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Ich
habe absichtlich nicht eine einzige Rezension über dieses Buch
gelesen. Und formuliere auch den Inhalt frei, d.h. ich greife auf
keinerlei Inhaltsangaben zurück, die zahlreich zu finden wären.
In
Westhofen befand sich ein Gefangenenlager, auch KZ genannt. Westhofen
liegt in der Nähe des Rheins, in der Nähe von Mainz.
Es
sind sieben geköpfte Platanen zu sehen, an jedem Stamm ist
ein waagerechtes Brett angebracht und um die Bedeutung dieser sieben
*Kreuze* geht es, bzw. hauptsächlich dann um das siebte, das
letzte Kreuz.
Es
ist die Geschichte von Georg. Als Mitglied bzw. Anhänger einer
sozialistischen Gruppierung wurde er verhaftet, wie sehr viele damals
aus der linken Ecke. Die Nazis waren an die Macht gekommen und diese
Leute wurden als kriminell eingestuft und eingesperrt, wenn man
ihrer habhaft wurde.
Sieben
Gefangenen gelingt die Flucht, nacheinander werden sie alle wieder
eingefangen, einer meldet sich auch selbst, und schließlich
bleibt noch Georg übrig, der letzte der entflohenen Gefangenen
aus Westhofen.
Es
sind viele Hürden, die Georg zu nehmen hat, nahe am Zusammenbruch,
ohne Essen, Trinken, frierend, ohne Schlafmöglichkeit, immer
auf der Flucht, bis er auch nur mal richtig denken kann, laufen
kann, sich fortbewegen kann, eine Perspektive zu finden für
seine in seinen Augen kaum vorhandene Zukunft, es geht im Moment
nur um eine Zukunft von ein paar Stunden, an mehr kann er gar nicht
denken.
Jetzt
werden zahlreiche Bewohner aus verschiedenen Orten geschildert,
teils in Gedanken von Georg, teils in Gedanken von Franz, einem
Freund aus seiner Jugend, vor seiner Inhaftierung. Wie und warum
so mancher zu den *Braunen* überläuft, SS-Mann oder SA-Mann
wird; es ist ja erst 1933, und die Nachwehen bzw. Erinnerungen an
den ersten Weltkrieg sind noch frisch. Und es gibt mit der Zeit
mehr Braune als Linke, werden die Linken
doch von den *anderen* rigoros verfolgt. Von Judenverfolgung ist
noch wenig zu hören und zu sehen, latent aber schon in den
Gedanken der Braunen vorhanden, natürlich initiiert und forciert
von den *höheren Nazis*.
Es
geht auch um Wandlungen von Ansichten und Einsichten einiger; z.B.
als Georg eine Jacke eines Jungen klaut in einer Scheuer, wird
dieser viel später bei einem Verhör gefragt, ob dieses
seine Jacke sei, als sie als Tauschobjekt wo anders auftaucht, sagt
er: "nein ". - Wohl ahnend oder wissend, dass das dem
Flüchtling eventuell helfen könnte.
Es
werden einige Familien genauer beschrieben, vor allem wie sie denken,
wann sie was denken, einige in fast jeder Familie sind Braune mittlerweile.
Als
schließlich Georg einen alten Freund aufsucht, nach unendlich
vielen Gedankengängen über dessen Zugehörigkeit,
ob dieser noch *der alte* sei, oder ob und warum und vielleicht
der vielleicht doch das Lager gewechselt haben könnte, die
Abwägung, welche Gefahr das für den Freund evtl. wäre,
wenn, und wie dann dieser Freund Kontakte zu den alten Linken aufbauen
könnte. Selbst kann Georg keinen Kontakt aufnehmen, befürchtet
er doch, dass alle Leute die er kennt, bereits observiert werden
- Er braucht aber Hilfe, er hat weder Papiere noch einen Unterschlupf,
er will(muss ja ins Ausland) und so werden unzählige Gedankengänge
für das Für und Wider des jungen Freunds beschrieben,
wie er auf bestimmte Leute kommt; kann er ihnen vertrauen, wie verhielten
sie sich in letzter Zeit? Oder sind das doch die Falschen? An was
kann er das erkennen?? Ob er ein Risiko eingeht? Inwieweit wird
seine eigene Familie hier in Gefahr gebracht und und. und ......
