Danny Scheinmann
Zähl nicht die Stunden bis zur Ewigkeit

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Meine Zusammenfassung:
Leo und Eleni sind auf einer Reise in Ecuador, ihr Bus hat einen Unfall, Eleni stirbt, Leo erwacht, kann zunächst nicht realisieren, dass seine große Liebe Eleni tot sein soll.
Mit Hilfe der Konsulin bereitet er dann die Überführung der Leiche vor, aber erst nachdem er viele Stunden bei Eleni verbracht hat; sie muss, das ist dort so gesetzlich vorgeschrieben, seziert werden.

Das alles wird beschrieben; seine Gedanken, seine Erinnerungen, die von Tag zu Tag wieder kehren. Nur genau der Unfall, der bleibt noch im Dunkeln…..
Das Begräbnis dann in ihrer Heimat Griechenland, Leo erlebt alles mehrmals, kann sich nicht damit abfinden, dass Eleni tot ist.
Er kehrt nach England zurück, will sein Studium wieder aufnehmen. Besucht seine Eltern. Wie immer ist sein Vater nicht zugänglich, er ist ein sehr schweigsamer, zurückgezogener Charakter; Leo weiß nicht warum, es kam nie zu einem Gespräch.

Bei seinem Studium dann lernt er Roberto kennen, einen Professor mit Charisma. Und trifft auch wieder eine alte Studienkollegin, Hannah.
Die Begegnungen, Vorlesungen Robertos, die Gespräche zwischen ihm und Leo, aber auch viele gesellschaftliche Ereignisse wie Partys usw. werden geschildert, und immer wieder beeindruckt Roberto durch seine philosophischen Betrachtungen und Überzeugungen.

Z.B. diese Stelle: "Leo sieht Roberto verwirrt an. >Verstehen Sie denn nicht, meine Freunde? Wenn Sie ein Teil dieser Einheit sind, was bleibt dann noch, wogegen Sie kämpfen können? Leo unterscheidet sich von einer Ameise lediglich auf die gleiche Weise, wie sich sein Arm von seinem Bein unterscheidet. -wir haben keinen Zweifel daran, dass sein Arm und sein Bein Teil des gleichen Gebildes sind. Ist es denn so schwierig, sich vorzustellen, dass Leo, die Ameise und tatsächlich jeder einzelne von uns Teile eines größeren Ganzen sind? Wir sind wie Figuren in einem Gemälde, die nicht von der Existenz dieses Gemäldes wissen, aber alles, was wir sehen, ist Teil desselben Gemäldes und mit demselben Pinsel gemalt. Jeder von uns ist ein kleiner Teil der Unendlichkeit, und wir werden in dieser oder jener Form ewig leben. Die Quantentheorie beweist, dass die Welt weder fragmentiert noch geteilt ist. < Während Roberto seinen Vortrag über ein holistisches Universum fortsetzte, das auf verborgenen Verbindungen, Chaos und Unschärfe basierte, verspürte Leo allmählich zu etwas wie Erleichterung. Im Universum gab es Teilchen, die niemals starben….."

Bei einer späteren Unterhaltung:
"….und Leo war so verwundbar wie ein Käfer auf dem Rücken. Er suchte nach Antworten auf bedeutende Fragen, und in Roberto erkannte er einen Mann, der bereit war, ihm diese Antworten zu liefern. >Ich habe während deiner Vorlesung viel über Eleni nachgedacht und über die Natur des Todes< sagte Leo und nippte an seinem Kaffee. - < sinnierte Roberto >oder ob sie sich nur in etwas anderes verwandeln? Auf Quantenebene besteht alles und jedes aus winzigen subatomaren Teilchen. Und wenn man sich das Universum als ein Meer zeitloser Elektronen vorstellt, die sich in die Unendlichkeit fortbewegen - was ist dann ein Mensch in diesem Meer?
Ein Mensch ist nur eine wunderschöne Verpackung für Teilchen. Von unserer Umgebung unterscheidet uns nicht viel mehr als Gestalt und Farbe. Und wenn wir sterben, leben unsere kleinen Elektronen weiter und verschmelzen mit Bäumen, Blumen, dem Himmel und den Tieren. Diejenigen, die wir verloren haben, sind für immer bei uns, nur einen Hauch entfernt, in neuer Gestalt und Farbe. Es ist eine Art Leben nach dem Tod. Eleni ist nirgendwo und überall.>"

Während dieser ganzen Schilderungen über Leo wird immer wieder im Wechsel eine andere Szene eingeblendet; ein Mann liegt im Sterben, hat seine drei kleinen Söhne um sich versammelt, und erzählt dem ältesten, die zwei anderen sind noch zu klein, seine Geschichte.
Er nennt seinen Zuhörer liebevoll ‚Fischl' - und so erlebt man seine Geschichte, immer nur kurz unterbrochen von kurzen Befindlichkeitsstörungen. -

