Anita Shreve
Der einzige Kuss

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Meine Zusammenfassung
Honora und Sexton, grade frisch verheiratet, betreten ihr Haus. Es ist ein heruntergekommenes, älteres Haus. Es ist fast nichts da, keine Möbel, in der Küche ein Wasserhahn, wo kein Wasser rauskommt, ein großes Wohnzimmer, auch ohne Möbel, bzw. ein altes Klavier steht drin, und es hat über die ganze Seite große Fenster, die raus auf die Veranda gehen, der Blick geht aufs Meer. Im oberen Stockwerk einige kleinere Zimmer und auch ein größeres, wo nur eine alte stinkende Matratze auf dem Boden liegt. - Sie holen dann ihr Gepäck, machen sich irgendwie ihr Bett, essen ihr mitgebrachtes Essen, Geschirr und Besteck gibt's nicht, sie kommen aber zurecht….. und legen sich dann schlafen, zum ersten Mal, es ist ihre Hochzeitsnacht.

Ich verkürze jetzt, sonst würde das zuviel Text geben. In einem Kramladen kaufen sie alles was sie brauchen, es ist 1929, Honora macht ihr Haus nach und nach wohnlich, ja sogar recht gemütlich mit der Zeit. Sexton ist Handelsvertreter für Büromaschinen. Er fährt morgens weg mit seinem Auto, sein ganzer Stolz, kommt aber oft erst nach paar Tagen wieder nachhause, wo Honora ihn immer mit einem sauberen Haus, schön zubereitetem Essen erwartet.

Gleichzeitig in mehreren Strängen laufen jetzt die Geschichten von mehreren Personen ab; da sind z.b. einige reiche Leute, Sommergäste, die im nahen Hotel wohnen, über Sommer. Es gibt aber auch einige große Villen, die auch nur über Sommer bewohnt werden. -

Eine der reichen Frauen, die zunächst im Hotel wohnen, ist Vivian. Sie freundet sich mit einem Mann an, den sie dort trifft, und zieht zu ihm in seine Villa am Meer. Dann ist da Alphonse, ein 11jähriger Junge, der in der nahen Stadt in einer Fabrik arbeitet, dort werden Stoffe gewebt usw. - eine Schule kann er nicht besuchen; seine Mutter ist nachts weg, arbeitet Nachtschicht in dieser Fabrik. Sie müssen dort arbeiten, um das Nötigste zum Leben zu haben; sie bewohnen eine Wohnung in einem dieser Wohnbauten die zur Fabrik gehören, primitiv und schmutzig. Die Familie gehört zu den ‚Frankos', ist also französischer Herkunft. Da ist McDermott, ein junger Mann irischer Herkunft, auch er arbeitet in der Fabrik, sorgt für seine elternlosen Geschwister; er ist fast taub. Das sind die Figuren dieser ganzen Geschichte. Es sind sehr unterschiedliche Menschen, nicht nur was ihre Herkunft betrifft (Frankreich, Italien, Irland, Amerika), sondern auch aus verschiedenen Schichten.

Die Ärmsten sind die Fabrikarbeiter und ihre Familien. Sie erhalten Niedrigstlöhne, und in einer Familie müssen auch die Kinder mit arbeiten. D.h. anstatt Schule ist die Fabrik ihr Alltag. Im Gegensatz dazu sind dann die Leute in diesem Hotel, sehr reich, mit chromblitzenden Autos, die Feste feiern und wo der Champagner in Strömen fließt. Und eben einige Leute, denen die Villen am Meer gehören.

Dazwischen sind Honora und ihr Mann Sexton angesiedelt. Sie haben viel weniger als die Reichen, aber etwas mehr als die ganz Armen. Das mal zur interessanten sehr unterschiedlichen soziologischen Zugehörigkeit der Protagonisten.

