaren, das sie mitbringen soll, oder auch Geld, das sie zusammensparen
muss, nur um dann dort einige Stunden mit den Dissidenten zu verbringen
und die Sachen abzugeben, was öfter auch nur Korruption gelingt,
das bedeutet für sie, sich mit dem Aufpasser dort einzulassen, damit
der genehmigt. mehr Sachen als genehmigt abzugeben. - Das alles
nimmt sie auf sich. -
Zuhause dann, sammelt sie weiter Sachen, um Päckchen in die Arbeitslager
zu schicken. - Hat Briefkontakte mit einigen. Und dort wird ihre
Adresse auch weitergegeben, so dass es vorkommt, dass plötzlich
einer vor ihrer Tür steht, behauptet, er hätte Grüße von dem und
dem, und dem sie Unterschlupf gewähren soll. - Sie macht auch das.
- Und wird von allen betrogen, nach Strich und Faden. Keiner arbeitet,
alle wollen von ihr unterhalten werden.
Auch ihr Sohn - nach Jahren im Arbeitslager zurückgekehrt, sieht
nicht ein, zu arbeiten, "er habe jahrelang schwer schuften
müssen im Lager, das reiche….."
Und so geht der Lebensweg der Protagonistin weiter und weiter,
was mehr in Anekdoten erzählt wird. -
Es sind unglaubliche Geschichten, die da geschehen; immer wieder
mit KGB, aber am meisten fällt auf, dass Ljusja von fast allen ausgenutzt
wird, sie sich aber auch ausnutzen lässt. Und immer wieder gibt's
aber einen Mann, der plötzlich auftaucht, der einigermaßen reich
ist, und der ihr wiederum hilft. - Sie hat auch das Glück, immer
wieder Arbeitsstellen zu haben, wo sie Lebensmittel mit nachhause
nehmen kann. - Das macht jeder, und sehr, sehr viel verschwindet
in Kanälen der Parteifritzen, Leuten des KGB, wie auch überhaupt
nichts erreicht werden kann ohne Bestechung. Egal wo, ob in einem
Ministerium, beim KGB oder bei der Beschaffung von Baumaterial.
- Es gibt grundsätzlich nichts, das frei verkäuflich einfach da
wäre.
Ihr Exmann, ihre Tochter mit ihrem Mann und der kleine Enkel wandern
eines Tages aus in den Westen, nach Deutschland. Und auch hier macht
sich Ljusja wieder Sorgen über Sorgen, meint ihnen was schicken
zu müssen; für sie unvorstellbar, dass man im Westen Sachen einfach
kaufen kann.
Ljusjas später Liebhaber, Wanja, möchte sie piekfein ausführen.
In ein Superhotel für Ausländer, unweit des Hafens. Ljusja geht
am Strand entlang zu diesem Hotel, an einem Abend in Leningrad.
"Ein trauriges Vergnügen, täglich neue Anzeichen von Niedergang
festzustellen; aber wie wirksam! Jedesmal entlädt sich Ljusjas Spannung
in dem Stoßseufzer: Wir sind verloren! Gott sei Dank wächst Paschenka
(ihr Enkel) dort auf, im kultivierten Westen, wo es eine Zukunft
gibt. Wenigstens muss er nicht hier leben, in diesem lächerlichen,
zugrunde gerichteten Land. In diesem....was heißt hier Land? Es
ist ein Bordell, ein idiotisches Arbeitslager, ein Irrenhaus, eine
versuchte Schutthalde, es sei verflucht! Es ist das Land meines
Lebens."
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Die Autorin
Petra Morsbach, 1956 geboren, studierte im München und St. Petersburg.
Nach ihrer Promotion über Isaak Babel hat sie zehn
Jahre lang hauptsächlich als Dramaturgin und Regisseurin gearbeitet
und lebt heute als freie Schriftstellerin in der Nähe von München.
Für ihr belletristisches Werk wurde Petra Morsbach
2001 mit dem renommierten Marieluise-Fleißer-Preis ausgezeichnet
und 2007 mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Buchdaten
Verlag: Btb 1997
669 Seiten,
Taschenbuch Deutsch BTB ISBN-10: 3442721148
ISBN-13: 9783442721146
Klappentext:
Petra Morsbach hat in Leningrad studiert. Dort auch setzt die Handlung
ihres Romanepos ein. Sie erzählt von der Popentochter Ljusja, Mutter
eines unehelichen Kindes, die in der Kugellagerfabrik "Fortschritt"
arbeitet und von der Liebe träumt. Die Verhältnisse im Russland
des Jahres 1950 sind schwierig. Wie viele andere, leidet Ljusja
unter einem System, das in die intimsten Bereiche des Privatlebens
hineinwirkt. Aber sie versucht, ihr Dasein in den Griff zu bekommen,
beweist Mut, Witz und Kampfgeist.
