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Die Stille ist ein Geräusch - Eine Fahrt durch Bosnien
Meine Zusammenfassung:
Im Sommer 2001
fährt sie nach Bosnien, bei der Planung schon halten sie die meisten
Bekannten und Freunde für –gelinde ausgedrückt – für verrückt oder
so.
Sie bucht ihre
Reise, ordert auch dort an manchen Orten einen Leihwagen, und macht
sich auf die Reise, sie nimmt ihren Hund mit. Sie will einfach dieses
Land sehen und sehen, ob man nach Bosnien-Herzegowina fahren kann
und möchte dort ihren Urlaub verbringen. Keinen Erholungsurlaub
wie die meisten Leute, nein, Juli Zeh verbindet damit natürlich
eine Reise, wo sie das Land nach dem Krieg, die Leute, die Landschaften,
einfach alles sehen will.
Sie beschreibt
nun ihre Reise, über Malibor, Zagreb, Sarajewo, und viele andere
Orte, u.a. auch ein Ort, der „Panik“ heißt. Sie beschreibt die „Teilung“
Bosniens. Serbischer Teil: Republika Srpska, der andere Teil: gemischt
muslimisch-kroatisch, die Konföderation.
Sie nimmt Kontakt auf zu SFOR auf. (Zitat
aus Wikipedia: „Die Stabilisation Force (SFOR, dt. Stabilisierungsstreitkräfte),
war die NATO-Schutztruppe für Bosnien und Herzegowina. Durch die
Resolution 1088 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen vom
12. Dezember 1996 wurde das Mandat der bisherigen Peace Implementation
Forces (IFOR) auf die SFOR zunächst für 18 Monate übertragen und
später mehrmals verlängert. Der SFOR-Einsatz erfolgte auf der Grundlage
des Dayton-Vertrags von 1995. 1998 gab es den Plan die SFOR in DFOR
Deterrence Force umzubenennen, und ihr ein unbefristetes Mandat
zu geben. Es blieb aber bei der Bezeichnung SFOR. Ihre Aufgabe war
die Verhinderung von Feindseligkeiten, die Stabilisierung des Friedens
und die Normalisierung der Verhältnisse im Land nach dem Bosnien-Krieg.“
Jetzt folgen sehr viele Einzelheiten, Begegnungen, abenteuerliche
Fahrten mit dem SFOR-Hauptmann, aber auch viele alleine, nur mit
ihrem Hund. Jede Einzelheit ist schön beschrieben, aber auf die
möchte ich nicht ausführlich eingehen.
Sondern ich umreiße mal meinen Eindruck über ihre Schilderungen.
Sie findet verlassene Ortschaften, zerstörte Städte, aber eben auch
eine dennoch vorhandene wunderschöne Landschaft und vor allem: auch
die Menschen, die dort leben, ihre Art; und: sie lernt immer Leute
dort kennen, freundet sich mit ihnen an.
Und ganz im Gegensatz zu den Schilderungen der allgemeinen Kriegsberichterstatter
für uns hier im Westen, ist die Lage dort nicht so, wie uns da vorgemacht
wird. Klar sind Folgen des Kriegs da, viel Zerstörung, aber: die
Menschen haben von ihrem Naturell nicht alles, bzw. nichts eingebüßt.
Und sie sehen ihr Land bei weitem nicht sooo trostlos an, wie das
uns in den Medien dargestellt wird.
Sie schildert einige sehr witzige, witzig-ironische Ausdrucksweisen
einiger Leute über den Krieg und die Zeit davor oder danach, die
zeigen, dass das dort weitaus anders gesehen wird Eine Unterhaltung,
wo sie einen Rat bekommt:
„Falls ich
mal ein Buch schreibe, soll ich erwähnen, dass es acht Unfälle pro
Monat gibt und das Land frühestens in hundert Jahren minenfrei sein
wird, so lange halten die Dinger. Ich soll sagen, dass es Bosnien
schlimmer erwischt hat als Kambodscha, das man mit Detonationswalzen
in gebirgigem Gelände nichts ausrichtet, dass die Geigerzähler alle
zwei Meter ausschlagen und die Experten mit vollem Sicherheitsaufwand
in Gegenwart der Ambulanz einen Blechkochtopf bergen. Infrarotgeräte
sind teuer und Hunde nicht zuverlässig. „Die Menschen lassen ihre
Kinder draußen spielen, sie gehen auf den Sportplatz und in den
Park, und der Boden unter ihren Füßen ist nicht sicher. So wird
es bleiben. Wer etwas anderes erzählt, lügt. – das soll ich schreiben
und fertig. Wir sehen uns an. „bitte!“ – „Okay“ - - Hiermit.“
Und eine andere
Stelle: „- - - - -was hängen die hier rum und warten, dass die Stadt
von oben abbröckelt, während von unten der Müllspiegel steigt? Sie
müssen die Stadt hassen, weil es nicht ihre ist, weil die einstigen
Bewohner wer-weiß-wo sind, während sie selbst von wer-weiß-wo kommen.
Nach dem Bäumchen-wechsel-dich ethnischer Säuberungen sitzen die
Menschen am falschen Ort und scheißen wie gestörte Mäuse ins eigene
Nest.
