|

„Kurzbeschreibung
Die Kühnheit Musilscher Psychologie ist bereits in seinem
ersten Werk auffallend. Ungewöhnliche, subtile
Pubertätsstudie, in der Musil seine Erfahrungen als Kadett einer
k. u. k. österreichischen Militärerziehungsanstalt
auswertete. Eine scharfsichtig genaue, glasklare Interpretation
jugendlichen Wachstums, die zugleich das Bild kommender Diktatur und
der Vergewaltigung des einzelnen durch das System visionär
verzeichnet."
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Musil schrieb diesen, seinen ersten Roman, mit 22 Jahren; trotz
seiner Jugend schon Ingenieur und er fühlte sich in seinem Beruf
unzufrieden und gelangweilt. So setzte er sich in diesem Buch mit den
eigenen Erfahrungen als Zögling von
Militärerziehungsanstalten auseinander, die er 1892 bis 1897 in
Eisenstadt und Mährisch-Weißkirchen besucht hatte. Er
schickte das Manuskript dem prominenten und einflussreichen
Kritiker Alfred Kerr zu,(da er keinen Verlag gefunden hatte der sein
Buch herausgeben wollte), der es groß herausbrachte und Musil
damit zum literarischen Durchbruch verhalf.
Inhalt: Der junge Törleß, Sohn eines Hofrats, tritt
in ein altehrwürdiges Konvikt ein, in dem die Sprösslinge
der oberen Familien des Landes auf den Militär- oder Staatsdienst
vorbereitet werden. Das Zusammenleben der Schüler ist von pubertären
Nöten und homoerotischen Beziehungen geprägt. Törleß
befindet sich in diesem Konvikt zunächst in einer komplizierten,
von Depressionen geprägten Situation. Er empfindet sein Leben
als sinnlos und sehnt sich nach einem anderen Dasein, von dessen
Gehalt und Form er sich allerdings keine rechte Vorstellung machen
kann. Ausbruchsversuche aus der behütet erscheinenden Bürgerwelt,
eine Begegnung mit einer Dirne lösen in ihm heftige Gefühle
aus, bringen jedoch keine Erfüllung.
Das verhängnisvolle Geschehen setzt ein, als Basini, ein weicher,
in seiner Entwicklung zurückgebliebener Junge, von Mitschülern
des Kameradendiebstahls überführt wird. Statt ihn der
Internatsleitung zu melden, beschließen die Zöglinge
Beineberg und Reiting, die Bestrafung und Läuterung des Jungen
selbst vorzunehmen. Der feinfühlige Törless, neugierig
auf das Bösartige und Vulgäre, das die beiden verkörpern,
beteiligt sich – angezogen und abgestoßen von dem Geschehen
zugleich – eine Zeit lang an den Peinigungen und Demütigungen
des Schülers Basini. In Törleß Gegenwart wird
er geprügelt, erniedrigt und zu homosexuellen Diensten missbraucht.
Erst als sich die Quälereien zum Lynchexzess steigern, wendet
Törleß sich ab und erreicht infolge einer vorgetäuschten
Flucht die Entlassung aus der ungeliebten Anstalt und die Rückkehr
zu seiner Familie.
Wirkung: Das Buch von Musil war für seine Zeit eine ungewöhnliche,
vom Thema her nahezu revolutionäre Arbeit, die in ihrer sprachlichen
Form Vorläufer des später verbreiteten expressionistischen
Stils war. Der Roman fand eine beachtliche Resonanz, der Erfolg
öffnete dem Autor die Türen zu einflussreichen literarischen
Kreisen Berlins und brachte ihm die Bekanntschaft mit Schriftstellern
und Kritikern. 1966 wurde der Stoff von Volker Schlöndorff
verfilmt. R. F.“
|
|
„Autorenporträt
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Musil, Robert österreich. Schriftsteller *6.11.1880 Klagenfurt,
15.4.1942 Genf Die Verwirrungen des Zöglings Törleß,
1906 Der Mann ohne Eigenschaften, 1930-43 Mit seinem Hauptwerk, dem
Roman Der Mann ohne Eigenschaften, hat Robert Musil eines der
grundlegenden Werke der ersten Jahrhunderthälfte geschrieben. Mit
James R Joyce und Marcel R Proust in einem Atemzug genannt, gilt er
heute als Mitbegründer der literarischen Moderne, da er den
Bereich der Erkenntnis im Roman wesentlich erweitert und "die
Unermesslichkeit dessen entdeckt hat, was einzig der Roman
enthüllen kann" (Milan Kundera). Musil, Professorensohn aus
Klagenfurt und zur Offizierslaufbahn bestimmt, besuchte zunächst
Kadettenschulen, bevor er auf dem Weg über
technisch-naturwissenschaftliche Studien zur Literatur kam. Nach dem
Abschluss eines Maschinenbaustudiums (1901) studierte er in Berlin
Philosophie, Psychologie und Mathematik und arbeitete parallel dazu an
seinem ersten, 1906 erschienenen Roman Die Verwirrungen des
Zöglings Törleß. Nach der Teilnahme als Offizier im
Ersten Weltkrieg und kurzer Tätigkeit für das Auswärtige
Amt entschloss sich Musil 1921 zur Existenz als freier Schriftsteller
und Kritiker in Wien. Ab 1925 widmete er sich vor allem der Arbeit an
seinem Opus magnum Der Mann ohne Eigenschaften, dessen erster Band 1930
erschien. 1938 emigrierte Musil - seine Bücher gehörten in
Österreich und Deutschland zu den verbotenen - mit seiner
jüdischen Frau Martha in die Schweiz. Verarmt und bis zuletzt an
der Fortsetzung seines Romans arbeitend, erlag Musil im April 1942 den
Folgen eines Gehirnschlags. Biografie: W. Berghahn, Robert Musil (rm
50081);K. Corino, Robert Musil, 1992
|
|
Ein Werk, das einer Beschreibung durch mich nicht bedarf.
Ich kann nur hinzufügen, wie ich es verstanden habe, wie es bei
mir *ankam*. - Von Musil habe ich noch kein Buch gelesen, allerdings
schon viel von ihm *gehört*, Aussagen von ihm gelesen usw. Er hat
seine Philosophie in seinen ersten Roman, der autobiografisch ist,
eingeflochten. Zunächst von der Sprache her
gewöhnungsbedürftig. Auch die Art, wie er seine
Gefühle und Gedanken formuliert, sind ungewöhnlich. Die
unzähligen Gedankengänge die die Geschehnisse in diesem
Konvikt begleiten, wirken auf mich zunächst sehr
überraschend. Sie bergen philosophische Hinterfragungen bis ins
Kleinste.
Dieses Buch birgt soviel komplizierten Inhalt, dass es fast logisch ist, es im Unterricht oder Studium zu verwenden.
Und so ist es natürlich keineswegs Unterhaltungsliteratur, wobei
es schon *unterhält*, aber höchstens sekundär.
Um alles zu verstehen, was Musil da detailliert beschreibt, bedarf es
des mehrmaligen Lesens. Und: einige Verhaltensstrategien (Sadismus
usw.), die es heute so gibt wie damals, erscheinen in einem anderen
Licht, nach der Lektüre dieses Werks von Musil.
|