Viola Roggenkamp
Die Frau im Turm

Meine Zusammenfassung
Es sind zwei Geschichten verknüpft; jedes Kapitel beginnt in der Überschrift mit der Jahreszahl. Beginnt in der alten Geschichte, die Anfang 17. Jahrhundert beginnt, jetzt ist das Jahr 1761;
in der zweiten Geschichte geht es immer um das Jahr 1999.

Das erste Kapitel: "Winter 1761" - beschreibt, wie die Cosel, wie sie genannt wird, sich im Turm befindet, es ist kalt, sie sitzt am Feuer, eingehüllt in ein Schafsfell, auf dem Kopf ein breitkrempiger Hut, mit einem breiten Pelzrand. Ein junger Mann tritt ein, er kann ihr Gesicht nicht sehen.
Auszug: "…Der Mann hält sein Taschentuch vor Mund und Nase gepresst. Das ist nicht höflich, und er wird das Tuch sinken lassen müssen, sobald sie aufsieht. Aber es stinkt hier. Er schnüffelt. Irgendwie ranzig nach alter Haut. Die Frau in ihrem Stuhl sieht nicht auf, und auch die einströmende Winterluft des Jahre 1761 scheint sie nicht zu spüren. Entweder schläft sie über ihrem Buch oder sie ist gerade gestorben. Und ist sie tot und nur scheinbar noch am Leben, kann er gleich wieder gehen, obwohl er eigens ihretwegen gekommen ist, um sie anzusehen, wie man eine Frau ansieht, von der man allerhand weiß."
"Er erschrickt, denkt, also das ist sie, und: wie alt die Cosel geworden ist. Sie, Anna Constantia Gräfin von Cosel, lebenslänglich eingesperrte Mätresse en titre, Mätresse von August dem Starken, sächsischer Kurfürst und als August II. König von Polen. Er ist tot, seit fast 30 Jahren.

Die Cosel erhebt sich, sie habe noch zu tun, sagt sie. Schafsfelle fallen von ihr ab, und ein weites Gewand umhängt ihren 81-jährigen Körper formlos, alles ist zusammengeflickt, mit schwarzer Tinte befleckt. Sie legt das Buch beiseite, in dem sie gerade gelesen hatte, und verlässt den Raum, das Turmzimmer, ihr letztes Refugium. Im Zimmer stehen zahllose Bücher, von Philosophen, Wissenschaftlern aus allen Genres, er starrt sie an, viele Bücher sind hebräisch. Sie hat Brot und Wein geholt. Sie tritt zum Fenster. "Sachor et jom haSchabat. So beginnt der Schabbessegen. Erinnere dich des siebten Tages. Ich hause hier einsam fast ein halbes Jahrhundert, doch zum Schabbes weiß ich mich verbunden mit denen, die waren, mit denen, die sind, mit denen, die kommen werden."

Dieses Kapitel beschreibt die letzte Zeit der Cosel. Alle anderen Kapitel beschreiben dann die Zeit davor, wo sie als junge Frau zunächst in die Festung kam, dann nach vielen Jahren in den Turm, wo sie dann mehr Freiheit hatte, sich frei bewegen konnte innerhalb des Geländes, sogar ins Dorf kann sie dann gehen. - Aber da ist sie schon eine alte Frau.

Die Kapitel beginnen oft so oder ähnlich:
Z.B. "Frühling 1720": "Die Cosel erwacht. Die Cosel erwachte. Die Cosel ist erwacht. Die Cosel steht am Fenster. Die Cosel stand am Fenster. Die Cosel hatte am Fenster gestanden. Die Cosel sieht sich am Fenster stehen, wie sie am Fenster gestanden haben wird, Tag um Nacht und Tag um Nacht. Festung Stolpen, früher Morgen, kalt…….."
"Die berühmte Cosel, die gefeierte Cosel, die begehrte Cosel, aller Welt in Sachsen bekannt, in Polen, in Holstein bis hinauf nach Kopenhagen, bekannt dem Zaren in Petersburg, bekannt dem König in Berlin, bekannt dem Kaiser in Wien. Ihr Gesicht, hundertmal, tausendmal gezeigt, die Cosel respektvoll begrüßt, an seiner Seite jubelnd empfangen. Neben ihm ist ihre Vollkommenheit die höchste, die äußerste, die außerordentlichste……"