Das
ist einer der interessantesten Teile dieses Buchs. Wie jemand in
höchster Lebensnot Menschen seiner Umwelt einschätzen
kann, an was er das festmacht, wo und wie er erkennen kann, ob sie
vielleicht eine Gefahr sind. Oder ob er sich auf sie verlassen könnte.
Er muss das Risiko eingehen, wenn er auch nur eine minimale Chance
haben will. Und Georg geht das Risiko ein. Er ist der einzige der
entflohenen Gefangenen, der entkommt; durch falsche Papiere und
Vermittlung alter Freunde kann er auf einem Rheinschiff das Land
verlassen.
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Anna Seghers war das einzige Kind des Mainzer Kunsthändlers
Isidor Reiling und seiner Frau Hedwig (geb. Fuld). Die Familie bekannte
sich zum orthodoxen Judentum. Allerdings war das abgegriffenste
Buch in der Familienbibliothek der Reilings die Lutherbibel. Sie
besuchte ab 1907 erst eine Privatschule, dann ab 1910 die Höhere
Mädchenschule in Mainz, das heutige Frauenlob-Gymnasium. Im Ersten
Weltkrieg leistete sie Kriegshilfsdienste. 1920 absolvierte sie
das Abitur. Anschließend studierte sie in Köln und Heidelberg Geschichte,
Kunstgeschichte und Sinologie. 1924 promovierte sie an der Universität
Heidelberg mit einer Dissertation über Jude und Judentum im Werk
Rembrandts. 1925 heiratete sie den ungarischen Soziologen László
Radványi, mit dem sie zwei Kinder bekam. Das Ehepaar zog nach Berlin,
wo 1926 Sohn Peter geboren wurde. Eine ihrer ersten Veröffentlichungen,
die Erzählung Grubetsch, erschien 1927 unter dem Künstlernamen Seghers
(ohne Vornamen), worauf Kritiker einen Mann als Autor vermuteten.
Das Pseudonym Seghers entlieh sie dem von ihr geschätzten niederländischen
Radierer und Maler Hercules Seghers (der Name wurde auch Segers
geschrieben). 1928 wurde Tochter Ruth geboren. In diesem Jahr erschien
auch Seghers erstes Buch Aufstand der Fischer von St. Barbara unter
dem Pseudonym Anna Seghers. Für ihren Erstling wurde ihr auf Vorschlag
von Hans Henny Jahnn noch im selben Jahr der Kleist-Preis verliehen.
Ebenfalls 1928 trat sie der KPD bei und im folgenden Jahr war sie
Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller.
1930 reiste sie erstmals in die Sowjetunion. Nach der Machtübernahme
der Nationalsozialisten wurde Anna Seghers kurzzeitig von der Gestapo
verhaftet; ihre Bücher wurden in Deutschland verboten und verbrannt.
Wenig später konnte sie in die Schweiz fliehen, von wo aus sie sich
nach Paris begab. Im Exil arbeitete sie an Zeitschriften deutscher
Emigranten mit; unter anderem war sie Mitglied der Redaktion der
Neuen Deutschen Blätter. 1935 war sie eine der Gründerinnen des
Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in Paris. Nach dem Beginn
des Zweiten Weltkriegs und dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris
wurde Seghers Mann in Südfrankreich im Lager Le Vernet interniert.
Anna Seghers gelang mit ihren Kindern die Flucht aus dem besetzten
Paris in den von Henri Philippe Pétain regierten Teil Südfrankreichs.
Dort bemühte sie sich in Marseille um die Freilassung ihres Mannes
sowie um Möglichkeiten zur Ausreise. Diese Zeit bildete den Hintergrund
des Romans Transit (erschienen 1944). Im März 1941 gelang es Anna
Seghers, mit ihrer Familie von Marseille aus über Martinique, New
York, Veracruz nach Mexiko-Stadt auszuwandern. Ihr Mann, der sich
inzwischen mit deutschem Namen Johann-Lorenz Schmidt nennt, fand
dort Anstellung, erst an der Arbeiter-Universität, später auch an
der Nationaluniversität. Anna Seghers gründete den antifaschistischen
Heinrich-Heine-Klub, dessen Präsidentin sie wurde. Gemeinsam mit
Ludwig Renn rief sie die Bewegung Freies Deutschland ins Leben und
gab deren gleichnamige Zeitschrift heraus. 1942 erschien ihr wahrscheinlich
berühmtester Roman Das siebte Kreuz – in einer englischen Ausgabe
in den USA – und auf deutsch in Mexiko. Im Juni 1943 erlitt Anna
Seghers bei einem Verkehrsunfall schwere Verletzungen, die einen
langen Krankenhausaufenthalt notwendig machten. 1944 verfilmte Fred
Zinnemann Das siebte Kreuz – der Erfolg von Buch und Film machten
Anna Seghers weltberühmt. 1947 verließ Seghers Mexiko und kehrte
nach Berlin zurück, wo sie anfangs als Mitglied der Sozialistischen
Einheitspartei Deutschlands in West-Berlin lebte. In diesem Jahr
wurde ihr der Büchnerpreis verliehen. 1950 zog sie nach Ost-Berlin.