Zunächst weiß der Leser nicht, welche Verbindung zu Leo besteht. Und diese Geschichte erzählt von Moritz und beginnt mit der Entstehung seiner ersten Liebe zu Lotti. -
Er kommt zum Militär, der Krieg wütet, er ist in Russland, alles wird genauer geschildert. -

Einen kurzen Ausschnitt habe ich mal ausgewählt:

"Irgendwo in einer warmen Kommandozentrale, Hunderte Kilometer entfernt, tranken eine Handvoll Generäle in großen Zügen Portwein, pafften Zigarren und versanken in ihren Ledersesseln, während sie uns auf einer Landkarte umher schoben, die sie auf ihrem Couchtisch aus Mahagoniholz ausgebreitet hatten. Wie in einer Partie Schach, in der alle Bauern geopfert wurden, um den König zu retten, vernichteten sie kaltblütig Millionen Menschenleben. Gleichzeitig droht den Soldaten in Przemysil, die darauf warteten, dass die Pattsituation an den Karpaten überwunden würde, der Hungertod…."

Moritz wird irgendwann gefangen genommen, und ist sogar froh darüber, bekam er doch in Gefangenschaft wenigstens was zu Essen und ein Dach über dem Kopf. - Moritz hatte während seiner ganzen Zeit täglich an seine Lotti geschrieben. Auch wenn er die Briefe nie abschicken konnte, er bewahrte sie in seinem Rucksack auf, es wurden tausende…..
Und während der Krieg andauerte, dann beendet wurde, aber der Bürgerkrieg in Russland wütete, mittlerweile hatten die Bolschewiken eine Revolution angezettelt, der Zar war zurückgetreten, bzw. seine Familie ermordet worden, befand sich Moritz in Sibirien, weitab von jeder Zivilisation. Eine Flucht war kaum möglich, jeder der das Lager verließ, starb unweigerlich in den Weiten Sibiriens, an Kälte, Hunger, oder auch durch zersplitterte Widerstandsgruppen fand er so gut wie sicher den Tod. - Dennoch machte sich Moritz eines Tages auf, in Richtung Heimat. Ihm schloss sich ein Mitgefangener, Frantz, an, bis dato eigentlich der von ihm am meisten gehasste Mann in diesem Lager.

Und so wird dann die über tausende von Kilometer führende Flucht zunächst, dann Reise, geschildert. -
Die beiden müssen Angriffe von wilden Horden überstehen, laufen mit teilweise erfrorenen Füßen, Moritz muss schließlich seinem mittlerweile zum Freund gewordenen Mitreisenden die Zehen mit der Axt abhacken. Zuletzt ist Moritz alleine, Frantz wurde grausam abgemurkst von einer Gruppe, die alles was nach Offizier oder Adel aussah, abschlachtete. - Moritz war ein adliger Offizier gewesen, aber das wusste Moritz erst seit kurzem. - Moritz konnte sich nach diesem Abschlachten unbemerkt entfernen und konnte seine Reise fortsetzen.

Er lief über den Baikalsee, der war zugefroren, der Frühling war nahe, es war nur noch 20° minus, im Winter waren es 40° minus……. Aber es waren immer noch tausende Kilometer bis nachhause, nach Polen, wo er zu seiner Lotti wollte. Und immer noch schrieb er seine Briefe an sie….. Alles was nur möglich ist an gesundheitlichen Problemen machte Moritz durch, überlebte wie durch ein Wunder aber immer wieder.

Und diese ganzen Schilderungen werden immer im Wechsel mit der Geschichte Leos erzählt…..wo der Leser bis gegen Ende erst eine Verbindung erfährt. -
Und diese Verbindung ist sehr interessant, hilft letztendlich, das Verhältnis zwischen Leo und seinem Vater zu klären, zu normalisieren……. Mehr erzähle ich nicht über diese Sache, das muss selbst gelesen werden und würde zuviel verraten.

 

 

 

Der Autor:
Danny Scheinmann ist Schriftsteller, Schauspieler und Märchenerzähler.

Der studierte Jurist hat am National Theatre und in der English Shakespeare Company gearbeitet und mit dem David Glass Ensemble u.a. Straßenkinder in Kolumbien, Kambodscha, Vietnam und den Philippinen auf die Bühne geholt.

Zur Zeit ist er regelmäßig im Shakespeare's Globe zu sehen.
Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in London.

'Zähl nicht die Stunden bis zur Ewigkeit' ist sein erster Roman, zu dem ihn ein tragischer Verlust in seinem eigenen Leben und die Geschichte seines Großvaters inspiriert haben.

Klappentexte
"Ich werde auf dich warten, verspricht Lotte ihm zum Abschied. Da weiß Moritz noch nicht, dass er 5 Jahre durch die Tundra wird laufen müssen, um Lotte wieder nahe zu sein 5 Jahre, 1825 Tage, und jeder einzelne länger als die Ewigkeit.
Kann eine Liebe das überstehen?