Sehr interessant ist die Sprache, die die Autorin verwendet. Alles wird so gesprochen, erzählt, wie es zu dieser Zeit im 18. Jahrhundert gesprochen, geschrieben, gedacht wurde. >
Hier mal ein Auszug, wo die Sprache deutlich zu lesen ist. Es geht um das Dokument, heute würde man es Ehevertrag nennen:
"….Wir, Friedrich August von Gottes Gnaden König in Polen et cetera sie kann das Dokument auswendig, nach Art der Könige in Frankreich und Dänemark, auch andern Souverainen in Europa als Unsere legitime épouse. Statt Gemahlin dieses Wort, sie hat es akzeptiert, mag sein ein Fehler, sie wollte auch großzügig sein, und sie sah ihn schwitzen wegen Eberhardine. Also épouse, und ohne formelles Beilager, wie es doch üblich ist vor Gott und er Welt. Das ging nicht. Das hätten ihm seine Bischöfe schwer verübelt. Wäre das schön gewesen! Wie ein Stier wäre er über sie gekommen, vor Gott, vor der Welt, vor den Bischöfen, vor den Ministern, vor den Damen des Hofes, vor Flemming. Tödlich langweilig waren solche Beilager im Allgemeinen. Damen und Herren de Hofes standen oben auf der Galerie, und unten im Prunkbett lagen zwei beieinander, die nichts voneinander wollten und nie etwas voreinander gewollt hätten, wenn nicht Kriege und Friedensschlüsse, Kongresse, Landverschuldungen und Verträge wären. Es war ein Getue und Gemache, wenn nötig lag für den königlichen Bräutigam ein hölzernes Glied bereit und für die jungfräuliche Braut ein Fläschchen blutroter Farbe. Über sie wäre er gekommen, noch einmal und noch einmal. Und Flemming hätte ihr den Armleuchter machen müssen. Ein Dutzend aufgesteckte Kerzen im Kandelaber, dass die königliche Liebeslust gut zu sehen gewesen wäre. Sehr schade. Also, derogestalt et cetera, dass Wir in Kraft eines ehelichen Eydes versprechen und halten wollen, dieselbe herzlich zu lieben und beständig treu zu verbleiben. Hört er das? Dahero wollen Wir solches hiermit vor Unserem Geheimten Rath declariren und die mit Unserer geliebten Gräfin von Cosel künftig erzeugenden Kinder männ- und weiblichen Geschlecht vor Unsere rechte natürliche Kinder kraft dieses erkennen. Und nach ihm sollen alle Nachfolgenden in der Kur die Cosel und ihre Kinder als Grafen akzeptieren. Ihr gesamtes Vermögen als auch Pollnitz bleibt in ihrem Besitz. - Diese mit gutem Bedacht aufgesetzte Declaration und Verordnung et cetera Unserem Geheimten Raths Collegio versiegelt überreichet, auch selbige Unserer geliebten Gräfin von Cosel zugestellet und ist Unser Wille und Meinung, dass herbei in künftigen Zeiten fest gehalten werden.."