Sie wurde zum Mitglied des Weltfriedensrates und zum Gründungsmitglied
der Deutschen Akademie der Künste berufen. 1951 erhielt sie den
Nationalpreis der DDR und unternahm eine Reise in die Volksrepublik
China. 1952 wurde sie Präsidentin des Schriftstellerverbandes der
DDR (bis 1978). 1955 zogen Anna Seghers und ihr Mann in die Volkswohlstraße
81 (heute Anna-Seghers-Straße) in Berlin-Adlershof, wo sie bis zu
ihrem Tod wohnten. Heute befindet sich in der Wohnung die Anna-Seghers-Gedenkstätte,
ein Museum zu Leben und Werk der Autorin. Ebenfalls befindet sich
ganz in der Nähe die Anna-Seghers-Oberschule sowie die Anna-Seghers-Bibliothek
in Berlin Hohenschönhausen. Als 1957 Walter Janka, dem Leiter des
Aufbau-Verlages, der ihre Bücher verlegt, wegen angeblicher 'konterrevolutionärer
Verschwörung' der Prozess gemacht wurde, schwieg sie wider besseres
Wissen. Der Versuch, bei Walter Ulbricht im Stillen zu intervenieren,
schlug fehl. Auch beim Ausschluss von Heiner Müller 1961 aus dem
Schriftstellerverband schwieg sie, ebenfalls bei der Ausbürgerung
von Wolf Biermann 1976 und den Ausschlüssen von neun kritischen
Autoren aus dem Schriftstellerverband 1979. 1975 wurde ihr der Kulturpreis
des Weltfriedensrates verliehen sowie die Ehrenbürgerschaft von
(Ost-)Berlin. 1978 trat sie als Präsidentin des Schriftstellerverbandes
zurück und wurde dessen Ehrenpräsidentin. Im selben Jahr starb ihr
Mann. 1981 wurde Anna Seghers die Ehrenbürgerwürde ihrer Geburtsstadt
Mainz verliehen. Sie starb am 1. Juni 1983 und wurde, nach einem
Staatsakt in der Akademie der Künste, auf dem Dorotheenstädtischen
Friedhof in Berlin beigesetzt.
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Ein
kleiner Auszug aus dem Nachwort von Sonja Hilzinger, 1993.
Jetzt sind wir hier, was jetzt geschieht,
geschieht uns - mit diesen Sätzen zieht Anna Seghers
ihre Leser in die atemberaubende Geschichte der Flucht des Häftlings
Georg Heisler hinein, und sie entlässt sie mit den Worten:
Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar
die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen
können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch,
dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.
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und zum Schluss: Solange ihr Roman von der gelungenen Flucht
eines KZ-Häftlings aus Nazi-Deutschland gelesen wird mit aufmerksamem
Blick für Entscheidungssituationen, in denen Menschlichkeit
bewahrt oder preisgegeben wird, wird widerlegt sein, was für
Anna Seghers, als sie im französischen Exil diesen Roman schrieb,
eine furchtbare Erfahrung schien: "ein Niemandsland sollte
gelegt werden zwischen die Generationen, durch das die alten Erfahrungen
nicht mehr dringen könnten".
Es
ist ein ungemein fesselndes Buch, besticht nicht nur durch die Erzählkunst
der Seghers, sonderen ebenso durch ihr Hineinversetzenkönnen
in jeden Einzelnen, die möglichen Gedankengänge zu beschreiben,
und nicht zuletzt das Formulieren der eigentlich unbeschreiblichen
Begebenheiten, sei es jetzt im KZ oder auch in einzelnen Haushalten,
Familien usw.
Auch
wenn das Buch schon in den Jahren zwischen 1937 und 1939 während
ihres Exils in Frankreich entstand, ist die Aussage noch genauso
gültig, auch heute noch und für alle Zukunft.
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