Jan Costin Wagner

wagner_nachtfahrt

Klappentext:

"Ein junger, freundlich lächelnder Mann steigt in einem Hotel in einem noblen französischen Badeort ab. Er soll die Biographie des alternden Schauspielerstar Fraikin schreiben, der ihn seit Stunden in seiner nahe gelegenen Villa erwartet. Doch Mark Cramer hat es nicht eilig; mit provozierender Ruhe genießt er die wärmenden Sonnenstrahlen am Strand, bevor er am Abend bei einem Besuch im Casino seit letztes Geld am Roulettetisch riskiert - und ohne erkennbare Regung ein Vermögen gewinnt.
Mark Cramer ist gelangweilt - von sich, von seinem Leben, von seinem Auftraggeber. Mit seismographischer Genauigkeit registriert er von der ersten Begegnung an die Schwächen und Eitelkeiten Fraikins, lotet mit punktgenauem psychologischem Spürsinn die Brüche und Verwerfung von dessen Charakter und Leben aus. Mit kaltem Zynismus protokolliert er den Niedergang des Schauspielers und führt ihn mit der Emotionslosigkeit eines Experimentators zu seinem folgerichtigen Ende."

erster Auszug:
"Mittags komme ich an am Ende der Welt. Ich miete mich ein in einem Hotel, sehe durch das Fenster meines Zimmers einen dunkelblauen Streifen des Ozeans hinter der goldenen Sanddüne, auf der Urlauber einen Ball hin- und herwerfen. Ich lege mich auf das schmale Bett, schließe die Augen und amüsiere mich mit dem Gedanken, Fraikin warten zu lassen, Fraikin, der mich erwartet mit wachsender Ungeduld, um mir seine Geschichten zu erzählen, endlich wieder einer, der sich dafür interessiert, interessieren muss, endlich einer, der an seinen Lippen hängen wird, ja, noch eine Anekdote und noch eine von den vielen, die Fraikin zu erzählen hat. Fraikin, der plant, die Nachwelt mit seinem ereignisreichen Leben zu langweilen. So stelle ich mir Fraikin vor, den ich nicht kenne, Fraikin, der mich beauftragt hat, seine Biographie zu schreiben. - - - -"

zweiter Auszug:
"Ich gehe langsam weiter, die Düne hinab, - - -. Ich stehe frontal gegen den Wind, spüre das kalte Wasser an meinen Oberschenkeln und denke, dass ich Geschichten schreiben könnte über die Tankstellenkassiererin mit den starren Augen, leer, blau, die an mir vorbeisah, als ich ihr den 200-Francs-Schein reichte zwischen Orleans und Bordeaux. Oder über den Fahrer des weißen PKW, deutsches Kennzeichen, der schlief, tief, träumte, auf dem Fahrersitz, im trüben Schein der Parkplatzlampe. Den ich aus seinem Fahrzeug hätte locken und erdrosseln können, nachts um drei Uhr, wenn ich nicht selber müde gewesen wäre und eine kurze Pause benötigt hätte. Den ich hätte ermorden können, ohne jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden. Ich schenkte ihm das Leben.. - - - - "

Diese Zitate erscheinen mir sehr wichtig, um zu vermitteln, welchen Stil der Autor benutzt, was er seinen Protagonisten denken und tun lässt. -

Meine Zusammenfassung
Cramer kommt an, nachdem er die Nacht durchgefahren war. Er checkt im Hotel ein, und geht zuerst mal an den Strand. Er hat zwar eine Verabredung mit Fraikin, dem alternden Filmstar, aber ist ihm total egal. Als ihn im Hotel ein anderer anspricht, ob er mit ihm ins Casino fährt, tut er das, und er setzt dort alles was er hat, und gewinnt eine Riesensumme. - Er gibt großzügig seinem Begleiter was, und sie fahren wieder ins Hotel zurück.
Am nächsten Tag geht er dann endlich zu seiner Verabredung, Fraikin erwartet ihn bereits ungeduldig, und seine junge schöne Frau fällt Cramer sofort auf.
Cramer hört nun mit einem halben Ohr den Ausführungen Cramers zu, die ihn grausam langweilen. Freunde kommen in die Villa, es wird gefeiert, Cramer flirtet mit der sehr jungen und schönen Frau von Fraikin.