Es werden nun mehr oder weniger ausführlich die Tage, Monate, Jahre erzählt, die die Cosel auf der Festung erlebte. Als sie dann dort weg muss und in den Turm kommt, ist Augustus schon tot, und sie hat jetzt mehr Freiheit, aber sie ist eine alte, kranke, gebrechliche Frau. Allerdings hat sie in diesen zig Jahren tausende von Büchern gelesen, zahllose Schriften verfasst, chemische und biologische Untersuchungen mit Kräutern usw. durchgeführt und dokumentiert.
Und: sie hat hebräisch gelernt, wie übrigens noch mehr Sprachen, sie hat diese ganzen Jahrzehnte genutzt, gelernt, studiert, gelesen. -
Sie hatte einen genehmigten wöchentlichen Besuch, ein jüdischer junger Mann. Von ihm erfuhr sie einiges, aber mehr er noch von ihr, er studierte ihre Bücher, er las sie, bildete sich fort. -
Sie hatte auch eine Magd, die diese ganzen Jahre mit ihr zunächst in der Festung, dann im Turm war. - Diese Magd war zwar frei, aber doch nicht richtig frei. - Sie war der Cosel zu Diensten, Tag und Nacht. - Diese Magd hatte dann ein Verhältnis mit dem jungen Juden, es gibt eine Tochter. Ansonsten immer wieder: vor ihrer Tür zwei Wachen, vor Betreten ihrer Kammern wird ein großer Balken weg geschoben, bevor ein zuvor untersuchter Besucher zu ihr herein kann.
Diese Geschichte der Cosel wird erzählt bis zu ihrem Tod. Auch hochinteressante Auslegungen über das Judentum gibt es. -
Die Schilderung, was die Juden damals durften, und was nicht, dass sie als Hofjuden und Beschaffer von Gold und Geld herangezogen wurden, um z.b. Königstitel zu kaufen, das Vermögen zu vergrößern usw. - Ansonsten bekamen Juden die größten Hürden, mussten 10-fach so viele Abgaben zahlen, durften nur dort Handel treiben, wo es der jeweilige Graf duldete, und das war immer mit Korruption verbunden. - Frauen aus dem Bürgertum durften sie auf keinen Fall heiraten, auch keinen Kontakt haben.
Juden waren grundsätzlich Freiwild, jeder konnte sie töten, gefangen nehmen, foltern, sie hatten keinerlei Rechte. - Aber: ihre Handwerker schickten die Sachsen nach Amsterdam, damit sie von Juden die Feinheiten lernen sollten, wie mit Gold, Schmuck, und anderen feinen Sachen umgegangen wird……
Vom Hof und König wurden der Cosel sämtliche Besitztümer, große Ländereien, ein riesiges Vermögen, abgenommen. Einfach so enteignet. - - - -
Die Cosel kommt dann in ihrer 50-jährigen Gefangenschaft dem Judentum sehr nahe, beschäftigt sich damit, verleugnet schließlich ihren eigenen christlichen Glauben.

Parallel dazu wird im Buch, immer im Wechsel, also immer ein Kapitel der Cosel, dann der jungen Frau, Masia Bleiberg, die von Deutschland aus ihren jüdischen Vater in der DDR sucht.

Namensgleichheiten kommen da vor. Z.B. gibt es auch bei der Cosel 150 Jahre vorher einen Ritter von Bleiberg, Masia Bleiberg ist die Tochter eines (Max) Moritz Bleiberg. Es sind noch einige, vermutlich von der Autorin so ausgewählte wiederkehrende Namen zu lesen. - Wo allerdings kein Zusammenhang zu erkennen ist zwischen der Geschichte Anfang-Mitte des 18. Jahrhunderts, bis 1999.

Masia begibt sich mit August Kuhl, der einen Film über die Cosel in Dresden drehen will, auf die Reise nach Dresden. Die Geschichte von Masias Mutter wird auch erzählt, und zwar wie sie den Vater von Masia kennengelernt hat, von ihm schwanger wurde, er aber nicht in Hamburg leben wollte, sondern sie bat, mit dem Kind zu ihm nach Dresden zu ziehen.

Masia nun, die ihren Vater schließlich in Dresden findet, erfährt über ihre Eltern, wie es damals kam, dass der Vater sie und ihre Mutter verlassen hat, dass er als Jude in der DDR ein besseres Leben hatte. - Und: er lebte jahrelang im Kibbuz, erzählt Masia sehr viel davon.
Sie fährt schließlich auch nach Israel. Sie kommt ihrer Herkunft sehr nahe. Und: sie kehrt sich auch ab vom Christentum, sie will Jüdin sein.
Hier sind wieder Parallelen zu der Cosel.