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Meine
abschließende Meinung
Dieser Lebensweg einer russischen Frau, in der russischen Gesellschaft,
über Jahre hinweg, wird in tausenden von Episoden und wie Anekdoten
wirkend erzählt. Weitschweifig, ausführlich, bis in die kleinsten
Einzelheiten. Gut, so viel kann eine einzige Frau gar nicht erleben,
wie die Autorin hier die Protagonistin erleben lässt. Es ist bewusst
überzogen - denke ich -. Und vor allem ist jede einzelne Geschichte,
auch wenn sie vor sehr ernstem Hindergrund spielt, sehr zum Schmunzeln.
Z.b. scheinen die meisten Männer in Ljusjas Lebensumfeld grundsätzlich
nichts zu arbeiten. Faulenzen nur herum und lassen sich entweder
von Ljusja oder ihren Töchtern bewirten, unterhalten usw. -
Hier
kommt der auch der spezifische russische Humor zum Tragen. Alleine
schon wie geschildert wird, wenn jemand ein Haus abreißen will und
neu aufbauen möchte. Das sind Abenteuer, buchfüllend und für uns
unvorstellbar - und immer wieder zum Schmunzeln anregend, wie das
ganze Buch.
Bewundern
musste ich aber generell die russische Lebensart. Gebeutelt, schikaniert,
ausgenutzt von den Oberen, verlieren sie nicht ihre Lebenslust -
- - naja, viel zu viel begleitet mit unglaublich starkem Alkoholkonsum.
Jeder brennt z.b. auch seinen eigenen Schnaps, auch das wird genau
geschildert, wie das geht. Auch Ljusja.
Wie
überhaupt die Protagonistin die Heldin der ganzen Geschichte ist.
Mit durch nichts erschütterndem Lebenswillen, Durchhaltevermögen,
nicht zuletzt auch Humor, bewältigt sie alles. Sie arbeitet immer,
beschafft für die oft umfangreiche Familie den Lebensunterhalt,
auch mit den später hinzukommenden Alterserscheinungen, als sie
über 50 ist und einige körperliche Beschwerden hat.
Alleine
die Schilderung, wie sie jahrelang jährlich mehrmals eine 4-5-wöchtige
Reise nach Sibirien unternimmt, um Leute aus ihrer Familie, sei
es ihr Mann, ihr einer Sohn, oder wiederum Freunde oder Bekannte
von wiederum diesen, besucht. - Und dazu gehört immer zuerst ein
Besuch im Ministerium, mit Bestechungen, Beschaffungen von Papieren,
Einreichung von Eingaben und Anträgen der Häftlinge. Und nicht zuletzt
auch das Ansparen von Lebensmitteln, die sie den Gefangenen bringen
möchte. Und die sie oft nur übergeben kann, wenn sie einen Bediensteten
des Lagers besticht, und sei es, dass sie sich ihm anbietet. - Sie
tut alles. - Und die Reise alleine ist schon sehr beschwerlich.
Wochenlang in rumpelnden, zugigen Eisenbahnabteilen, mit unvorhergesehen
Aufenthalten und und und. - Und immer wieder lernt sie auch hier
wieder jede Menge Leute kennen, denen sie helfen muss/will/kann.
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In
einfacher, aber sehr verständlicher Sprache erzählt die Autorin
diese Geschichte. Ohne Beschönigung, kritisch aber nicht anklagend,
gelingt es ihr sehr gut, dem Leser die Mentalität der russischen
Menschen, wie auch die russische Lebenswelt mit ihren für uns unbekannten
politischen und administrativen Gegebenheiten nahe zubringen.
Gut,
mit der Zeit wird das Lesen etwas zu langatmig. - Nicht dass die
Anekdoten langweilig oder uninteressant wären; nein, aber es gibt
immer wieder noch eine Steigerung, und noch eine Steigerung. Wird
also immer verrückter, was da alles passiert. Allgemein hat mich
das Lesen dieses Buchs sehr zufriedengestellt. Es ist informativ,
auch spannend, aber nicht zuletzt sehr mit verstecktem Humor geschrieben.
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