Cornelia Travnicek - Fütter mich -

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Inhalt:

Wo wir sind
Im Baum die Elster
Eklipse
Ouroboros
Alere - Fütter mich
Marasmus
Vulpes vulpes
Secundum
Haec Orthos Orexi
Der Riss im Morgen
Wer wir sind

In der ersten Geschichte 'Wo wir sind' kann der Leser erraten, um was es geht. Ich denke, es geht um eine Frau, die einen Selbstmordversuch hinter sich hat. - - - - Ihre Gedanken, Rückblicke. Mag sein dass ich das falsch verstand, aber ich sah es eben so.

In der zweiten Geschichte ‚Im Baum die Elster' ist dann eine junge Frau, die ihren alten Vater im Heim zu betreuen hat, aber auch ihren kleinen Bruder, ein autistisches Kind, das alles ‚frisst' - - Einige Schilderungen, auch wieder in diesen markanten, mageren Sätzen geschildert, machen betroffen.

In ‚Eklipse' eine junge Frau, die vereinsamt in ihrer Wohnung sitzt und die Schritte über und unter und neben ihr zählt. Die sich pausenlos auf die Waage stellt, und um einige Gramm zu reduzieren, sich alle Haare rasiert, zum Schluss auch die auf dem Kopf, die so wenig isst, dass sie eigentlich langsam verhungert.

In ‚Ouroboros' überlegt ein Mann, was der Mensch alles von sich selbst frisst. ‚Autokannibalismus' spricht er aus, vor sich hin, im Bus. Kaum einer beachtet ihn, nur ein Mädchen schaut ihn seltsam an…..er zieht den Schleim in seiner Nase lautstark hoch - - - .

In ‚Alere fütter mich' findet was ganz makaberes statt. Da hat sich ein Mann eine Frau ausgesucht, die er mästet. Und das alles auf einer Videokamera festhält, und ins Netz stellt……..
Diese Geschichte geht bis zum bitteren Ende. - -

In ‚Marasmus' ist eine Frau schwanger, frisst saure Gurken, spricht mit ihrem Bauch, ignoriert den Kindsvater, gibt ihm als Antwort nur ‚Marasmus' - er: oh das klingt afrikanisch - - - - . - Zum Schluss ist er weg. - - -

In ‚Vulpes vulpes' steht die Frau an einem Grab. Letzter Satz: "Epidermis". Erschaure. Schüttle seine Finger von mir. Sein fliehendes Kinn. Ich klopfe mit meinen Knöcheln gegen meinen Brustkorb, es klingt hohl. Mea culpa, Mea culpa, Mea culpa, Mea Maxima culpa. Was ich liebte, was nicht. Wie es nicht reichte. Diese Bruchteile einer Person. Der Rest von ihm. Meine Stückliebe."

In ‚Secundum Haec': scheint es um imaginäres Fressen und Kotzen zu gehen.
Auszug: "- - - - - er war auf ihr gelegen, und hatte seine Hände in ihrem Fleisch vergraben, die Nase an ihren Hals gepresst und seine Schulter hatte ihr fast den Atem genommen. Immer wieder war das Wort ‚Besteigen' in ihren Gedanken aufgeleuchtet, sie hatte es nicht loswerden können." - - - -
und andere Stelle: "- - - am Nachhauseweg beobachtete sie ihr Spiegelbild, das über die Schaufenster der Einkaufsstraße lief. Gläserne Halbreflexionen, schimmerns und verzerrt. Wenn sie stehen blieb, dann legte sich ihr Bild transparent über die Figuren der Schaufensterpuppen. Sie betrachtete ihren überstehenden Rand." - - - -
"Dass sie aufgestanden war, war danach gewesen, genau danach, weil sie das Schnarchen nicht mehr ertragen konnte. Seine warmfeuchte Atemluft, die auf ihr Gesicht traf. Das Bild von beschlagenen Fensterscheiben. Sein Eigengeruch." - - - -
andere Stelle: "Und ihre Freundin würde wieder sagen: ‚Aber du isst doch wirklich nicht zu viel' - - -- und sie würde wieder schreien wollen. Nicht wirklich, aber manchmal, manchmal da schon? - - - ‚Zu viel!! Einfach zuviel! Solange bis es ansteht, bis es mir fast wieder hochkommt, die ganze Scheiße!' würde sie brüllen wollen, aber sie würde es nicht tun. ‚Es ist zum Kotzen' würde sie schreien mögen, aber sie würde es nicht tun, weder das eine, noch das andere."

In ‚Orthos Orexi' ist wieder eine Frau, die sich auf die Waage stellt, und ihre ganz Hässlichkeit sieht. In den 2kg zuviel, die eine Bikinifigur ausmachen würde. - endet so: " - - - -Ich gehe weiter nach rechts, der Strömung entgegen, die hier einen kleinen Wirbel macht und stärker wird. Im kniehohen Wasser setze ich mich hin. Fast reißt mich die Strömung um. Ich stütze die Hände auf den Boden. Ich muss an den Fisch denken und daran, dass die Strömung hier alles vorbei trägt Wie ich mich hinlegen würde. Wie angenehm kalt und still das Wasser wäre. Wie ein ganzer Fluss über mich hinwegführen würde. Und wie der tote Fisch über mir erscheinen würde, Rückenflosse nach unten."