“ Eine andere
Unterhaltung: „ - - -das läuft so, sagt Caroline, - - - - - Wir
planen z.B. die Grundsteinlegung einer neuen Moschee. Für alle Fälle
wird die SFOR angefordert, und wenn ein Panzer rollt, fliegt die
Presse ein. Reden werden gehalten, es gibt Musik, dann kriegt ein
Moslem einen Stein an den Kopf. Das ist nicht schön. Wenn du hier
lebst, weißt du aber, dass der Typ ein Arschloch ist, er provoziert
und wirtschaftet seit Jahren Hilfsgelder in die eigene Tasche. Am
nächsten Tag steht in den deutschen Zeitungen, dass in Bosnien der
Bürgerkrieg wieder ausbricht. – Verstehst du ?"- - -
„ Eine andere
Stelle, wo sie die Landschaft beschreibt: „- - - Wo ich stehe, sollte
ein Lungensanatorium sein. Wie fast ganz Bosnien hat Ivanica die
beste Luft Europas. Von hier aus hätten Typen wie Hans Castorf das
Meer überblicken sollen. Am anderen Ende des Tals, das mehr ein
Schuttloch ist, stünden Lagerhallen für Waren auf dem Weg ins Inland,
und unten läge ein Kurort, Pensionen, Cafés, der Boden bewässert,
die Terrassen grün. Ein Wald würde die Hänge zusammenhalten und
den Wind abkühlen, der heiß ist, als käme er aus einem aufgedrehten
Backofen.
Aber da ist nichts. Der Wald ist abgebrannt, die Regierung, die
das Sanatorium geplant hat, gibt es nicht mehr. Auch keine Waren
auf dem Weg ins Inland, denn am Fuß des Abhangs, einen Seinwurf
entfernt, beginnt Kroatien. - - - - „ Bei diesem Buch muss ich einfach
sehr viel zitieren, anders ist es schwer zu beschreiben.
Nochmal eine
andere Stelle: „- - - - ob Glück in Bosnien anders funktioniert
als in Deutschland. Wenn ein Deutscher die Bosnier feiern sieht,
nickt er traurig: Erst wenn alles verloren ist, kann man sich auf
die schönsten Dinge besinnen. Oder: Durch Feste verdrängen sie die
Schrecken des Krieges! - - - Dabei wurde hier schon immer bei kleinster
Gelegenheit die Musik lauter gedreht und der Schnaps entkorkt. -
- - - “
Und noch eine
Stelle: „- - My name is Luka, singe ich vor mich hin, während ich
das bosnisch-serbische Mordor durchquere. Für die Nachwelt sei festgehalten:
Alles ruhig. So ruhig, dass ich nicht mehr als drei Stunden in Banja
Luka verbringe. Vor der SFOR-Base kreuzen zwei britische Panzer
die Kanonenrohre zum Eingangstor, und ich aktiviere meinen Rudimentärpatriotismus:
So etwas würden die Deutschen nie machen. Ich muss dringend noch
nach Sanski Most, ein paar meiner Romanfiguren waren schon dort.
- - -.“
Neben allen
diesen Schilderungen und Erlebnissen schildert sie aber auch sehr
witzige Erlebnisse, z.b. mit ihrem Hund, den sie immer „der Hund“
nennt. Und: unterwegs findet sie mal eine abgemagerte Hündin mit
einem Welpen. Sie gibt ihnen Futter und Wasser, alles was sie hat,
und da die Hündin mit dem Welpen dort nicht überleben kann, aber
alleine das schafft, nimmt sie den Welpen mit, nennt ihn Olga. Und
fortan hat sie den Hund und Olga in ihrem Gefolge. Und das alles
in dieser ulkigen, verrückten Sprache der Autorin geschildert.
Wer in diesem
Buch einen normalen Reisebericht in ein Kriegsgebiet erwartet, wird
verwundert feststellen, dass dem nicht so ist. – Sondern es ist
ein zwar sehr interessantes, vor allem sehr informatives Buch, aber
auch, sehr unterhaltsam und witzig geschrieben, trotz des eigentlich
ernsten Hintergrundes.
Und dazu der
letzte Satz im Buch:
„ - - -Draußen zieht im Dunkeln ein österreichischer Recyclinghof
vorbei, streng aufgereihte Maschinen, schemenhaft vorbeiflitzende
Zäune, eine Menge Schrott und flache Gebäude, und ich denke, dass
der Frieden manchmal, rein optisch, dem Krieg zum Verwechseln ähnlich
sieht. Zumindest bei Nacht.
Andererseits: Alles erinnert an etwas. Die Stille im eigenen Kopf
ist doch die lauteste von allen. Wer die Hölle überleben will, muss
ihre Temperatur annehmen. Mir ist kalt. – Ich werfe meine Jacke
auf den Boden, setze mich darauf und decke mich mit Hunden zu.“
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Juli Zeh,
geboren 1974 in Bonn, wurde für ihre Bücher, die inzwischen in 28
Sprachen übersetzt sind, vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem
Deutschen Bücherpreis (2002),
dem
Rauriser Literaturpreis (2002),
dem
Hölderlin-Förderpreis (2003)
und zuletzt mit dem
Per-Olov-Enquist-Preis (2005).
Sie lebt und arbeitet als Autorin und freie Juristin
in Leipzig.
Weitere Werke von ihr:
Adler und Engel (2001)
Ein Hund läuft durch die Republik (2004) Spieltrieb (2004)
Kleines Konversationslexikon für Haushunde (2005)
Alles auf dem Rasen (2006),
sowie eine Bühnenfassung ihres Romans Spieltrieb (2006)
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