Und so nach und nach, zunächst kaum bemerkbar, erfährt der Leser durch die Schilderung der Gedankengänge Cramers, was dieser plant.
Es ist ein ausgeklügelter, minutiös festgelegter Plan, den er ausheckt, und kein einziges Geschehen wird ausgelassen, alles wird benutzt, eingeflochten, bedacht. Auch seine Beziehung zur jungen Frau von Fraikin ist Kalkül. Ebenso auch das Benutzen des einen Freundes, der schließlich alle, außer ihm und Fraikin, dazu bringen soll, das Haus für eine gewisse Zeit, also einige Stunden, zu verlassen. Und immer wieder das Gespräch über den Freund in Deutschland, der ermordet worden war, einen Tag vor Ankunft Cramers - - - - .

Eine total verrückte, grausige Geschichte, in diesen nur rund 200 Seiten.
Auffallend noch zur Gestaltung: Jedes Kapitel beginnt in der unteren Hälfte des Blattes, die obere Hälfte ist einfach nur schwarz.

 

 

 

"Jan Costin Wagner, 1972 in Langen bei Frankfurt am Main geboren, studierte Germanistik und Geschichte. Sein Romandebüt, "Nachtfahrt", wurde 2002 als bester Kriminalroman des Jahres mit dem "Marlowe-Preis" ausgezeichnet. Mit "Eismond" und der Figur des Inspektors Kimmo Joentaa schrieb sich Jan Costin Wagner in die Herzen vieler Leser und Kritiker. Soeben ist bei Eichborn Berlin sein drittes Buch, "Schattentag", erschienen, das Presse und Lesepublikum erneut mit Begeisterung aufgenommen haben und das bei Goldmann als Taschenbuch in Vorbereitung ist. Der Autor lebt mit seiner Familie abwechselnd in der Nähe von Frankfurt am Main und in Finnland, der Heimat seiner Frau."
(dem Klappentext entnommen)

Daten zum Buch: ISBN-10: 3-8218-0700-8 EAN: 9783821807003 Einband: gebunden Auflage: 2 Erschienen bei: Eichborn Seitenzahl: 220

Veröffentlichungen:

"Bei Eichborn Berlin erschien 2002 sein Debütroman Nachtfahrt, eine Verfilmung des Buches ist in Arbeit. Sein zweiter Roman Eismond (2003) brachte den internationalen Durchbruch. Im Herbst 2005 erschien sein dritter Roman Schattentag, im Juli 2007 sein vierter Roman Das Schweigen, der momentan fürs Kino verfilmt wird. Sein neuer Roman Im Winter der Löwen - der dritte Fall von Kimmo Joentaa - erscheint im Februar 2009."

Preise und Auszeichnungen: 2001 Marlowe-Preis für den besten Kriminalroman für sein Debüt Nachtfahrt

2003 Aufenthaltsstipendium des Berliner Senats im Literarischen Colloquium Berlin für Eismond

2004 Förderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft

2007 Deutscher Krimipreis; Kulturnews -Award Bestes Buch des Jahres (Platz 5) für Das Schweigen

2007 Nominierung für den Prix Coeur Noir für die französische Ausgabe von Eismond

2008 Nominierung für den Los Angeles Times Book Prize für die amerikanische Ausgabe von Eismond

2008 Deutscher Krimipreis für Das Schweigen

2008 Nominierung für den Glauser-Preis für Das Schweigen

 

Ein sehr spannendes, aber auch ungewöhnliches Buch.

Der Beginn mutet noch ganz normal an, es kommt einfach ein junger Mann in Südfrankreich an, der die Biographie eines alternden Filmstars schreiben soll. Auch der Besuch des Spielcasinos ist noch relativ normal, wenn man mal davon absieht, dass Cramer cool einfach sein ganzes Geld setzt, kaum interessiert erscheint, ob er gewinnt oder nicht, alle Außenstehenden aber ihn verwundert umgeben.
Und er dann auch wieder vollkommen unberührt seinen Gewinn einstreicht und das Casino verlässt.

Die Beschreibung des psychisch total abnormalen Protagonisten Cramer gelingt dem Autor hervorragend. In sehr kleinen, zunächst kaum bemerkbaren Schritten schraubt der Autor nach und nach die Agitationen, Gedanken Cramers in die Richtung, die er beabsichtigt hat.

Dunkel, hintergründig, teuflisch spricht der Autor dem Protagonisten nicht nur einfach kriminelle Energie zu, sondern lässt seine ganze Psyche in seine Planung, seine Handlungen einfließen.

Dem Autor gelingt es mit diesem Buch, sehr viel auf wenigen Seiten (rund 200) auszudrücken.