Was hochinteressant ist in diesem Buch. Hier werden sehr viele Überlegungen, Tatsachen, Geschehnisse nicht nur über die Juden im Allgemeinen, sondern auch Überlegungen zu DDR-BRD erfahren. Und zwar so ganz anders, als wir das gewöhnt sind. Dazu möchte ich einen Auszug bringen, wo sie sich mit Kuhl unterhält:
"'Das Dilemma zwischen Mann und Frau', sagte August Kuhl, ‚lässt sich sehr schön auf das Verhältnis zwischen Ex-BRD und Ex-DDR übertragen. du hörst, ich sage nicht nur Ex-DDR, sondern gleichfalls Ex-BRD, denn die BRD gibt es auch nicht mehr, sie hat sich notgedrungen durch die DDR verändert, man könnte auch sagen, Westdeutschland sieht sich gegenüber dem blühenden Osten, wie ein alternder Frühstücksdirektor mit Drittgattin. Er ist um die 68 Jahre alt, und an seinem Arm hängt Janina Helle. (Eine Lebedame, Schauspielerin in Dresden). Da hast du Ex-BRD mit Ex-DDR bei der Wiedervereinigung. Das Wort Wiedervereinigung ist natürlich nur ein sentimentaler Schluchzer, es geht um einen Überfall. DDR liegt am Boden und BRD obendrauf. Der Befreier auf der Befreiten. Er über ihr gut genährt und wohlhabend, sie unter ihm mager und gierig. Er hat sie abgewickelt, oder, um im Bild zu bleiben, ausgezogen. Nun muss er sie einkleiden, und immer noch sagt sie, sie habe nichts anzuziehen. Klingt das nicht nach Mätressenwirtschaft?"

Oder eine andere Stelle, wo von Wibke, Masias Mutter, die Rede ist, die von antisemitischen Ausschreitungen schrieb, von Studenten, die auf jüdische Grabsteine ‚Napalm und Schalom' gesprüht hatten.
"Was war daran antisemitisch? Vergifteten die Amerikaner die Vietnamesen nicht mit Gas?........." antwortete (Max) Moritz, oder Maurice, wie er sich später nannte. Und weiter: "……Die alten Nazis lebten in der BRD, und die noch in der DDR gelebt hatten, waren nach Westdeutschland geflohen. Danach hatten sie die Mauer hochgezogen. Versteht ihr? ……Die Kibbuzniks hatten ihn ungläubig angestarrt. Zurück nach Deutschland? Nein, nicht nach Deutschland, sondern in die DDR….."

Was Masia dann in Dresden erlebt, mit August Kuhl, und vielen anderen, auch mit ihrem wieder gefundenen Vater, alles wird ausführlich beschrieben. Und immer werden politische, soziologische Eigenheiten hinzugefügt, die Hintergründe eingeflochten.
Z.b. auch mal eine Unterhaltung, wo er darüber nachdenkt, wie es seinem Vater, einem Juden, ergangen war. Er hatte das große Haus gekauft, war von den Nazis enteignet worden. - "Enteignet die Kapitalisten" - bei den Nazis waren nur die jüdischen gemeint. - Er erzählt auch, wie er in der Semper-Oper damals in er DDR, bei einer Veranstaltung gegen den imperialistischen Aggressor Israel, versucht hatte mit der Delegation aus Israel ins Gespräch zu kommen, völlig vergeblich, "Dresdener Genossen umstanden die Gäste aus Gaza, und er sah, dass sie ihn verachteten, ihn, den Juden. Wenn er Masia davon erzählte, sie würde es gegen die DDR richten, und er wollte sie von dem überzeugen, woran er glaubte. Die kommunistische Idee. Das sozialistische Projekt. Sie hatte sich festgebissen am Jüdischen. Er verstand das. Hier im Nazi-Nachfolgestaat, im Gegenüber zu diesen Deutschen, war es besser jüdisch zu sein. In der DDR nicht. Da war es schlechter. Jüdische Widerstandskämpfer wurden geehrt. Aber nicht als Juden. Für ihren Mut, den sie bewiesen hatten, wurden sie geehrt. Ihr Judentum lehnten sie selbst vehement ab……."

Später kehrt sie nach Hamburg zurück, zusammen mit ihrem Vater, es kommt ein Treffen zustande mit ihrer Mutter, ihrem Vater. Er kehrt dann wieder nach Dresden zurück, wo er als Concierge in einem großen Hotel, arbeitet. - Auch hier wieder ein Zusammenhang, es ist das große bekannte Hotel in Dresden, das früher ein Palast gewesen war, der der Cosel gehört hatte…..

 

 

Die Autorin

"Viola Roggenkamp, 1948 in Hamburg geboren, stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie.

Nach ihrem Studium der Psychologie, Philosophie und Musik reiste und lebte sie mehrere Jahre in verschiedenen Ländern Asiens und in Israel.

Als Schriftstellerin und Publizistin lebt sie heute wieder in Hamburg."