Es kommt aber noch eine Gruppierung dazu, und zwar an der Spitze ein aus Italien stammender, linker, Gewerkschaftsmann, der im Land umher reist, und die Fabrikarbeiter dazu bringen will, zu streiken, vor allem wegen ihrer Niedriglöhne, aber auch, weil grade bekannt gegeben wird, dass alle Löhne gekürzt werden. Angeblich wegen der Konkurrenzfähigkeit mit anderen Fabriken im Süden des Landes. Er hat eine Gruppe um sich geschart, die sich geheim in einer Wohnung eines Arbeiters treffen. Dazu gehört auch McDermott. - McDermott hat inzwischen Freundschaft mit dem kleinen Alphonso geschlossen. Er nimmt ihn mit zum Angeln, gibt ihm auch zu Essen, Alphonso ist glücklich mit seinem neuen großen Freund, der zwar schlecht hört, aber das macht ihm gar nichts aus. McDermott muss eben immer ins Gesicht des Sprechenden sehen, um zu verstehen, was gesagt wird.

Mittlerweile bahnen sich Verbindungen der Protagonisten untereinander an. Die wichtigste wird die von Honora zu Vivian werden.

Da beginnt die Wirtschaftskrise so richtig durchzubrechen, die ersten der ganz Reichen fahren Verluste ein, eine Bank nach der anderen schließt, ist bankrott, vergebene Kredite werden plötzlich gekündigt; es werden Häuser versteigert. -

Aber auch Sexton wird gebeutelt; auch er bekommt die Hypothek gekündigt, bekommt sein Auto abgenommen, und verliert auch noch seine Arbeitsstelle. - - Sein Charakter ist sehr undurchsichtig, er ist nie ehrlich gegenüber seiner Frau, wird mit seiner geschwächten Situation nicht fertig; muss dann schließlich auch in der Fabrik arbeiten. Honora ist die Starke in dieser Situation, bekommt es aber nicht gedankt von ihrem Mann, ganz im Gegenteil, er zieht sich von ihr zurück. Ihre Ehe ist am Zerbrechen.

Die Situation ändert sich schlagartig, als Sexton in Kontakt mit den Gewerkschaftern kommt. Er hat in seinem Haus zwei Maschinen aus seinem Job versteckt, vor der Versteigerung gerettet, und genau mit diesen Maschinen beginnt jetzt der Kampf der Gewerkschaften. Dazu kommt dann der Streik; zunächst gewaltlos, aber die Polizei, aber vor allem auch vermummte Gestalten, halten die Streikenden und Streikposten in Schach. -

Sextons und Honoras Haus wird nun zur geheimen Zentrale der Gewerkschaftsbewegung; aber nicht nur das, sondern auch die Verbindung von Honora zu Vivian wirkt sich jetzt aus. -
Und da ist auch McDermott, mit Alphonso und noch viele Nebenfiguren.

Die ganze Geschichte, wie sie weiter geht, wie sie endet, aber insbesondere wie sie sich auf die Menschen auswirkt, hier insbesondere Sexton und Honora, aber auch Vivian, und McDermott.

Es gibt Tote, große Veränderungen, ein alle Menschen betreffendes Geschehen…… Soweit zur Geschichte, bzw. die groben Umrisse.

 

 

mal wieder ein Buch, wo der Titel und Cover total daneben sind. Erweckt Cover den Eindruck, es handle sich um eine Frau, die sich irgendwie anbietet, ist der Titel noch unpassender. Um einen Kuss geht es nicht!!

Buchdaten
Gebundene Ausgabe:
346 Seiten
Verlag: Piper;
Auflage: 1 (2003)
Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3492044670
ISBN-13: 978-3492044677

Klappentext:
"Bis zum Ende des Strands fährt der chromblitzende Buick, bis zu der einsam gelegenen Villa mit der verwitterten Holzveranda und den hohen, weißgerahmten Fenstern. Eine junge Frau in mandarinfarbenem Kostüm und Strohhut steigt aus, an ihrer Seite ein Mann mit gebräunten Armen unter dem aufgekrempelten weißen Hemd: der Mann, den sie gerade geheiratet hat. Hier, an den Klippen Neuenglands, wollen Honora und Sexton ihr Leben einrichten. Doch der Börsenkrach von 1929 bereitet ihrer Idylle ein jähes Ende: Sexton verliert nicht nur seine Arbeit, sondern auch, unaufhaltsam, den Respekt seiner Frau. Sie erkennt, auf welch brüchigem Fundament ihr Wohlstand und ihre Liebe gebaut waren. Erst McDermott, ein Textilarbeiter und Streikorganisator in der nahen Fabrik von Ely Falls, in der schließlich auch Sexton unterkommt, lässt Honora ahnen, wie eng Aufrichtigkeit und Charakterstärke mit der Fähigkeit zu großen Gefühlen zusammenhängen. Ein Drama der verbotenen Leidenschaft nimmt seinen fatalen Lauf ..."

