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 Betreff des Beitrags: Siegfried Lenz
BeitragVerfasst: 16.05.2016, 09:19 
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„Siegfried Lenz, geboren 1926 in Lyck (Ostpreußen), begann nach dem Krieg in Hamburg das Studium der Literaturgeschichte, Anglistik und Philosophie. Danach wurde er Redakteur. Er zählt er zu den profiliertesten deutschen Autoren. Seit 1951 lebte Siegfried Lenz als freier Schriftsteller in Hamburg. 1988 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 2004 wurde ihm der Hannelore-Greve-Preis der Hamburger Autorenvereinigung verliehen, 2009 erhielt er den Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte und 2010 wurde Siegfried Lenz mit dem Nonino International Prize ausgezeichnet. 2011 schließlich verlieh man ihm die Ehrenbürgerwürde seiner polnischen Geburtsstadt. Siegfried Lenz verstarb 2014.“

Beschreibung
„Ein Roman von Siegfried Lenz erscheint mit 65 Jahren Verspätung. 1951 geschrieben, ist "Der Überläufer" Siegfried Lenz’ zweiter Roman. Obgleich vollendet und vom Autor mehrfach überarbeitet, blieb er bis heute unveröffentlicht.
Es ist der letzte Kriegssommer, die Nachrichten von der Ostfront sind schlecht. Der junge Soldat Walter Proska aus dem masurischen Lyck wird einer kleinen Einheit zugeteilt, die eine Zuglinie sichern soll und sich in einer Waldfestung verschanzt hat und. Bei sengender Hitze und zermürbt durch stetige Angriffe von Mückenschwärmen und Partisanen, aufgegeben von den eigenen Truppen, werden die Befehle des kommandierenden Unteroffiziers zunehmend menschenverachtend und sinnlos. Die Soldaten versuchen sich abzukapseln: Einer führt einen aussichtslosen Kampf gegen einen riesigen Hecht, andere verlieren sich in Todessehnsucht und Wahnsinn. Und Proska stellen sich immer mehr dringliche Fragen: Was ist wichtiger, Pflicht oder Gewissen? Wer ist der wahre Feind? Kann man handeln, ohne schuldig zu werden? Und: Wo ist Wanda, das polnische Partisanenmädchen, das ihm nicht mehr aus dem Kopf geht?“


Ich habe von Lenz ca. ein Dutzend Bücher gelesen. Und jedes hat mich begeistert. Ist doch jedes Buch so ganz anders. Lediglich seine Grundsatzmeinung ist erkennbar.

Dieses Buch hat er bereits ab 1951 geschrieben, hätte sein 2. Buch bei Hoffmann und Campe-Verlag werden sollen. Aber nach vielem Hin und Her, zahlreichen Änderungswünschen des Verlags wurde es dann doch nicht verlegt.
Und verschwand im Archiv.
Nach seinem Tod 2014 wurde sein Manuskript entdeckt und seine letzte Fassung davon als Buch herausgegeben.
Das machte mich natürlich neugierig. Vor allem WARUM das so war.
Im Anhang im Buch ist das ausführlich vom Verlag beschrieben. Zur damalige Zeit – so kurz nach dem Krieg, hielt es die Verlagsleitung nicht für angebracht, diesen Roman mit diesem Plot herauszubringen; es geht ja schließlich um einen Überläufer zu den Russen.

Das mal nur ganz kurz zusammengefasst, wer das Buch hat, kann es ausführlich selbst lesen. (im Anhang, am Ende des Buchs.)

Der Protagonist, Proska, ist in schwierigen Situationen, und eine davon ist eben die, als er sich entscheidet 'überzulaufen' – Er hatte nur die Wahl – entweder der Tod oder eben zu desertieren und zur russ. Armes überzulaufen. - Er wählte die Zweite Möglichkeit.

Ich habe hier einige Stellen, die ich prägnant finde für die Einstellung zum Krieg, aber auch die Einstellung zum Mensch schlechthin.

Walter Proska und Wolfgang, genannt 'Milchbrötchen', unterhalten sich. Es ist ein sehr langer Dialog, wo es u.a. auch um Einsamkeit geht. Wolfgang erzählt ihm grade einen Teil seines Lebens, wo er Vergleiche zieht zu der Arbeit eines Chirurgen......


