Christiane Neudecker

neudecker_nirgenwo_sonst

Nirgendwo sonst

Meine Zusammenfassung
Ein Mann kommt nach Burma, er ist auf der Suche; zunächst nach einem bestimmten Ort, den er aufsuchen soll, um was zu überbringen. Aber das ist zunächst dem Leser nicht bekannt. Vordergründig sucht er die Frau, die ihn soeben, in Burma, verlassen hat, ganz plötzlich, als irgendetwas, was der Leser wiederum noch nicht weiß, erfahren hat. -

Je tiefer er aber in die mehr oder weniger erscheinende Wildnis dieses abgeschotteten Militärstaates eindringt, desto mehr verliert er nicht nur ihre Spur, sondern auch sich selbst. Es wird zu einer verschlungenen Irrfahrt in sein eigenes Ich --- und seine Vergangenheit. Kann man sich schon nicht auf sich selbst verlassen, dann in diesem Land, das so vieles verbirgt, noch weniger.

Es wird eine Reise in das Innerste der Finsternis, eine spannende Geschichte in die abgründige Gegenwart einer bedrohlichen Diktatur, aber - und das nicht zuletzt - auch zu seiner eigenen verlorenen Identität. Und jetzt beginnt eben seine Reise auf einer Route, die ja genehmigt sein muss von der Militärregierung. Er hatte einen Teil davon kurz zuvor mit dieser Frau, die er grade sucht, begonnen gehabt. Und sucht jetzt die Stätten ab, wo er vermutet, dass sie dort sein könnte.
Er trifft dann einige Einwohner Burmas, aber auch einen Engländer, einen Amerikaner, eine Deutsche, mit denen er meist kurze Begegnungen und Unterhaltungen hat. Die Schilderungen seiner Reise ins Innere des Landes sind jetzt ausführlich beschrieben, aber oft aus seiner zeitweise ziemlich vernebelten Sicht; er muss irgendeine Tropenkrankheit haben, die er zwar getestet, aber das Ergebnis nicht angesehen hat. -
So ist er mehr oder weniger wach unterwegs, bricht auch mal zusammen, rappelt sich wieder auf, trifft dann auf eine Deutsche, die sich um ihn kümmert und die ihn dann zu einer burmesischen Glaubensgemeinschaft bringt, die ihn versorgt, bis er wieder einigermaßen laufen kann.

Und immer wieder die Angst. Entweder die Angst der Burmesen, sie könnten verraten und verhaftet werden, aber auch die Angst der Machthaber selbst, die einfach alles kontrollieren, und selbst einige reichere Buddhistenklöster sind verbündet mit der Militärregierung... und so sind buddhistische Mönche selbst immer auf der Hut, bzw. leben in Angst, einer ihrer Brüder selbst könnte ein Verräter und Denunziant sein.

Interessant wird es dann gegen Ende, als der Leser mehr und mehr weiß, warum der Protagonist eigentlich nach Burma gekommen war, welchen Zweck die Fotos haben, die er bei sich hat, und dann eben ein Teil seiner Vergangenheit bekannt wird; und jetzt wird auch klar, an wen sein so häufiger Monolog gerichtet ist: nämlich an seine Freundin, die in Berlin im Koma liegt, nach einem Fenstersturz während eines Hausbrandes, und die irreparable cerebrale Schäden hat, so dass nicht damit zu rechnen ist, dass sie jemals wieder ein normaler Mensch wird.
Und diese Frau, seine Freundin, eine Regisseurin, unter der er auch als Schauspieler in Berlin gearbeitet hatte, hatte vorher eine Reise nach Burma unternommen, alleine. Und dort eben in einem abgelegenen Dorf Leute kennen gelernt, Fotos dort gemacht, wo auch sie selbst zu sehen ist. Und sie selbst wollte diese Fotos den Leuten eigentlich unbedingt bringen, also noch mal dorthin reisen, mit ihrem Freund, dem Protagonisten.
Und das war nunmehr nicht mehr möglich; aber bei dem Brand, wo ziemlich alles zerstört worden war, blieben diese ganzen Fotos unbeschädigt, und er hatte sie dabei. Er hatte ihr, auch wenn sie es nicht verstand, (im Koma) versprochen, diese Bilder an diese Leute zu überbringen. - Das war also sein Auftrag. -
Sie ist eine Berlinerin, die vor der Wiedervereinigung aus dem Osten in den Westen geflüchtet war, in einem Kofferraum, und das hatte sie ihm erzählt. Da das eine interessante Geschichte ist, hatte er diese Geschichte als seine eigene ausgegeben, als er bei der Einreise ausgefragt worden war, von wem war schlecht zu erkennen, ob es Militärs oder sonst wer waren.