In ‚der Riss am Morgen' beginnt die Geschichte so: "Jetzt kriechen sie wieder aus ihren Löchern, die Besserwisser und die Moralprediger. Auf einmal ist alles von vornherein klar gewesen und jeder weiß einen Grund. Das Fernsehen, die Videospiele, fehlende Liebe und alles das. Sie blasen sich auf, bis ihre überfressenen Bäuche platzen und sich der schleimige Inhalt über die Nation verteilt. Sie verstecken sich hinter ihren Analysen vor der eigenen Hilflosigkeit und klammern sich jämmerlich an das Wort Prävention. Scheiße, alles das." und weiter: "Ich hielt ihr die Waffe mit meiner linken Hand an den Kopf. Ihr Haar streifte den Boden und Nässe breitete sich zwischen ihren Beinen aus, ich drehe mich weg und starrte auf die Tafel. . . . . "
Ein Attentäter schreibt seine Erlebnisse. Makaber. Nicht uninteressant. Und endet so: "Als mein Körper dem Boden entgegen fiel, nicht zwei Meter geradeaus, dafür aber über vier nach unten, da habe ich gelächelt. Und als ich endlich aufschlug, da war die Welt erschüttert."

Die letzte Erzählung ‚Wer wir sind. Eine Annäherung' versucht irgendwie ein Fazit zu ziehen, denke ich mal.
Die Protagonistin erzählt von ihren Urgroßmüttern, erdachte und reale, was sie erzählten, erzählen, was sie sich dabei denkt. Etwas Lapidares greife ich mal heraus: "Das Schlimmste daran, sagt meine Urgroßmutter, ist des Wiener Schnitzel, das Schlimmste am Altwerden ist das falsche Gebiss, unter das immer die Krümel von der harten Panier kommen, sodass man ganz wund wird beim Beißen."
und endet so: "………..ich habe die Hände über meinem Bauch verschränkt. Meine eine Urgroßmutter ist eine kleine Frau. Meine andere hat keinen Namen. Das Problem an früher ist immer noch, dass ich da kleiner war. Ich denke ein letztes Mal an das Gebiss vom Fellner Franzi, an russische Besatzungssoldaten mit eisblauen Augen, die nie wiederkamen, und an die zu viele tote Hühner.

Und daran. wer wir sind: Und warum niemand außer uns das jemals weiß."

 

 

 

Cornelia Travnicek, geb. 1987 in St. Pölten, lebt in Traismauer und Wien.

Studium der Sinologie und der Informatik an der Universität Wien.

Mehrere Preise, Auszeichnungen und Stipendien, darunter das Hans-Weigel-Literaturstipendium (2007), der Theodor-Körner-Förderpreis und die Autorenprämie des BMUKK (2008)

Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.

 

 

 

 

 

Buchdaten:
erschienen bei Skarabaeus Verlag Innsbruck-Bozen-Wien in der Studienverlag Ges.m.b.H. Innsbruck.

Seiten: 116

ISBN: 978-3-7082-3272-0

Preis: 14,90 Euro

Ernster Inhalt, makaber, sarkastisch in Worte gefasst; in meist sehr kurzen Sätzen, in einem österreichisch gefärbten Deutsch.

Es heißt u.a. nicht ' auf dem Sofa' sondern 'am Sofa', usw. - Und ist in meiner Inhaltsbeschreibung auch zu sehen.

Alle Themen sind sehr ernst, nur in dieser Weise aufgearbeitet, habe ich das noch nie gelesen. Alle Erzählungen sind interessant, und können die Leser einzeln lesen, ein Bezug zwischen allen elf ist zwar da, wenn man alle Erzählungen gelesen hat, aber vor allem im Stil zu finden. Und an einigen Gedanken; die Protagonisten haben alle etwas Ähnliches.

Insgesamt ein ungewöhnliches Büchlein, aber dennoch interessant, vor allem für Leser die auch mal ein Experiment wagen bei der Auswahl eines Buchs, oder wie in diesem Fall, zum Werk einer sehr jungen Autorin greifen.

Die Autorin spricht nirgends eine Meinung aus, sondern impliziert sie gekonnt in ihre Erzählungen. Z.B. der Schlankheitswahn ist ein Thema, oder Fresssucht.
Der Umgang damit, wie die Medien es tun, aber vor allem auch die Menschen und ihre Mitmenschen.

Sie hat das alles sehr kritisch beobachtet, ihre Gedanken dazu aber nie direkt dazu, sondern in eine Erzählung verpackt, wo der Leser dann selbst seinen Schluss ziehen kann/muss.