Verlag: Fischer (S.), Frankfurt 2009

Seitenzahl: 432
Deutsch


ISBN-13:9783100660640

ISBN-10: 3100660641

 

 

Klappentext:
"Hamburg, 1999: Zehn Jahre nach der Wende macht sich Masia Bleiberg von Hamburg aus auf die Suche nach ihrem Vater in Ostdeutschland, einem jüdisch-kommunistischen Menschheitsträumer.

In der Hoffnung, ihn in Dresden zu finden, begleitet sie August Kuhl, ihren einzigen Freund, der dort einen Film dreht über die Gräfin Cosel. Einst berühmte Mätresse von August dem Starken, mächtigste Frau an einem der glanzvollsten Höfe des 18. Jahrhunderts, wurde sie verstoßen, auf die Festung Stolpen verbannt und ausgesperrt aus der Welt bis zu ihrem Tod.

In fünfzig Jahren Gefangenschaft wurde die schöne Dame des Hochadels zu einer Gelehrten, sie durchwanderte geistige Freiräume, die sie im Judentum fand - zu ihrer Zeit ein Skandal.

Beide Frauengestalten, die hinter Mauern lebende Gräfin und die deutsch-jüdische Tochter, repräsentieren in Vergangenheit und Gegenwart Lebenszusammenhänge von Eingeschlossenheit und Ausgeschlossenheit."

Meine abschließende Meinung
Wer erwartet, mit diesem Buch einen unterhaltsamen Gesellschaftsroman vorzufinden, wird sich irren.
Er ist viel mehr. Der Roman birgt Geschichte Anfang 18. Jahrhunderts, bis in die heutige Zeit. Viele geschichtliche Hintergründe, die Herrscher, die Kriege, die Zusammenhänge in Europa, wo alles ganz anders war, wo Sachsen ein eigenes Land war, alle anderen Länder auch unter eigenen Fürsten regiert wurden; es gab immer wieder Kriege, es ging immer um Macht, Geld.

Und darin eingebettet dann diese Geschichte dieser Mätresse von August dem Starken, König von Sachsen und Polen. Die sich immer als die eigentliche Königin sah; was sie aufgrund dieses Vertrages eigentlich auch war. Wie übel ihr mitgespielt wurde; auch das lange kein Einzelfall. Mit Frauen oder Menschen egal welchen Geschlechts konnte jeder, der Macht hatte, umgehen wie er wollte. - Er konnte sie enteignen, töten, die Herrscher damals hatten ihre eigenen Gesetze, waren sie nicht genehm, nichts leichter als das, sie wurden geändert.

Aber von diesen ganzen Geschehnissen zu dieser Zeit wurde viel geschrieben, das meiste, oder zumindest sehr viel ist bekannt. - Nur: diese diffizilen Auseinandersetzungen mit Juden - z.b. hier in der damaligen DDR - wie damit umgegangen wurde, aus welchen Gründen usw. - das wurde selten mal zur Sprache gebracht, ja, es wird bis heute verschwiegen.

Diese wirklich sehr ausführlichen Schilderungen dieser 50 Jahre der Gefangenschaft der Cosel sind zwar langwierig, teilweise auch langatmig, aber niemals langweilig! - Viel zu viel ist eingeflochten, ihre Gedanken, ihre Aufzeichnungen, die Welt ihrer Mitmenschen, der Soldaten dort auf der Festung, ihrer Dienstboten, ihrer Besucher usw. - das Leben schlechthin zur damaligen Zeit, das wir uns überhaupt nicht vorstellen können.

Die Autorin versteht es meisterhaft, mit der Verknüpfung dieser beiden Geschichten genau dieses Verschwiegene, Totgeschwiegene, eigentlich nicht Wirkliche, das mit Judentum und der Aufarbeitung zu tun hat, aufzubrechen, uns aufzuzeigen.

Im gesamten ein hochinteressantes, sehr anspruchsvolles Werk, das die Autorin da vorlegt!! Wer sich für Geschichte, Politik, Zusammenhänge Judentum-Kapitalismus-Kommunismus interessiert, wird überrascht sein, aber nicht nur das, sondern wird ein Werk vorfinden, das es wirklich in sich hat. Ich kann das Lesen nur sehr empfehlen!!