„....ich versteh dich nicht vollständig, Wolfgang, hast du Medizin studiert? - Schau Walter, wir haben uns in der Welt nach dem Guten zu orientieren. Das klingt banal, ich weiß. Aber da sich das Böse in mancherlei Gestalt gibt, ist es notwendig, versuchte Vorsätze zu revidieren, die schadhaften Stellen ausfindig zu machen und die Löcher in den Ergebnissen unserer Erkenntnis abzudichten. Und das erfordert ein ungeheures Maß an analytischer Fähigkeit und eine radikale Offenheit gegen sich selbst. Man muss die Kraft haben, einer Sache, der man zwanzig Jahre lang nachgelaufen ist, einen Fußtritt zu geben, wenn man einsieht, dass diese nicht nur falsch sondern gemein, hinterhältig, gefährlich und mörderisch ist. Du weißt vielleicht, was ich meine. Wir müssen uns vor den nationalen Rattenfängern hüten. Wasser in die Ohren laufen lassen. Wachs in die Gehörgänge! Neben der Freiheit lobe ich mir die Skepsis. Wir sollten den Dung der Freiheit in die Herzen karren und darauf die Skepsis pflanzen. Verstehst du mich? Ich bin wohl etwas aufgeregt, was? Kein Wunder. Du bist der erste, dem ich Vertrauen schenke, Walter.....“
(S. 102)

Eine andere Stelle möchte ich auch zitieren:
Er hatte Wanda wieder getroffen, das russische Mädchen aus Tamaschgrod. Er nannte sie 'Eichhörnchen' wegen ihrer Augen. Ihre Taille beschrieb er als 'Stundenglastaille'. Und als sie wieder verschwunden ist, fasst er seine Gedanken in einem Gedicht zusammen.


„....Als Wanda hinter dem Schilffeld verschwunden war, zündete er sich eine Zigarette an und latschte gemütlich, ein wenig mitgenommen, aber mit einem scheren, zufriedenen Gefühl in der Brust, zu seiner Unterkunft. Der Abend war still und schön, er hatte etwas von einem leisen, redlichen b+Bürger, um den sich keiner den Kopf zerbricht. Bürger Abend bot, so wenigstens schien es Proska, nichts Verdächtiges. Am Himmel graste die wolkige Einfalt; die stumme Herde ließ den Krieg vergessen. Krieg; ja das ist die Zeit, wenn das Blut gekeltert wird, Krieg; das ist der mächtige Zorn des Eisens, jene zeit, da die Panzer mit gleichmütigen Bissen die Landschaft töten; Krieg: das ist das grausam-lächerliche Abenteuer, in das sich Männer einlassen, wenn sie der Hafer des Wahnsinns sticht, die Tage, da Nachsicht und Geduld rar werden, da jedem eine Stoppuhr läuft – und keiner kennt die düsteren Zeitnehmer - , Krieg, Krieg, Krieg: zerschelltes Glas der Herzen, Springflut des roten Saftes, Kurzschluss der Sehnsucht. Krieg! Wer bist du, du Löschpapier für den Schlaf! Du, der uns mit dem scharfen Atem des Elends triffst!....“
S. 161)

Insgesamt ein nachdenklich stimmendes Buch. Dennoch, Lenz hat es in seiner unnachahmlichen, oft poetischen Sprache geschrieben. Wehmut, Trauer, aber auch Wut und Zorn bringt er zum Ausdruck. - Und – obwohl schon im März 1951 von Lenz verfasst, ist es heute so aktuell wie nie.

_________________
Herzliche Grüße
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 Betreff des Beitrags: Re: Siegfried Lenz
BeitragVerfasst: 03.08.2016, 09:11 
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Registriert: 02.08.2016, 15:50
Beiträge: 1
Ich finde Lenz auch großartig (im Allgemeinen), doch bei diesem Buch kann ich dir nicht ganz zustimmen. Ich fand es sehr mühsam zu lesen, viel zu viele Wiederholungen und - gemessen an der Tiefe des Themas - letztendlich auch zu oberflächlich. Ich denke Lenz wusste schon, warum er Zeit seines Lebens nicht darauf gedrängt hatte, es noch mal neu herausbringen zu lassen.
Ich war von der Lektüre enttäuscht, aber andererseits ist es ja schön zu wissen, dass er nach diesem Erstling sehr viel besser wurde.
Und: ich bin sehr froh, dass ich hier wieder schreiben kann! :D es zeugt ja schon von ziemlicher Blödheit, wenn man - wie ich - sowohl den Benutzernamen wie auch das Passwort vergißt. Ab jetzt werde ich wieder öfter kommentieren, vesprochen! Alles Liebe, Elvira


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