Und um jetzt wieder den Zusammenhang zu der Frau herzustellen, die er am Anfang des Romans sucht:
Auch ihr hatte er diese Geschichte als seine erzählt. Und als sie dann zufällig seinen Pass sieht, wo als Herkunftsort Köln steht, und als Beruf Schauspieler, fühlt sie sich verraten und hintergangen, belogen, betrogen, ist tief beleidigt und böse und verlässt ihn, grade bevor sie in einen Bus steigen wollten, sie steigt ein, verhindert dann, dass er auch zusteigt, und sie ist verschwunden.

Aber das alles tritt mehr und mehr in den Hintergrund, später erkennt er dann, dass er in der Frau, die er grade suchte, einer Dänin, seine im Koma liegende Freundin in Berlin gesehen hat, weil sie ihr ziemlich ähnlich sieht.
Auf Umwegen findet er dann schließlich den Mann, den ihm seine Freundin in Berlin genannt hatte, den sie aufsuchen wollten und der sie dann zu diesem Dorf bringen würde, wo die Fotos gemacht worden waren. Diesen Mann hatte er schließlich gefunden, er war sehr krank und dort vor der Hütte des Mannes zusammengebrochen. Aber dieser Mann und seine Tochter behielten ihn in ihrer Hütte, bis er einigermaßen gesund war. Da aber dort keine Leute Ausländer beherbergen dürfen usw., war das gefährlich, und deshalb hatte die Tochter eben im Dorf über Nacht gewacht, der Mann, ihr Vater, in der Hütte.
Ein Weg zum gesuchten Dorf war aber in nächster Zeit nicht möglich, der einzige, verschlungene und verborgene Weg war verschlammt und nicht begehbar, aufgrund vorhergegangener Regenmassen. - Und sein Visum lief in paar Tagen ab, also er konnte die Fotos nicht selbst übergeben. -
Aber: der Mann brachte ihn zur Dorfschule, wo er ihn teilnehmen ließ, als er an die Schulkinder und den Lehrer, einen 92-jährigen, Schulmaterialien übergab. Die Kinder freuten sich über Schulhefte, Stifte und alles unwahrscheinlich, so als ob sie Spielsachen bekommen hätten, oder als ob Weihnachten wäre. Er erfuhr dann auch, dass diese Dorfkinder nur diese spärliche Schulbildung genießen konnten, vom Militärregime wurde verhindert, dass die Bewohner eine höhere Bildung genießen konnten.

Dann erklärte ihm der alte Burmese, wie das läuft, mit diesen Schulsachen.
Also: da immer wieder Rucksacktouristen (Backpacker) in ihre Dörfer kommen (andere, größere Reisegruppen nicht, weil die grundsätzlich von Militärs geleitet werden), bekommen sie auch diese Schule gezeigt, und sie spenden Geld. Als Gegenleistung oder Dank bekommen sie dann von dem alten Mann einen alten burmesischen Geldschein, wo sein Name drauf steht, das Datum, und ein Kind, das beschenkt wurde. Diesen Geldschein nehmen die Backpacker mit nachhause, und auch Briefe, mit Adressen von den vorherigen Backpackern, die sie dann außerhalb von Burma abschicken sollen. Und so entsteht ein Kreislauf. Diese Leute geben ihm dann wieder Geld, von diesem Geld kauft er in Burma wieder Schulsachen, diese übergibt er dann den nächsten, und so wieder im Kreislauf.
Und so kommen - ohne dass die Militärs das kontrollieren können - Nachrichten aus Burma in die Welt und die Spender erfahren, was mit ihrem gespendeten Geld geschehen war. In diesen kleinen abgelegenen Dörfern gibt es widerständische Gruppen, die aber sehr, sehr vorsichtig sein müssen.