Was der schönste Moment ihres Lebens werden sollte, trennt sie für immer: Eleni, die große Liebe von Leo Deakin, ist tot. In seinem unermesslichen Schmerz sucht Leo nach Spuren ihrer beider Liebe, denn er ist sich sicher: Etwas so Großes und Universales wie die Liebe kann der Tod nicht einfach auslöschen. Um dem Verlust zu begegnen, versenkt Leo sich in die kosmischen Gesetze der Physik und die geheimnisvolle Liebessprache der Tiere. Und er begibt sich auf die Spuren seines Großvaters, der, im 1. Weltkrieg nach Sibirien verschlagen, die größten Entbehrungen auf sich nimmt, um Lotte Steinberg, seine große Liebe wieder zu sehen. Ich trug das Universum in meiner Hand, als Geschenk für Lotte. Es ist vor allem dieser Satz seines Großvaters, der Leos Herz im Innersten berührt. Bis der Kreis sich auf unverhoffte Weise schließt."

 

Buchdaten:
Verlag: Pendo 2008 Seitenzahl: 415
Deutsch
ISBN-13: 9783866121577 ISBN-10: 3866121571

Meine abschließende Meinung
Solche Romane werden leider von viel zu vielen nicht gelesen, alleine schon, weil sie von den Kriegserlebnissen erzählen. Hier geht es um den Krieg 1914/18 - Viele wissen darüber kaum noch was. -

Und grade deshalb ist das Buch so interessant; weil es eine sehr spannende, aber vor allem meisterhaft erzählte Geschichte erzählt, die einiges dieses Krieges aus der Sicht von Soldaten preisgibt. -

Natürlich, jeder Soldat hat eine Liebste daheim. Zumindest aber eine Familie. Und in Sibirien waren viele in Gefangenen- und Arbeitslagern - und viele sind auch zurückgekommen. - Die unzähligen, es sind Millionen, aber nicht, sie sind dort gestorben, auf Deutsch gesagt verreckt……

Aber wenn ich einen Roman lese möchte ich keinen Kriegsbericht, keine strategischen Erklärungen usw. lesen, und genau das passiert in diesem Buch nämlich nicht.

Es ist eine Geschichte voll menschlicher Begegnungen, die sich entwickelt haben, und häufig so, wie es gar nicht zu erwarten gewesen wäre.

Alles was der Großvater von Leo Leos Vater erzählt, bzw. in seinen tausenden von Briefen schreibt, hat nicht den Krieg an sich zum Thema. Sondern was sehr viel spannenderes (ich meine jetzt für den einen Roman zu lesenden wie mich). -

Die vielen Begegnungen, Beschreibungen von Leuten, die er, ob in Sibirien, Polen, Russland oder sonst wo trifft sind hochinteressant.
Und von jedem kann der Leser etwas mitnehmen. - Z.b. wo er zunächst einen Mitgefangenen hat, den er anfangs hasst, der immer nur saublödes Zeug von sich gibt….der schließt sich ihm an, als er in Sibirien das Straflager verlässt; sie werden die besten Freunde nach vielen Wochen.

Natürlich werden auch einige Informationen so nebenbei gegeben, z.B. wie viele verschiedene Völkergruppen es in diesem riesigen Land gab. - Und jede einzelne Gruppierung hatte eigene Ansichten und politische Ambitionen, Zugehörigkeiten usw.

Aber am interessantesten fand ich die Charakterschilderungen von Leuten, denen Moritz auf dieser langen Reise begegnet ist. - Er arbeitete ja zwischendurch auch in einem Bergwerk, fand unter vielen anderen Leuten auch solche, die hoch gebildet waren und ihm auch oft große Hilfe waren, ja sein Leben retteten. -
Auch traf er Frauen, die sich anboten, es gab auch Feste und Feiern, der Wodka floss, aber Moritz wurde nie schwach, bis auf einmal, als er fast mit einer Frau geschlafen hätte, aber mehr als ein Kuss wurde es nicht. Er war betrunken, sie hatte ihn zum Tanzen geholt, sie wurden von ihrem Mann beobachtet, und Moritz wurde schließlich von diesem Mann halb totgeschlagen. - Das war die einzige Versuchung, wo Moritz vielleicht mal hätte schwach werden können.

Oder wie die Strafgefangenen in Sibirien den Sturz des Zar-Regimes erleben, wie sie die Bolschewiken erleben, welcher Irrwitz sich dann entwickelt, Bürgerkrieg an allen Enden…..und überall wo er auf seiner tausende von Kilometern langen Flucht Gegenden durchwandert, gerät er in Bürgerkriege, Gefangennahmen, Gräueltaten, Menschen wurden zu wilden Tieren.

Ganz interessant natürlich, wie beide Geschichten sich gegen Ende des Buchs vereinen.

Und nochmal: Es ist kein Kriegsroman! - Der Krieg, zunächst der 1914/18, dann auch 1939/45, sind zwar Thema, aber nicht Hauptthema, sondern die Menschen und Charaktere.

Und bei der Geschichte von Leo, wo ja Roberto dann eine tragende Rolle spielt, sind es auch die hochinteressanten Theorien der Quantentheorie usw. - - und wie Menschen den Tod eines lieben Mitmenschen verarbeiten können.