Meine abschließende Meinung
Sehr interessant wird hier geschildert, wie in dieser Gegend von Amerika die Wirtschafts- und Bankenkrise 1929/30 erlebt wird; was geschieht, wie es den Menschen überhaupt geht, die Zusammenhänge, die Entwicklung der Personen, ihre Reaktionen, Entwicklungen, vor allem aber der Beginn der gewerkschaftlichen Aktivitäten, die in dieser Situation ausgeweitet wurden.

Die Schilderung über dieses Haus von Sexton und Honora sind - wie immer bei der Autorin - wichtiger - wenn auch im Hintergrund - Hauptbestandteil.

Aber nicht nur das, sondern auch die Umgebung, die Landschaft, das Meer, der Umgang damit. Auch das Haus der reichen Vivian wird natürlich beschrieben; oben auf der Klippe, herrschaftliches Gebäude mit Bediensteten. -

Und, nicht zuletzt die Entwicklung dieser Vivian. - War sie mit ihrem Freund zunächst in sein Haus gezogen, gehörte er zu den ersten, die ihr Vermögen verloren haben, und er muss die Villa verkaufen, bietet sie Vivian an, sie kauft sie; aber er kann das nicht verkraften, ihre Beziehung ist zu Ende.
Vivian lebt fortan mit einem Hund, der ihr irgendwo zugelaufen ist.
Und: sie sucht den Kontakt zu Honora…

Im Gesamten ist das ein Buch, das sehr angenehm zu lesen ist. Es ist zwar auch von Liebe die Rede, aber nur am Rande, ist keineswegs Hauptthema, und schon gar nicht ein Kuss.

Die Autorin schreibt für Frauen. Das bemerkt frau, alleine daran wie sie beschreibt, wie eine Frau eine Wohnung, ein Haus bewohnbar machen kann, wie sie mit ganz wenig ihre Leute ernähren kann, wie sie in der Lage ist, auch in schlimmsten Situationen zu überleben, nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Familie. -

Helfen ist ohnehin ein nicht nur ein Wort, das häufig benutzt wird. Sei es Honora, McDermott, Vivian, alle sind Helfende…..

Die Schilderung der Charaktere ist auch interessant. Da gibt es Machos, da gibt's Hehre, da gibt's Hilfsbereite und liebevolle, aber auch sehr Schwache.

Mit vielen Einblendungen über Verwandte, ihre Wohnorte, z.b. Halifax, wo seinerzeit das große Unglück geschehen war (Explosion eines Tankers im Hafen) - Einiges auch über Gründe, warum diese Leute in Fabriken arbeiten müssen, weil sie z.b. ihre Farmen nicht mehr halten konnten.
Oder wie sie aus Irland und anderen Ländern in USA landeten.

Alles in allem ein sehr interessanter, aber vor allem auch spannender, leicht zu lesender Roman.

Und was der Autorin immer wieder unglaublich gut gelingt, den Leser mitzunehmen in ihre Beschreibung der Umgebung. Als Leser fühlt frau sich mittendrin, sieht es geradezu. Dazu gehört z.b. auch, dass sie ‚Meerglas' sammelt. - Das sind Reststücke, bzw. Scherben von irgendwelchen Glasprodukten, die irgendwie ins Meer kamen, an den Strand gespült wurden, und durch Wasser und Sand glatt abgeschliffen wurden, in allen möglichen Farben. - Honora sammelt sie, ist immer wieder begeistert vom Anblick, breitet sie zuhause auf einer weißen Platte aus und guckt sie immer wieder an. Es sind ihre Schätze.