Auch war zu erfahren, dass die Militärs in diesen Dörfern auftauchen, grundsätzlich jedes Haus und jede Hütte betreten, wenn sie verschlossen sind, brechen sie sie auf (deshalb lassen die Leute dort ihre Hütten und Häuser nicht verschlossen, weil es unsinnig ist) alles wird durchwühlt - und: Kinder nehmen sie einfach mit.. Mädchen als Sexualobjekte oder Sklavinnen für Militärs, Jungens für Kindersoldaten. Die Eltern sehen ihre Kinder nie mehr.

Er übergibt nun diesem alten Burmesen diese ganzen Fotos, der will sie dann den Leuten in diesem Dorf übergeben, sobald dieses Dorf wieder zugänglich ist.

Er darf jetzt endlich seine Freundin in Berlin loslassen, muss nicht, aber darf. Und hat auf diesem verschlungenen Weg auch wieder einen begehbaren zu seinem inneren Ich gefunden.

Zum Schluss, auf dem Flughafen, trifft er dann die Deutsche wieder, die die von ihm gesuchte Frau getroffen hatte (er hatte ihr von ihr erzählt gehabt) - die hatte ihr einen Zettel mit ihrer E-Mail-Adresse übergeben, sie soll sie ihm geben.
Schluss: "...Sie legt ihm den Zettel in die hohle Hand. Er will sich ihr zuwenden, will sie umarmen, sie an sich drücken. Bleibt stattdessen still sitzen, die Augen wieder auf dem Monitor, blicklos.

Spürt den Zettel auf seinem Handteller, den leichten Einschnitt der Papierkante auf seiner Haut. Er atmet ein. Schließt dann die Finger zu einer Faust, zieht sie dicht an sich heran, an seinen Brustkorb. Und sieht auf das verschwimmende Bild."

 

 

Christiane Neudecker, geboren in Erlangen, studierte 1996 bis 2001 Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und inszenierte unter anderem im bat studiotheater Berlin und im Kleisttheater Frankfurt (Oder).
Seit 2001 ist sie Regisseurin beim Berliner Künstlernetzwerk phase7 performing.arts, das multimediale Events für Wissenschaft und Kultur kreiert. Sie konzipierte die mediale Performance "delusions", die 2004 im Forum Neues Musiktheater der Staatsoper Stuttgart uraufgeführt wurde und schrieb das Libretto für die "Cross-Media-Oper" "C - The Speed of Light", die 2005 im Rahmen des Wissenschaftssommers in Berlin das Werk von Albert Einstein künstlerisch thematisierte.

Christiane Neudecker erhielt den 16. Literaturpreis der Nürnberger Kulturläden, den Alfred Gesswein-Literaturpreis für Reiseliteratur (2003) und ein Stipendium der Österreichischen Nationalbank im Rahmen des 7. Klagenfurter Literaturkurses (2003). 2006 wurde ihr vom Bezirk Mittelfranken der Förderpreis des Wolfram-von-Eschenbach-Kulturpreises zugesprochen.

Die Autorin geht einen sehr interessanten Weg mit ihrem ersten Roman. Zunächst ist der Leser nur mit dem Protagonisten, seiner momentanen Situation und seiner augenblicklichen Lage und seinen Gedanken bekannt, wobei er immer mit jemanden redet, was in Kursiv steht.

Man weiß allerdings nicht, an wen sich das richtet, bleibt völlig im Dunkeln...an die Frau, die er grade im Moment sucht, sind sie nicht gerichtet.

Dieses Buch ist nicht ganz einfach zu lesen, und ein "Wenigleser" wird es nach paar Seiten weglegen - - - denke ich mal.

Es ist zwar ein Roman, aber er vereint mehrere hohe Ansprüche: Eine gute, differenzierte Sprache, eine interessante Dramaturgie, Erfahrungsberichte aus dem Land, das als Hintergrund für die Geschichte steht, auch Tipps für Leute, die evtl. als Backpacker nach Burma reisen wollen, und nicht zuletzt, die von Anfang an - zwar sehr, sehr dezent auftretende - Spannung. Sie ist da, auf jeden Fall.

Aber wer eben einen normalen Roman, eine normale Liebesgeschichte, einen normalen Reisebericht, oder oder oder erwartet, der wird das in diesem - in meinen Augen hervorragend gelungenen - Roman nicht finden.